11.04.2008 — Kaum ein anderes Gebiet macht zur Zeit eine derart dramatische und rasante Entwicklung durch wie das Verhältnis von Musik und Medien. Die einfache und praktisch kostenfreie Distribution digitaler Inhalte über ein globales Netz hat die Geschäftsmodelle der Musikindustrie in ihren Grundfesten erschüttert, der freie Zugang zu jeglicher Musik jeglicher Herkunft und Moral die Anforderungen an Erziehung und Bildung drastisch verändert. Die Umwälzungen sind nach wie vor im Gang und werden vermutlich erst zur Ruhe kommen, wenn alles, was sich in immaterielle, digital kodierte Form bringen lässt (und das ist vielleicht noch einiges mehr als wir heute glauben), überall und jederzeit ohne Aufwand und auf einfachste Art zugänglich und der Umgang damit wie Lesen und Schreiben zu einer allgemein verbreiteten Kulturtechnik geworden ist.
Eine Art aktuelles Querschnittbild zur Sache bietet der Sonderband «Musik und Medien» der Fachzeitschrift «Medien & Kommunikationswissenschaft». Es gliedert sich laut dem in Zürich und Hannover tätigen Gastherausgeber Holger Schramm in drei Blöcke, nämlich in Perspektiven der Ökonomie, der Angebote sowie von Nutzung und Wirkung (9). Es geht dabei um Aspekte wie die Techniken der Internet-Distribution (Tauschbörsen, Digitale Rechtesysteme, Podcasting, Preismodelle), Musik in Radio und Werbung sowie Wirkungstheorien. Etwas allgemeinere Themen, die auch in andern Zusammenhängen als der Mediennutzung hätten publiziert werden können, schneiden zwei Artikel zur emotionalen Wirkung von Musik an.
Angesichts der Ausgangslage ist die Halbwertszeit von wissenschaftlichen Untersuchungen auf diesem Gebiet, denen zwangsläufig eine relativ lange Vor- und Nachbearbeitungszeit eigen ist, eher kurz. Hinzu kommen zwei bei jungen Forschungsfeldern generell zu beobachtende Phänomene: Zum einen werden da empirische Daten vor allem im studentischen Milieu erhoben, zum andern wird angesichts der generierten Stichprobengrössen gerne mit theoretischen Kanonen auf empirische Spatzen geschossen.
Auch wenn das eine oder andere in dem Band doch eher akademisch-trocken bis -hölzern daherkommt, sind praktisch alle Beiträge anregend und lesenswert. Einige Perlen stechen aber deutlich heraus. Mit Blick auf die klassische Musik ist vor allem Corinna Lüthjes spannende, ausserordentlich gut recherchierte und mit viel Exklusivmaterial aufwartende Chronik des deutschen Spartensenders Klassik Radio zu nennen. Sie lässt eigentlich bloss eine − allerdings eine wesentliche − Frage offen: Da immer wieder die Rede davon ist, dass die Werbewirtschaft trotz mehrmaliger Strategiewechsel von dem Unternehmen nicht überzeugt werden konnte, hätte man gerne gewusst, ob es dem Sender tatsächlich einmal gelungen ist, Gewinne abzuwerfen und wer letztlich die anzunehmenden Verluste getragen hat.
Aber darüber haben sich die Verantwortlichen vermutlich ausgeschwiegen. Mit der offenschtlichen Unlust, substantielle Unternehmensinformationen an die Wissenschaft weiterzugeben, müssen auch andere Autorinnen leben. So bemerken Caroline Coridass und Katja Lantzsch («DRM-Formate und Standardisierungsstrategien in der digitalen Musikdistribution»), dass «Unternehmen aus Wettbewerbsgründen häufig reserviert auf Interviewanfragen und die damit verbundene mögliche Veröffentlichung von betriebsinternen Informationen reagieren» (21). Ihr Artikel über digitale Rechtesysteme dürfte übrigens vermutlich einer derjenigen mit dem frühesten Verfallsdatum darstellen.
Ebenfalls interessant ist ein (studentisches) Experiment zu einem Umsatzmodell für Musiktauschbörsen («Sharing Files, Sharing Money. Ein experimenteller Test des Nutzungsverhaltens in Musiktauschbörsen unter verschiedenen ökonomischen Anreizbedingungen» von Oliver Quiring, Benedikt von Walter und Richard Atterer), das von der Grundidee ausgeht, die Gewinne, welche der Zwischen- und Einzelhandel in der Musik bislang eingestrichen hat, an die Anbieter von Netz- und Festplattenressourcen in Tauschbörsen zu verteilen. Es scheint ein natürliches und ökonomisch gerechtes Modell zu sein, dessen Durchsetzung allerdings von Realitäten verhindert werden dürfte, welche die Autoren ausklammern: die traditionellen Geschäftsbeziehungen und Marktmächte, über die sich die Anbieter von Musik nicht ungestraft hinwegsetzen können. Durchaus möglich allerdings, dass Gewinnteilungen, wie sie hier vorgeschlagen werden, einmal zum Thema werden, wenn der Zwischen- und Einzelhandel im Musikgeschäft bloss noch als Kapitel in Büchern der Wirtschaftsgeschichte existiert.
Ein eher amüsantes Detail zum Schluss: So beredt Verfechter der Neuen Musik sind, wenn es darum geht, einem grösseren Publikum ihr Musikverständnis näherzubringen, so entlarvend ist eine hier vorgestellte experimentelle Anordnung zur Frage, ob Musik je nach Stimmung anders wahrgenommen wird («Stimmung macht Musik» von Markus Seifert und Marco Bräuer). Dabei geht es darum, den teilnehmenden Schülern gezielt die Laune zu verderben. Die wissenschaftlich wohl fundierte Methode dazu: «Um Energielosigkeit zu erzeugen, wurde die Stimmung der Probanden weiterhin stimulusorientiert manipuliert. Damit fiel die Wahl auf eine Methode, welche sich bereits in andern empirischen Studien für die Stimmungsmanipulation bewährt hat. Den Schülerinnen und Schülern wurde zu Beginn ein Video vorgeführt (‚Times Beach‘ von Frank Zappa in einer orchestralen Aufführung des Ensemble Modern). Die Probanden waren dazu angehalten, während der Präsentation nicht miteinander zu reden und zwei Aufgaben zu erledigen: Die erste Aufgabe war, eine Struktur des Musikstücks zu erkennen und zu skizzieren; die zweite Aufgabe bestand darin, die Instrumente aufzuzählen und zu notieren. Es war davon auszugehen, dass auf diesem Weg den Schülerinnen und Schülern am Ende eines Unterrichtstages eher langweilig wird und dass sie weiterhin die momentane Situation zumindest in gewissem Mass eher negativ bewerteten.» (167). (wb)
Sonderband «Medien & Kommunikationswissenschaft. Musik und Medien», herausgegeben vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Gastherausgeber Holger Schramm. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2007. ISBN 978-3-8329-2789-9.