03.07.2008 — Der vor hundert Jahren geborene und 1992 verstorbene französische Komponist Olivier Messiaen ist uns noch zu nahe, als dass wir bereits ein gesichertes Bild von seiner Biografie hätten. Auch Alltägliches, das bei Personen der Öffentlichkeit ansonsten verfügbar ist, findet sich in seinem Falle kaum, hat er sein Privatleben doch vor Öffentlichkeit und Bekannten bewusst verborgen gehalten. Den Blick hinter die Kulissen haben die britischen Musikologen Peter Hill − ein Schüler Messiaens −, und Nigel Simeone in einem Buch geworfen, das 2005 im englischen Original erschienen ist. Sie hatten als erste Publizisten breiten Zugang zum Privatarchiv des Tonschöpfers und konnten sich für ihre Biografie auf eine Fülle von «musikalischen Skizzen, Briefen, Stichwortzetteln, Tagebüchern und hunderten von Fotografien» (Klappentext des Buches) stützen. Das Resultat: mehr als 400 reich illustrierte und sorgfältig dokumentierte Seiten, die ein detailreiches Panoptikum eines Musikerlebens ausbreiten − geprägt von tiefer Religiosität, künstlerischer Eigenständigkeit, aber auch traumatischen Lebenserfahrungen von Kriegsgefangenschaft und gesundheitlichem Verfall der ersten Ehefrau.
Der detailreiche, von Birgit Irgang ins Deutsche übersetzte Band ist mit einem sorgfältig erstellten Literaturverzeichnis und einem sehr detaillierten Register versehen. Dies macht ihn für Journalisten, Musikwissenschaftler und Musiker, die über die Umstände der Entstehung einzelner Werke mehr wissen möchten, zu einer wichtigen Arbeitshilfe. Dazu trägt ebenfalls die Tatsache bei, dass der Blick auf die Originalquellen nicht von subjektiven Deutungen und Interpretationen der Autoren verstellt wird.
Der Text macht interessanterweise zugleich den Eindruck grosser Sorgfalt in der Korrektheit der Daten als auch einer hastigen Schreibweise. Das Bemühen darum, bloss die Fakten sprechen zu lassen, ist Vor- und Nachteil zugleich. Zum einen fühlt man sich dank der Selbstzeugnisse aus Briefen und persönlichen Notizen in dramatischen Momenten wie der Uraufführung des «Quatuor pour la fin du temps» im Kriegsgefangenenlager von Görlitz, der Polemik um den «Fall Messiaen» oder die Entstehung der Oper «Saint François d’Assise» dem Tonschöpfer nahe und verfolgt dessen Arbeit bei der Lektüre beinahe atemlos.
Die Methode lässt vor allem private Momente wie etwa den Tod des Vaters (236) hingegen einer eher irritierenden, nivellierenden Gleichgültigkeit zu überlassen. Der O-Ton mag davon einen Eindruck geben: «Während er sich im Hérault aufhielt, erreichte ihn die Nachricht, dass sein Vater [Pierre] am 26. Juni plötzlich und unerwartet in Orange gestorben war. Messiaen nahm sofort den Zug nach Orange und dann nach Paris zur Testamenteröffnung und zur Unterzeichnung der erforderlichen Dokumente. Nach Pierres Tod hoffte Messiaen, das verschwundene Manuskript des Livre d’amour seiner Mutter zu finden − es wurde jedoch nicht entdeckt. Messiaen hatte seinen Vater einst nach dessen Verbleib gefragt und eine solch wütende Antwort erhalten, dass er vermutete, sein Vater habe Céciles Werk vernichtet. Nachdem Cécile gestorben war, hatte Pierre Marguerite Élie geheiratet, die aus Orange stammte. Sie hatten einen Sohn…» (236) und sogleich wird wieder das Thema gewechselt.
Die nüchterne, kaum gewichtete Aneinanderreihung von Fakten kann gar zu sicherlich falschen Eindrücken der Person Messiaens führen. So erfährt der Leser rund um die grande rafle von 1942, in der in Paris 13’000 Juden in einer Razzia aus ihren Wohnungen geholt wurden, folgendes: «Obwohl die meisten Pariser das Ausmass der grande rafle nicht überblickten, stand doch der Beginn ihrer Sommerferien unter dem Eindruck dieser schrecklichen Unmenschlichkeiten. Messiaen traf am 25. Juli Line Zilgien, um für den Sommer alles vorzubereiten, was die Trinité anbelangte. Danach fuhr er in den Urlaub.» (130). Unvorstellbar, dass der Komponist mit der Gleichgültigkeit, die hier suggeriert wird, auf ein derartiges Ereignis reagiert haben dürfte.
In mindestens einem Fall ist die entscheidende Information zum Verständnis geschilderter Episoden gar in einer Fussnote versteckt. Es handelt sich dabei um die Uraufführung von «Turangalîla», die ein Zerwürfnis von Messiaen und seinem Schüler Boulez zur Folge hatte. Die Autoren schreiben: «Loriod zufolge kam Boulez nach der Probe hinter die Bühne und äusserte Messiaen gegenüber seine bekanntermassen verletzenden Bemerkungen über das Werk (in Anwesenheit des chilenischen Komponisten Acario Cotapos). Dieser Vorfall führte mehrere Jahre zum Bruch zwischen Lehrer und Schüler» (185). Um was es dabei geht, muss man hinten nachschlagen: «Jameux zufolge sagte Boulez zu Messiaen, dass sein Werk dazu führe, dass er sich ‚erbrechen‘ müsse.» Es handelt sich um ein Zitat aus dem Buch «Pierre Boulez» von Dominique Jameux aus dem Jahr 1991. (wb)
Peter Hill und Nigel Simeone: Messiaen, aus dem Englischen von Birgit Irgang, Schott Mainz 2007, ISBN 978-3-7957-0591-6