05.08.2008 — 1985 ist das «Handbuch Musikpsychologie» des Herausgebertrios Herbert Bruhn, Rolf Oerter und Helmut Rösing erstmals erschienen. Seither hat es − relativ früh − eine Überarbeitung und verschiedene Neuauflagen erlebt. Die erneute Überarbeitung bildet einen richtungweisenden Meilenstein, der sich augenfällig in einem Generationenwechsel äussert: Für Kontinuität sorgt der Hamburger Psychologe Bruhn; Oerter und Rösing hingegen sind von den jüngeren Kollegen Reinhard Kopiez und Andreas C. Lehmann abgelöst worden. Das Trio sorgt erklärtermassen für einen noch engeren Anschluss des Fachs (oder besser: Fachkomplexes) an die internationale Forschung. Es folgt «dem angloamerikanischen Vorbild von Wissenschaftspublizistik, in die mittlerweile deutsche Wissenschaftler wieder eingebunden werden» (12), nachdem sie, kann man den Hinweis ergänzen, sich lange Zeit mit Veröffentlichungen in ihrer eigenen Sprache und in eigenen Fachpublikationen begnügten − und mit einer empiriokritischen Haltung, in der noch Adornos Skepsis gegenüber «positiver Wissenschaft» nachschwang.
Der Überblicksartikel zur Geschichte der Disziplin am Ende des Bandes räumt denn auch explizit ein, dass sich die deutsche Musikpsychologie erst mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) 1983 und dem Erscheinen der ersten Handbücher − neben der ersten Ausgabe des vorliegenden auch demjenigen Helga de la Motte-Habers − der internationalen Forschung geöffnet hat.
Die Neuauflage des Handbuchs setzt die Entwicklung konsequent fort, die von der DGM, deren gegenwärtiges Präsidium Lehmann innehat, 2003 beispielhaft weiter vorangetrieben worden ist. Dannzumal amtete die Hochschule für Musik Hannover, eines der Zentren der musikpsychologischen und -physiologischen Forschungen in Deutschland, als Gastgeberin für die europäische Konferenz der Escom (European Society for the Cognitive Sciences of Music, siehe Konferenzbericht). Es ging dabei unter anderem erklärtermassen darum, den Nachwuchs dazu zu bringen, sich sowohl in Englisch als auch in Deutsch zu artikulieren und sich als Teil globaler Netzwerke der Scientific Community zu verstehen.
Rein äusserlich ist von der stärkeren Anlehnung an internationale Standards kaum etwas zu bemerken. Am augenfälligsten sind die neu hinzugekommenen Abstracts, welche die einzelnen Artikel einleiten. Etwas weniger augenfällig, aber durchaus spürbar ist der hohe Aufwand, der beim Lektorieren der Artikelsammlung offensichtlich betrieben worden ist und für durchgehend hohe sprachliche Prägnanz sorgt, sowie die mutige Beschränkung auf 34 Beiträge, durch welche die Sammlung an Profil und Nutzerfreundlichkeit noch hinzugewonnen hat. Die letzte Auflage zählte 72 Artikel.
Die Gliederung der Bereiche zeigte in der letzten Ausgabe noch eine eindeutige, für das kontinentale Denken charakteristische Richtung vom Gesellschaftlichen über das Individuelle hinunter in die Mikrowelten der Physiologie. Auch wenn die soziologischen Themen durchaus noch Gewicht haben − sie finden Niederschlag in den Kapiteln «Musikkultur und musikalische Sozialisation», «Musik und Medien» und «Musikleben», machen sich doch einige Neugewichtungen bemerkbar.
So nimmt der Bereich der Neuromusikologie, unter anderem mit einem hervorragenden Einführungsartikel von Stefan Koelsch und Erich Schröger, deutlich mehr Raum ein, was die stürmische Entwicklung auf dem Gebiet seit der konsequenten Nutzung bildgebender Verfahren widerspiegelt. Die Musiktherapie, die in der letzten Ausgabe noch acht Beiträge beisteuerte, ist auf einen Überblicksartikel beschränkt worden. Darin äussert sich sicherlich auch eine Emanzipation des Themas, das vor allem in den Diskussionen um evidenzbasierte Methoden der Wirkungsnachweise in den letzten Jahren eine eigene Richtung eingeschlagen hat. Eingang gefunden hat dafür erstmals die Musiker-Medizin, ein Hinweis darauf, dass das überaus wichtige Gebiet der seelischen und körperlichen Gesundheit der Musizierenden − respektive deren aufallend hohe Krankheitsanfälligkeit − zunehmend enttabuisiert wird.
Am stärksten zeitgebunden scheinen die Erörterungen zum sich stürmisch entwicklenden Gebiet der Medien. Standen in den neunziger Jahren noch Walkman, Hörfunk und als höchstes der Gefühle der Videoclip im Fokus des Interesses, machen sich die Autorinnen und Autoren der aktuellen Version Gedanken über Phänomene wie Synästhesie und die alltägliche Nutzung von Musik.
Schliesslich ist eine weitere Akzentuierung deutlich spürbar: In die musikpsychologischen Erörterungen werden immer zwangloser und gewichtiger die zeitgenössischen populären Musikformen aufgenommen. «Wir sind davon überzeugt», schreiben dazu die Herausgeber (13), «dass das Aufkommen der Rock-Pop-Musik eine musikgeschichtlich epochale Wende von einer durch klassische akustische Instrumente produzierten Musik hin zu einer Musik darstellt, die von Elektronik, Verstärkung und massenmedialer Vermittlung bestimmt ist.» (wb)
Herbert Bruhn, Andreas C. Lehmann, Reinhard Kopiez, (Hg.): Musikpsychologie. Das neue Handbuch, Rowohlts Enzyklopädie, Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-55661.