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Mantel: Interpretation – vom Text zum Klang

05.02.2009 — In einem deutschsprachigen Musikbuch unter dem Titel «Interpretation» vermutet man möglicherweise bedeutungsschwere und tiefgründige Reflektionen über das Verhältnis der Tonkunst zum kosmischen Dräuen und Walten oder der Vielschichtigkeit semiotischer Beziehungen zwischen Partituren, Aufführungen und der Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Gerhard Mantels Studienbuch ist (gottlob) nichts von alledem. Vielmehr entwirft der Autor eine Art praxisorientiertes Rahmenwerk zur Frage, wie der ausübende Musiker sich einer niedergeschriebenen Komposition nähern soll, um zu einer lebendigen, einzigartigen und in sich stimmigen Umsetzung des Notentextes zu gelangen. Mantel entwirft dabei ein leicht internalisierbares Schema, das einerseits einen sinnvollen begrifflichen Rahmen präsentiert, anderseits in Form eines differenzierten Baukastens eine Fülle an Lösungsmöglichkeiten für zahlreiche Einzelprobleme bereitstellt und damit wiederum exemplarisch aufzeigt, wie man individuellen Herausforderungen begegnen kann.

Gekrönt wird die Abhandlung mit allgemeineren Überlegungen zu Übestrategien, welche die modernen Erkenntnisse von Hirnforschung und Lerntheorie auf hervorragende Weise auf die täglichen Anforderungen des Musizierens übertragen − ein wunderbares Buch, das in Ausbildung und beruflichem Alltag zum Standardwerk werden dürfte.

Viele Studenten, schreibt Mantel im Vorwort, übertrügen die Verantwortung für ihre eigene Entwicklung viel zu sehr und zu lange auf einen Lehrer. Das Buch solle zu eigenverantwortlichem Umgang mit der eigenen Begabung beitragen. Der Lehrer wiederum könne sich zur Auseinandersetzung anregen lassen, auf welcher Entwicklungsstufe ein Schüler sich gerade befinde. Wichtig sei ihm dabei das Bestreben, ästhetische und mentale Prozesse, die bei einer Interpretation in den meisten Fällen unbewusst, aber keineswegs unbemerkt und wirkungslos ablaufen, dem Bewusstsein zu erschliessen.

In einem ersten Teil wendet sich Mantel der Arbeit an den einzelnen Parametern zu, namentlich dem Rhythmus, der Dynamik, der Artikulation, der Klangfarbe und dem Tempo. Abgeschlossen werden die mit zahlreichen lehrreichen Einzelanalysen verbundenen Erörterungen mit allgemeineren Überlegungen dazu, wieviel an Modulation es dabei denn sein sollte, darf oder müsste. Es scheint dabei, meint Mantel, «neben den Geschmacksunterschieden eine Reihe von ästhetischen Verbindlichkeiten, ‚Regeln‘ zu geben, nach denen alle Menschen entscheiden, ob etwas passt oder nicht.» (113). Das Buch stelle deshalb auch einen Versuch dar, solchen Regeln auf die Spur zu kommen.

In weiteren Kapiteln befasst sich der Autor mit der Bedeutung der Struktur, von Profilen, welche die Arbeit mit einzelnen Parametern generieren, der Bedeutung von Variationen und Abweichungen und schliesslich den verbindenden Klammern von Verknüpfungen einzelner Partien und Assoziationen mit aussermusikalischen Phänomenen, die das Spiel bereichern können.

Zum Schluss macht sich Mantel allgemeinere Gedanken über Ausdruck, Kommunikation und die Rolle des Interpreten. Moderne Modelle der musikalischen Semantik und die aktuellen Resultate der Neuromusikologie integriert er dabei auf stimmige Weise in seine anwendungsorientierte Pragmatik der Interpretation.

Zitate aus dem Buch:
«Viele verwechseln die Ganzeitlichkeit des Eindrucks (der Wirkung) mit der Ganzheitlichkeit der Erarbeitung! Man kann die Ganzheit der Darstellung bei der interpretatorischen Arbeit nur durch Gliederung, also durch wechselnde Fokussierung der Aufmerksamkeit erreichen.» (36)
«Wie oft kann man erleben, dass ein Interpret eine kleine Wendung ‚bildhübsch‘ darstellt, um sie bei einer Wiederholung wieder genauso ‚bildhübsch‘ zu spielen. Niemand hört sich gerne zweimal den gleichen Witz an.» (112)
«Das Glücksgefühl von ‚Flow‘ und ‚Intuition‘ ist das Resultat vorheriger intensiver, ja anstrengender und vor allem hartnäckig betriebener Arbeit.» (254) (wb)

Gerhard Mantel: Interpretation. Vom Text zum Klang. Studienbuch Musik, Schott Verlag Mainz 2007, Bestellnummer ED 8731. 264 Seiten. ISBN 978-3-7957-8731-8.

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