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Komponistenporträts

13.02.2009 — Mit Büchern ist es wie mit Menschen: Beeindruckendes Äusseres zeugt nicht durchwegs von entsprechendem innerem Format. Wer den grossen Reclam-Bildband mit Komponistenporträts zur Hand nimmt – er misst 34,5 auf 25,5 cm – und blättert, betrachtet, zu lesen beginnt, stellt alsbald fest, dass hier Aussen und Innen in Gehalt und Bedeutung aufs Schönste und Interessanteste harmonieren.

86 Bildnisse von Komponisten und Komponistinnen hat Dietrich Erben zusammengestellt und nach dem Entstehungsjahr der Bilder bzw. Plastiken chronologisch geordnet: Die Pinakothek führt von der Renaissance bis zum Ende des letzten Jahrhunderts, von Palestrina (1554) und Orlando di Lasso (1570) zu Morton Feldman (1978), György Ligeti (1984) und Luigi Nono (1986). Zwei Drittel der Porträts stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Bewusst hat Erben nur die «klassische» Kunstmusik des europäischen Kulturkreises und die von Europa beeinflusste Musik in Nordamerika in den Blick genommen.

Zu den unverzichtbaren Grossen der Musikgeschichte treten aber auch Musiker, die einst berühmt waren, heute aber nur noch Spezialisten bekannt sind, etwa Lanier, Mouton, Rebel, zudem einige Frauen – darunter Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre, Anna-Amalia von Sachsen-Weimar, Marianne Martinez, Fanny Mendelssohn Hensel, Clara Schumann –, die, wie man weiss, gegen ihre Familie, Kollegen und die sozialen Normen keinen leichten Stand hatten.

«Hauptanliegen des Buches ist es, ausgehend von den persönlichen Beziehungen zwischen Komponisten und bildenden Künstlern, den vielfältigen ästhetischen Konstellationen auf die Spur zu kommen, die beide miteinander verbanden», hält der Autor in der Einführung fest. Deshalb berücksichtigt er nur zu Lebzeiten der Musiker entstandene Bildnisse. Nicht alle Künstlerbeziehungen wurden zu Freundschaften; in vielen Fällen lässt sich eine kritische Distanz, hier und dort gar Unverständnis und Ablehnung ausmachen. «Von einer negativen Warte aus verdeutlichen auch solch problematische oder sogar gescheiterte Künstlerbegegnungen die besondere Prägung des Komponistenbildnisses, bei dem es sich sowohl um ein Dokument der persönlichen Beziehung zwischen zwei Künstlern unterschiedlicher Sparten handelt als auch um ein visuelles Manifest der Verständigung über künstlerische Grundfragen.»

Dietrich Erben (geb. 1961) ist seit 2003 Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind politische Ikonografie, Architekturtheorie, kunsthistorische Komparatistik und Institutionengeschichte. Kunstwissenschaftler wagen sich erfahrungsgemäss nicht allzuweit ins Feld der Musikgeschichte und -theorie vor. Umso erstaunlicher sind die fundierten, das ganze Entwicklungsspektrum von der Gregorianik bis zu den jüngeren Strömungen umfassenden Kenntnisse, die Erben in seine brillanten Analysen einzuflechten versteht. Dieses Ineinandergreifen von kunsthistorischem und musiktheoretischem Wissen prägt denn auch entscheidend das Gewicht des Bandes. (Wenn der Autor über seine Texte von «miniaturhaften» Begegnungsszenen spricht, darf die Wahl des Adjektivs als krasse Untertreibung gelten…)

Ein visueller Dialog also zwischen Künstler, Modell und Betrachter. Gut vier Jahrhunderte Kunst- und Musikgeschichte sind da in den Blick gefasst, zusammengeführt in gegenseitiger Beleuchtung und scharfsinniger kritischer Kommentierung, auch mit Hilfe der Zeugnisse von Zeitgenossen, Kritikern, Künstlern und Literaten. Und ausgeweitet durch grundsätzliche Informationen zu Themenbereichen wie Kunsttheorie, Malereigeschichte, Tradition des Porträts, Naturnachahmung und Idealisierung, Bildformular, Symbole, Gesten, Auftraggeber, Librettisten, Mäzene, Künstler und Gesellschaft, Rezeption, Realität und Utopie.

Eine Reise im Zeitraffer, in deren Verlauf historische Ereignisse und Entwicklungen, ästhetische Neuerungen, Stile und Stilwandel, Techniken und kompositionsgeschichtliche Stationen erläutert werden. Den Abbildungen – die Originale wurden ausgeführt in Holz- und Scherenschnitt, als Malerei auf Pergament und Leinwand, als Bleistift-, Buntstift-, Kohle-, Pastell- und Federzeichnung, Lithografie und Fotografie, in Terrakotta und Marmor, Draht und Stahl – ist die rechte Buchseite vorbehalten, wo sie ihre Wirkung grosszügig entfalten; auf der gegenüberliegenden Seite steht, im Zweispaltensatz umbrochen und in der Regel ebenfalls eine ganze Seite beanspruchend, der zugehörige Text.

Dietrich Erben gelingt es beispielhaft, die Spannung zwischen Betrachten und Lesen, bewusstem Schauen, detailliertem Erkunden und präzisem Analysieren aufzubauen – ein nachhaltig anregendes Erlebnis!

Zitat aus dem Buch:
«Bis ins frühe 20. Jahrhundert finden sich kaum Bildnisdarstellungen mit Brille. Bei den wenigen Künstlerselbstporträts kommt die Brille bisweilen als Symbol für das reflektierende Schauen oder für die Neugier an der Welt zum Einsatz. In der Moderne gilt sie als Attribut des Alltags, und die Maler lassen sich auch die formalen Anreize bei der Darstellung nicht entgehen.» (Seite 140; zu Max Reger, 1917, von Max Beckmann)
(ws)

Dietrich Erben: Komponistenporträts. Von der Renaissance bis zur Gegenwart. 216 Seiten mit 86 Farbabbildungen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2008. Subskriptionspreis bis 28. 02. 2009: € 49,90. Fr. 83.90; danach € 59,90. Fr. 99.90.

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