25.03.2009 — Ein flüchtiger Blick auf die Alterspyramiden der Industriestaaten genügt, um zu wissen, dass eine alternde Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten auf beinahe allen Gebieten vielfältige Herausforderungen stellen wird. Umgang mit und Nutzung von Musik sind dabei natürlich auch betroffen. Die klingende Kunst wird in der Regel mit Jugendlichkeit, Spannkraft, künstlerischen und intellektuellen Spitzenleistungen und entsprechenden Anforderungen assoziiert. Da gilt es umzudenken: Im dritten Lebensalter kann sie zahlreiche Funktionen übernehmen, welche Lebensqualität und Teilnahme am sozialen Leben positiv beeinflussen. Sie kann damit auch Kosten für Pflege und Wahrung der Unabhängigkeit der Betroffenen senken helfen.
Die vielfältigen Aspekte des Themas «Alter und Musik» werden heute akademisch und gesellschaftlich mehr und mehr aufgearbeitet, je nach Gebiet ist der Stand der Forschung aber recht unterschiedlich. Einiges weiss man heute über die spezielle Problematik des alternden Berufsmusikers und des Einsatzes von Musik auf spziellen Gebieten der Altersmedizin, in andern Bereichen − vor allem in der Rolle, die sie in der Altenpflege spielen kann − steckt die wissenschaftliche Aufabeitung noch in den Anfängen.
Dies liegt nicht zuletzt daran, dass zahlreiche Aspekte des Themas hochgradig interdisziplinär sind, das heisst pädagogische, soziale, medizinische, wirtschaftliche und kulturelle Fragestellungen vereinen. Diesem Umstand ist im September 2006 an der Tagung «Musikkultur, Gesundheit und Beruf: Bildungsperspektiven in alternden Gesellschaften» in der Paderborner Bildungstätte Liborianum Rechnung getragen worden. In dem vorliegenden, von Heiner Gembris herausgegebenen Band «Musik im Alter» ist ein Teil der Vorträge versammelt, die während der Veranstaltung speziell Musik und Musikkultur gewidmet waren.
Es handelt sich dabei um ein eher locker strukturiertes Sammelsurium an Beiträgen, die auf bestimmten Gebieten den Stand der Forschung reflektieren, Thesen diskutieren oder mögliche Entwicklungslinien für Forschung und Bildungs- oder Sozialpolitik skizzieren. Ein erster Teil mit Beiträgen von Harald Kühnemund, Dietmar Köster, Helmut Heseker sowie Matthias Kliegel und Theodor Jäger umreisst die gesellschaftlichen, gesundheitlichen und psychologischen Rahmenbedingungen des Themenkomplexes; ein zweiter nimmt sich Aspekten der musikalischen Aktivitäten im Alter an, so unter anderem der allgemeinen musikalischen Entwicklung (Heiner Gembris), der Stimme (Bernhard Richter), dem instrumentalen Musizieren (Claudia Spahn), dem alternden Orchestermusiker (Thomas Schmidt-Ott) und dem ebenso in die Jahre kommenden Konzertpublikum (Thomas K. Hamann).
Etlichen sozialen und ökonomischen Zündstoff birgt der dritte Teil, der die Chancen der Arbeit mit Musik in der Altenpflege reflektiert − ein Potential, das weder Gesundheitspolitiker noch die Verantwortlichen der Ausbilder in Sachen Altenpflege heute wirklich realisiert zu haben scheinen. Astrid Söthe, Dorothea Muthesius, Thomas Grosse, Heiner Gembris und Gerhard Nübel weisen hier auf viel Bedenkenswertes hin, unter anderem auf eine in Hannover angebotene Weiterbildung in Interaktivem Musizieren, die musikalische Interventionen im Klinik- und Heimalltag professionalisiert, und Konzepte zur Anregung und Kommunikation mit dementen Patienten, die über Sprache nicht mehr, mit Hilfe von Musik aber nach wie vor erreichbar sind.
Christian Höppner, der Generalsekretär des Deutschen Musikrates, steuert schliesslich noch einige Überlegungen zu den musikpolitischen Perspektiven des Themas bei. Sie gipfeln in der Forderung, die nötigen Mittel für Investitionen auf diesem Gebiet bereit zu stellen − mit Blick auf den volkswirtschaftlichen Nutzen des Einsatzes von Musik schon nur in der Geriatrie ein mehr als sinnvolles Begehren. (cf)
Heiner Gembris (Hrsg): Musik im Alter − Soziokulturelle Rahmenbedingungen und individuelle Möglichkeiten. Verlag Peter Lang, Frankfurt 2008, 312 Seiten. ISBN 978-3-631-57809-4.