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Musikpädagogik im Spannungsfeld der Moderne

29.04.2009 — Am 9. Mai 2009 wird sich in der österreichischen Stadt Linz Seltsames ereignen: 111 Radfahrer werden vor Publikum defilieren und dabei ungewöhnliche Pfeif-, Sing- Flatter- und Huptöne von sich geben. Angesagt ist eine Aufführung von Mauricio Kagels ironischer Komposition «Eine Brise» aus dem Jahr 1996. Das Linzer Festival der Regionen lädt «Einzelpersonen, Familien, Schulklassen, Musikgruppen, Bands, Fussballmannschaften, Kegelrunden, Seniorengruppen, Sozialvereine, Chöre» und so weiter zur Mitwirkung ein (mehr dazu im Web unter www.fdr.at).

In der Neuen Musik finden sich einige solche Stücke, die entweder Theater mit musikalischen Aktionen kombinieren oder auf ein ungewöhnliches Instrumentarium zurückgreifen. Sie stammen von Altmeistern wie John Cage, Dieter Schnebel, Mauricio Kagel und etwas weniger bekannten Exponenten wie Cathy Berberian oder Klaus H. Stamer. Dank ihrem verspielten und experimentellen Charakter haben sie auch immer wieder Eingang in pädagogische Projekte gefunden; Mauricio Kagel hat sogar ein ganzes Instrumentarium für Kinder entworfen, dem vor einiger Zeit das Basler Musikmuseum Reverenz erwiesen hat (siehe Codex-flores-Rezension).

Der Musikpädagoge Stefan Jäger hat sich an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich diese Werke für den Musikunterricht in einer Hauptschule nutzen lassen. Er konnte dabei bereits auf eine reiche Erfahrung mit derartigen Projekten zurückgreifen, half er doch schon zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit, Kompositionen Schnebels für Stühle und Münzen mit einer Studierendengruppe der PH Karlsruhe am Festival Neuer Musik in München zu realisieren.

In seiner Doktorarbeit mit dem Titel «Experimentelle Musik in der Hauptschule», die in der Reihe Forum Musikpädagogik des Augsburger Wissner Verlags erschienen ist, schildert er im Wesentlichen die praktische Arbeit mit Grund- und Hauptschülern aus Marxzell-Pfaffenrot (für die, die’s nicht wissen – und das dürften die meisten unserer Leser sein -: das Dorf liegt zwischen Karlsruhe und Baden-Baden). Mit ihnen hat er an Cages «Living Room Music» und «Imaginary Landscape No. 4», Schnebels «Blasmusik», «Zahlen für Münzen», «Stuhlgewitter» und «Gesums», Stahmers «Landschaft in meiner Stimme», einigen Lautgedichten von Ernst Jandl und eben auch Kagels «Eine Brise» gearbeitet.

Die Stücke schaffen mit alltäglichen Gegenständen, Münzen, Stühlen und Fahrrädern, mit Mund und mit Atem erzeugten Klängen musikalische Landschaften. Das klingt zunächst nach der vielkritisierten Beliebigkeit der Neuen Pädagogik, ist es aber den Lektionsbeschreibungen Jägers nach zu schliessen, keineswegs. Cages «Living Room Music», ein Spiel mit Materialien wie Zeitschriften, Tischen, grösseren Büchern und Wänden, Boden und Türen, schult die verschiedensten rhythmischen Fähigkeiten und das Lesen ungewohnter symbolischer Notationen; Schnebels «Blasmusik» wiederum, das variantenreich mit Mund und Atem stimmlos erzeugbare Klänge nutzt, schult die Klangwahrnehmung und die Erarbeitung musikalischer Formverläufe.

Selbst Cages «Imaginary Landscape No. 4» für 12 Radiogeräte und 24 Spieler erweist sich als verblüffend fruchtbar für die Vermittlung schulischer Erkenntnisse: Das Herumprobieren mit den Radiogeräten macht den Schülern schnell einmal bewusst, das jedes Gerät seine Eigenheiten hat und eine Wiedergabe der Cage-Partitur zuvor sorgfältiges und teils aufwendiges Kalibrieren der Lautstärken und Frequenzregler sowie etliches Austesten der Regelvorgänge bedarf, um die gewünschte Klangwirkung zu erhalten.

Was hier wie sich selbst genügendes Spiel anmutet, könnte unversehens zur Brücke in den naturwissenschaftlichen Unterricht werden, denn es sensibilisiert die Schüler für die wichtige Erkenntnis, dass selbst banal anmutende Experimente ein sorgfältig zu erarbeitendes Design erfordern – eine nicht zu unterschätzende Einsicht in das Wesen der explorativen Wissenschaften.

Nicht unbedingt an solche harte naturwissenschaftliche Querbezüge denkt Beate Forsbach in ihrer Publikation «Fächerübergreifender Musikunterricht», die Modelle des polydisziplinären Unterrichtens aufzeigt. Ihr geht es um eher traditionell geisteswissenschaftliche Themenkomplexe wie Musik und Politik (mit der Behandlung von Revolutionsliedern etwa), Kulturgeschichte (Barock, Renaissance) oder menschliche Grunderfahrungen wie «Liebe, Trauer, Stille, Abschied…», die sie aber in intelligente und anregende Schulmodelle zu bringen vermag.

Insbesondere zu den ausgewählten Themen Klanggeschichten, Liedermachen, Begegnungen mit dem Barock, Mittelalter als projektbezogene Musikgeschichte und Musik und Gewalt (in dem sie sich unter anderem auf das umstrittene Buch von Klaus Miehling [siehe Codex-flores-Rezension] abstützt) entwirft sie innovative Programme.

Forsbachs Konzepte sind nicht immer ganz frei von einer milden Form traditionell-humanistischen Moralisierens, und in Konzepten wie der Vermittlung des brasiliansichen Sambas als Beispiel der Begegung mit einer fremden Kultur zeigen sich auch die Grenzen des inhaltlich weitgreifenden Unterrichtens; da werden dann doch etliche Klischees zu Land und Leuten bemüht und eine recht eurozentrische Sichtweise eingenommen (mit dem Rückgriff auf Bossa Nova, Brasilien in der klassischen Musik oder Reizthemen wie Karneval, Fussball und Strassenkinder); interessantere Einblicke könnten gewonnen werden, wenn etwa der Bedeutung der Musik in den stark aufkommenden evangelikalen Kirchen des Landes, urbanen Phäomene des brasilianischen Rap oder der sozialen Bedeutung von Axé und Forró im Nordosten nachgegangen würde.

Die vielfältigen Vernetzungen und Aspekte der Musikpädagogik haben ihren Niederschlag auch im Band «Ethnie, Bildung oder Bedeutung?» des Forums Musikpädagogik gefunden. Die Hamburger Lehrerin Dorothee Barth rollt hier die Debatte zur interkulturell orientierten Musikpädagogik auf. Barth weist in ihrer Einleitung gerade auch auf den Umstand hin, dass die früher undenkbare Ausweitung des Welt- und Wissenhorizonts und die Vielfalt der Kulturen in der Schule zwangsläufig zu einer Überforderung der Unterrichtenden führen muss, die heute im Grunde genommen Universalgelehrte sein müssten.

Die Autorin versucht deshalb, das komplexe Begriffsfeld der Kultur etwas zu ordnen – um zur Einsicht zu kommen, dass «sich viele Probleme der interkulturell orientierten Musikpädagogik nicht auf einen Mangel an guter Absicht, sondern auf eine unscharfe und mehrdeutige Verwendungsweise des Kulturbegriffs selbst» zurückführen lassen. (wb)

Stefan Jäger: Experimentelle Musik in der Hauptschule – ausgewählte Ansätze für das Klassenmusizieren, Augsburger Schriften, Forum Musikpädagogik Band 83, Wissner Verlag Augsburg 2008, 206 Seiten, ISBN 978-3-89639-621-1, 25 €.

Beate Forsbach: Fächerübergreifender Musikunterricht – Konzeption und Modelle für die Unterrichtspraxis, Augsburger Schriften, Forum Musikpädagogik Band 77, Wissner Verlag Augsburg 2008, 270 Seiten, ISBN 978-3-89639-549-8, 29 €.

Dorothee Barth: Ethnie, Bildung oder Bedeutung? – Zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikpäagogik, Augsburger Schriften, Forum Musikpädagogik Band 78, Wissner Verlag Augsburg 2008, 232 Seiten, ISBN 978-3-89639-625-9, 25 €.

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