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Tino Flautino und die Zaubermelodie

05.05.2009 — In einem Pop- oder Jazzkonzert kann man als Zuhörer fast nicht negativ auffallen, im klassischen Konzertsaal sehr wohl. Mit der dort herrschenden Atmosphäre – die mit dieser Art von Musik nicht zwingend verbunden sein muss, aber den traditionellen bürgerlichen Konzertbetrieb nach vor dominiert – kommt klar, wer von Kindesbeinen damit vertraut ist. Nicht selten sind es Schlüsselerlebnisse in sehr frühen Lebensjahren, die für den Rest des Lebens den Zugang zu diesen fragilen akustischen Welten schaffen – oder eben verschliessen. Die Einsicht setzt sich auch bei Orchestern und Veranstaltern mehr und mehr durch, und so widmen sie sich (als Subventionsempfänger mit soziokulturellen Verpflichtungen) zunehmend der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. So ist mittlerweile eine Fülle an pädagogischen Materialien entstanden, die alle guten Nutzen bringen, aber nicht selten dem Zeitgeist vepflichtet sind, auf Interaktion und Experiment abzielen und gerade das Bemühen zeigen, ja keine steife oder innige Atmosphäre aufkommen zu lassen.

Aller neuen Pädagogik zum Trotz scheinen die Kinder Klassiker wie Prokofiews zeitlos-schlichte Geschichte von Peter und dem Wolf, die von ihnen nichts anderes verlangt als staunendes und innerlich miterlebendes Zuhören, aber nach wie vor zu lieben.

Ähnliches will das musikalische Märchen «Tino Flautino und die Zaubermelodie» von Rodolphe Schacher (Musik), Maurice Steger (Blockflöte), Jolanda Steiner (Erzählung), Sibylle Heusser (Illustration) und dem Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Marc Kissóczy. Es geht zurück auf ein bereits 2003 – damals noch mit dem Zürcher Kammerorchester – realisiertes Projekt, für welches die Figur des flötenspielenden Prinzen erstmals das Licht der Kinderwelt erblickte.

«Tino Flautino und die Zaubermelodie» nutzt geschickt zeitlose Ingredienzen aus Märchen- und Sagenwelt: Der adlige Held muss sich auf einer Reise Bewährungsproben stellen, nämlich einen bösen Drachen bekämpfen, der über ein phantastisches «Klingklangland» Unglück und dessen Musik zum Verstummen gebracht hat. Ein Vogel, der Mozarts Zauberflöte entflogen sein könnte, weist ihm dazu den Weg. In Klingklangland ist alles verkehrt: Die Blumen wachsen von oben nach unten und die Zwerge, die es bewohnen, sprechen alles rückwärts. Schliesslich befreit Tino Flautino das Land von dem Untier und kehrt im Triumph in sein Reich zurück. Dieses ist während seines Ausfluges (doch noch eine kleine Konzession an feministischen Zeitgeist) von seiner Frau regiert worden, die sich in dem Amt zunächst behaupten musste.

Greifbar ist die Geschichte in Form einer CD, auf der Jolanda Steiner sie (in Schweizer Dialekt) erzählt. Die anmutige Musik Rodolphe Schachers, eine Art epochenlos barock-klassisches Blockflötenkonzert, biedert sich nicht mit oberflächlicher Effekthascherei an. Sie will, wie Maurice Steger an der Präsentation des Projektes in Winterthur bekräftigte, die europäische Kunstmusik «nicht auf Kinder-Niveau» reduzieren. Vielmehr sei es darum gegangen, sie «so zu präsentieren, dass sie für Kinder zugänglich sei». Das ist dem Team zweifelsohne gelungen. Das Mittel dazu ist in erster Linie eine musikalische Struktur «aus vielen kleinen Edelsteinen, die der Aufmerksamkeitsspanne von Kindern Rechnung trägt», wie Steger die Partitur umschreibt.

Daneben ist im Zürcher Lehrmittelverlag ein sehr schön illustriertes Kinderbuch greifbar, in dem die Geschichte auf vierzig Seiten in Hochdeutsch niedergeschrieben ist, ein Werk das in der besten Tradition einheimischer Kinderbuchkunst steht und weit über die Schweiz hinaus kleine Freunde finden könnte.

Dank der engagierten Unterstützung der Zürcher Drosos Stiftung kann das Team mit Tino Flautino auch zahlreiche Workshops in Winterthurer Primarklassen realisieren. Die musikalische Arbeit mit den Kindern, die für die Schulen unentgeltlich ist, hat grosse Resonanz gefunden. Bei weitem nicht alle interessierten Schulen konnten berücksichtigt werden.

Zum Projekt sind beim Schweizer Acanthus-Verlag auch die Noten zu einer «Suite concertante» Rodolphe Schachers mit den Motiven aus dem Musikmärchen greifbar. Sie werden mit einer «Play-along»-CD ausgeliefert, auf der Maurice Steger die Stücke begleitet vom Musikkollegium Winterthur spielt, und auf der sich der Orchesterpart ohne die Solostimme einmal als Klaviersatz zum Üben des Blockflötenparts und einmal mit dem Orchester zum Mitspielen findet. (wb)

Tino Flautino und die Zaubermelodie, Jolanda Steiner (Autorin), Sibylle Heusser (Illustrationen), Rodolphe Schacher (Musik), Musikkollegium Winterthur, Marc Kissóczy (Leitung),Maurice Steger (Blockflöte). CD, Buch und Noten.
Bezugsnachweis: www.tinoflautino.ch

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