10.08.2009 — Zum 100. Geburtstag von Sándor Veress, der von Ende 1949 bis zu seinem Tod im Frühjahr 1992 in Bern gewirkt hatte, richtete das Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern im Rahmen des Festivals «Veress 07» eine internationale Tagung aus. Die vorliegende Publikation – als 11. Band in der Reihe der Schweizer Beiträge zur Musikforschung erschienen – enthält die Tagungsbeiträge und einen umfangreichen Teil an Quellenmaterialien.
Er war Schüler von Kodály und Bartók, dann dessen Assistent, Lehrer u. a. von Ligeti und Kurtág, den Schweizern Heinz Holliger, Roland Moser, Jürg Wyttenbach, lehrte und komponierte und blieb doch auf der Schattenseite des Musiklebens. Das hat nicht zuletzt mit den Prägungen eines Lebens im Exil zu tun und mit seiner Persönlichkeit, die jede Form der Selbstinszenierung und Anpreisung des eigenen Schaffens mied. Veress, so liest man im Vorwort, sei ein Exempel für einen im 20. Jahrhundert virulenten Komponistentypus, für «den Komponisten, dessen Werk im Spannungsfeld von politischer Ideologie, erzwungener Vertreibung und künstlerischer Neuorientierung entsteht und sich hermeneutisch nur unter Berücksichtigung dieses Spannungsfeldes erschließt».
1949 emigrierte Veress, erbittert über die kommunistischen Schauprozesse, aus Ungarn und kam durch einen Lehrauftrag nach Bern, wo er 1950 Professor für Theorie und Komposition am Konservatorium, 1968 Extraordinarius für Musikethnologie und Musik des 20. Jahrhunderts an der Universität wurde. Nach seiner 1977 erfolgten Emeritierung intensivierte er seine kompositorische Tätigkeit.
Veress’ Persönlichkeit und Wirken als Pädagoge, Komponist, Pianist und Ethnomusikologe gehen zehn Autoren im ersten Teil «Schlaglichter auf Biographie, Werk und Wirkung» nach; drei der zwölf Beiträge sind in englischer Sprache. Aufschlussreich nicht weniger die Vielzahl der Quellenmaterialien, die bisher nicht veröffentlicht wurden oder nur in Ungarisch vorlagen: Briefe, die Veress 1947 aus England an seine Frau Enid Veress-Blake schrieb, und der Briefwechsel 1930 bis 1967 mit Kodály (beides in Englisch).
Ein trübes Kapitel bürokratischer Wirrnis und Sturheit zum Abschluss: über dreissig Dokumente zu Veress’ Einbürgerung in die Schweiz. Erst nach 19 Jahren und acht Monaten, rund zweieinhalb Monate vor seinem Tod und über vier Jahrzehnte der Existenz als formell staatenloser Flüchtling, war das Einbürgerungsverfahren für ihn und seine Frau positiv abgeschlossen.
Literatur zu Sándor Veress’ Leben und Werk sowie Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren finden sich im Anhang dieses Bandes, der mit Abbildungen, Notenbeispielen und tabellarischen Aufstellungen illustriert ist. (ws)
Doris Lanz und Anselm Gerhard (Hrsg.): Sándor Veress. Komponist – Lehrer – Forscher. Schweizer Beiträge zur Musikforschung, Band 11. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008. 294 Seiten. € 39,95. Fr. 71.90.