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PianistenProfile

19.08.2009 — Der älteste in diesem gewichtigen Band gewürdigte Pianist, sieht man von Brahms mit Jahrgang 1833 ab, ist im Revolutionsjahr 1848 geboren (Pachmann), die jüngsten kamen in den 1980er Jahren zur Welt (Stadtfeld, Sudbin, Lang Lang). Von der ersten Stunde der Tonaufzeichnung via Trichter und Zylinder über die Klavierrollen, Metallbänder, Schellack- und Vinylplatten bis zu den technischen Finessen von CD und DVD haben sie ihr Spiel und die Art ihrer Interpretation für Mit- und Nachwelt festgehalten. Klingende Dokumente des Klavierspiels aus rund hundert Jahren Tonaufzeichnung sind der Schlüssel zu einem Kosmos, den Ingo Harden und Gregor Willmes unter Mithilfe von Peter Seidle durchforstet, kritisch gewichtet und kenntnisreich analysiert und beschrieben haben.

Grundlage der Einschätzung bilden die Tondokumente. «Bezeichnend, dass große Teile der historischen Musikwissenschaft die Vermittlungsarbeit der Interpreten vor gar nicht so langer Zeit als Niemandsland betrachteten, als eine Quantité négligeable, deren Vertreter bis auf einige berühmte Ausnahmen kaum ihrer besonderen Beachtung bedürften», ist in der Einführung zu lesen. Mit zunehmender Verbreitung medialer Musikvermittlung und verstärkter Orientierung des Musikliebhabers an klingenden Ergebnissen anstelle des schriftlich fixierten Notentextes seien «Bewusstsein und Sinn für die unterschiedlichen Möglichkeiten und den Spielraum, den auch klangliche Realisierungen noch offenhalten» geschärft worden.

Dementsprechend unterscheidet sich der Band von einem Lexikon: Chronologisch geordnete Lebens- und Karrieredaten sind den Personenartikeln vorangestellt, abgehoben durch den kleineren Schriftgrad. Der Hauptteil ist fokussiert auf die künstlerisch-ästhetische Position des Porträtierten in seiner Epoche und charakterisiert detailreich anhand der Tondokumente sein Repertoire und dessen Schwerpunkte, seine Auseinandersetzung mit der Tradition und den stilistischen Positionen seiner Zeit. Den Abschluss machen – ebenfalls in chronologischer Folge und kleinerer Schrift – die Diskografie (aufgeführt sind die Tondokumente, auch Filme und DVDs, die bis 2007 verfügbar waren) und, wo gegeben, Verzeichnisse der Kompositionen, Schriften, Editionen und der Literatur.

Kriterien der Auswahl sind die Tonträger-Präsenz eines im 20. Jahrhundert (noch) aktiven Künstlers und dessen Ansehen und Bekanntheit im deutschsprachigen Raum (was einige bedeutende Interpreten ausschloss, doch wichtige Personen aus den USA, England, Frankreich, Osteuropa, Kanada und dem Fernen Osten einbezog). Der Blick fällt auch in fernere Zeiten, zurück ins Historische, soweit Tonaufzeichnungen dieser älteren Generationen vorhanden sind (1889 nahm Brahms einen Ungarischen Tanz auf Wachszylinder auf) und berücksichtigt auch Pianisten und Pianistinnen, die sich hauptgewichtig der Kammermusik, dem Klavierduo, der Liedbegleitung oder dem Cembalo verschrieben haben.

«Die Biografie eines Künstlers sagt nicht in jedem Fall Wesentliches über seine künstlerische Entwicklung aus», liest man auf Seite 406. Aber aufschlussreich, zuweilen packend wie aus einem fülligen Roman sind Aberdutzende dieser Lebensläufe. Sie werfen ein Licht auf die Persönlichkeit, die Widrigkeiten in Ausbildung und Karriere, die gesundheitlichen Einbrüche, die Zeitumstände.

Da ziehen vorbei Wunderkinder und Spätentwickler, Spezialisten und Allrounder, Neurotiker und Exzentriker, Frühverstorbene und Hochbetagte, Tastenlöwen, Aussenseiter und Mauerblümchen, Komponisten, Kultfiguren, Gescheiterte und Aussteiger, politisch Engagierte und Lebensfremde. Der charakterisierenden Zunamen und Promoetiketten sind viele: Witwe Beethovens, Löwin am Klavier, Hohepriesterin des Cembalos, Reichsklaviergroßmutter, Walküre des Klaviers, Neuer Liszt, Einer der lautesten Pianisten aller Zeiten, Hohepriesterin Bachs, Ein wandelnder musikalischer Katalog, Napoleon des Klaviers, Die Frau mit den Wölfen, Der Arnold Schwarzenegger der Klassikbranche.

Nicht verschwiegen sind die Erschütterungen durch menschliche und künstlerische Extremsituationen, durch Drogenprobleme, Krankheiten, psychische Zusammenbrüche, durch die gesellschaftlichen Umbrüche und die politischen Katastrophen: Viele wurden in faschistischen und kommunistischen Staaten mit Berufsverbot belegt, interniert, ins Exil getrieben; einer – Karlrobert Kreiten – ist 1943 in Berlin wegen «Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung» hingerichtet worden. (Es gibt unter den hier Gewürdigten auch manche Mitläuferinnen und Regime-Sympathisanten.)

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat die Biografien, die nationalen Klavierschulen mit ihren tonangebenden Lehrern, die Schwerpunkte des Repertoires, die Konzertprogramme, die Interpretation und den Stil, die Vorstellungen des Klavierklangs, den Wettbewerbstourismus, die Art der Rezeption und der Kritik geprägt. Dies alles ist in die differenzierten Würdigungen eingeflossen, die Verständnis und Ohr schärfen für den Reichtum der Klaviermusik und die Vielfalt individueller Interpretation. (ws)

Ingo Harden / Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Unter Mitarbeit von Peter Seidle. Mit vielen Porträt-Fotografien. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008. 798 Seiten. € 69,–. Fr. 124.20.

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