06.11.2009 — «Nur kleine Geister halten Ordnung, Genies überblicken das Chaos», soll Albert Einstein geäussert haben – näher liegend ist wohl der Autor Volksmund, Hansdampf in allen Gassen. Die Aussage ist ohnehin zu relativieren: überblicken ist nicht gleichbedeutend mit beherrschen. Was auch Mendelssohn Bartholdy, dem vielseitigen Genie, bewusst war. Ein Satz aus dem Brief vom 9. Juni 1837 an den Verlag Simrock: «Ein vollständiges Verzeichniß meiner Compositionen hätte ich sehr gern; ich glaube, es würden bedenkliche Nachlässigkeiten dabei zum Vorschein kommen…» Schon der 28-Jährige hatte den Überblick über sein Schaffen verloren; die logische Ordnung der Opuszahlen war bereits schlimm durcheinander geraten.
Dabei fehlte es ihm nicht an Anstrengung, wohl aber an der dafür nötigen Zeit. Erhalten sind mehrere Werklisten aus Mendelssohns Hand; eine frühe von 1834, die letzte aus seinem Todesjahr 1847.
Gleichfalls zu relativieren: Nicht nur kleine Geister halten und schaffen Ordnung. Wissenschaftler bemühten sich um strukturierte Listen von Mendelssohns Kompositionen (ebenso seiner Briefe), zu Lebzeiten, dann im Zug der Nachlassregelung. Die vielschichtige Quellenlage und Überlieferungsgeschichte, die Verwirrung bei der Vergabe von Opuszahlen, die Aufteilung des Werkbestands unter Familienangehörige, Freunde und Autografensammler, die Zersplitterung als Folge des Zweiten Weltkriegs schufen für die Forschung prekäre Verhältnisse.
Die Folge: Mendelssohn blieb der letzte der grossen Komponisten des 19. Jahrhunderts ohne umfassendes Werkverzeichnis. (Dass auch ausserkünstlerische Einflüsse diese Tatsache zementierten, der Komponist nach dem Tod missdeutet, missachtet, gar verfemt wurde, sei in Erinnerung gerufen.)
Nun, im Mendelssohn-Jahr 2009, kann der seit 1992 in der Mendelssohn-Forschungsstelle an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig tätige Ralf Wehner im Verlag Breitkopf & Härtel das erste thematisch-systematische Verzeichnis der musikalischen Werke vorlegen.
In Anbetracht der Schwierigkeiten und Hindernisse ein immenses Unterfangen! In jahrelangen Recherchen wertete Wehner Materialien und Informationen aus mehr als 1’500 Bibliotheken, 15’000 Auktionskatalogen und 12’000 Briefdokumenten aus. Die in 2’500 Quellen überlieferten mehr als 750 Kompositionen aus 28 Schaffensjahren (das früheste erhaltene Werk stammt vom 10-Jährigen) hat Wehner in seinem Verzeichnis nach neuem praktikablem Klassifizierungssystem in 26 Werkgruppen von A bis Z geordnet (den akkurat 26 Buchstaben des deutschen Alphabets sei Dank). Jedem darunter aufgeführten Werk ist eine Ordnungszahl zugeteilt. Unter A 1 bis A 26 beispielsweise erscheinen die gross besetzten geistlichen Vokalwerke, unter G 1 bis G 38 die Werke für Männerchor bzw. Männerstimmen, unter L 1 bis L 7 die Singspiele und Opern, unter Q 1 bis Q 34 die kammermusikalischen Werke mit Klavier. Innerhalb der Werkgruppen rangieren die Kompositionen von gross zu kleiner besetzten und, unbesehen ihres Editionsjahrs, nach ihrer Entstehungszeit.
Auf die Grundlagen seiner Mendelssohn-Forschung und die daraus erwachsene Publikation des Werkverzeichnisses kommt Ralf Wehner in der Einleitung ausführlich zu sprechen. Quellenüberlieferung und Druckgeschichte liessen, wie er schreibt, eine Einteilung in Werke mit bzw. Werke ohne Opuszahl nicht sinnvoll erscheinen, desgleichen nicht die Unterscheidung von originaler und postumer Drucklegung. Die dokumentierten Opuszahlen (bis op. 72 vor Mendelssohns Tod, bis op. 121 danach), in eckigen Klammern aufgeführt, bilden nicht mehr das Hauptkriterium der Anordnung.
Wehner in der Einleitung: «Das MWV führt also einerseits die zu Lebzeiten mit und ohne Opuszahlen erschienenen Werke zusammen, löst andererseits die postumen Zusammenstellungen auf und ordnet zudem die Einzelstücke, die Mendelssohn nicht veröffentlicht hatte, in den chronologischen Kontext ihrer Entstehung.» Eine Konkordanz setzt historische Opuszahlen und MWV-Nummern in Beziehung.
Den Werkgruppen Vokalmusik (A bis K), Bühnenmusik (L und M) und Instrumentalmusik (N bis W) folgen Miscellanea (X bis Z; Vokal- und Instrumentalkanons, Varia). Dem Hauptverzeichnis schliesst sich ein Kapitel mit Angaben zu 159 Sammelhandschriften und -drucken an, gefolgt von zwei Anhängen (Werke zweifelhafter Echtheit bzw. Mendelssohns Beschäftigung mit Musik anderer Autoren). Der Registerteil enthält Konkordanzen, Verzeichnisse (Titel und Textanfänge von Vokal- und Instrumentalwerken) und Listen (Sammelquellen, Fundorte, Personen, Institutionen).
Der Reichtum an übersichtlich geordnet zusammengestellten Materialien, an Informationen und kritisch erläuterten Dokumenten verbindet sich in dieser Studien-Ausgabe mit optisch ansprechendem, grosszügigem Layout.
Jede Werkgruppe wird eingeleitet von generellen Aussagen zu Inhalt und Umfang sowie zur Literatur (Gattungs- und Einzelstudien). Dreiteilig gegliedert ist jeder Eintrag: Dem Kopfteil mit allgemeinen Angaben (Titel, Besetzung, Arrangement, Text, Entstehungszeit, Widmung) folgen die Noten-Incipits, abschliessend die Fakten zu den Quellen und zur Publikation, in der Regel ergänzt durch spezielle Anmerkungen.
In grünes Leinen gebunden (des Komponisten Lieblingsfarbe) liegt nun, akkurat zwei Jahrhunderte nach Mendelssohns Geburt, sein erstes umfassendes, den aktuellen Kenntnisstand dokumentierendes Werkverzeichnis vor, die Übersicht über ein immenses Schaffen – und ein beeindruckendes Zeugnis beharrlichen Forscherfleisses. Ein Studien- und Nachschlagewerk als massgebende Basis für die wiederbelebte vorurteilslose Auseinandersetzung mit Mendelssohns Œuvre in Musikwissenschaft und Aufführungspraxis.
Zitat aus dem Buch:
«Mendelssohns Streben nach Perfektion kommt in seinem Schaffensprozess durch ständiges Überarbeiten zum Ausdruck, woraus eine starke Komplexität der Fassungs- und Quellenlage resultiert. Zudem sah der Komponist nur relativ wenige Werke für eine Publikation vor. Gegenüber Eduard Devrient äusserte sich Mendelssohn: „Ich habe heillosen Respect vor dem Druck, ich muß darum so lange an meinen Sachen corrigiren, bis ich’s nicht mehr besser zu machen weiß.“ So ist letztlich nur ein geringer Teil seiner Kompositionen in autorisierter Form veröffentlicht worden. Bis Ende 1847 erschienen in verschiedenen Verlagshäusern 72 Werke beziehungsweise Werksammlungen mit Opuszahlen, hinzu kamen rund 30 Stücke ohne Opuszahlen.» (Einleitung, Seite XXI)
(ws)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke (MWV). Studien-Ausgabe von Ralf Wehner. Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Serie XIII, Band 1A. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2009. 684 Seiten. € 128,–. Fr. 204.–.
Siehe auch: Mendelssohn in Text, Bild und Ton