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Musikpsychologie im Instrumentalunterricht

08.01.2010 — Der sächsischen Stadt Zwickau wird dieses Jahr in der Musikwelt höhere Aufmerksamkeit als üblich zuteil. Es ist die Geburtsstadt Robert Schumanns. Der Komponist hat dort 1810, also heuer vor 200 Jahren, das Licht der Welt erblickt. Zwickau hat aber noch mehr zu bieten – als eines der Gravitationszentren eines regionalen Entwicklungsprogrammes, das auf Musik fokussiert und neben Instrumentenbau auch musikmedizinische Aktivitäten umfasst. Das ist ein Glücksfall, denn die Zusammenarbeit von Fachleuten aus den Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Westsächsischen Hochschule Zwickau, des Robert-Schumann-Konservatoriums und zahlreicher weiterer Institutionen hat dazu geführt, dass in der Gegend aus neuen, teils überraschenden Perspektiven über das praktische Musizieren nachgedacht wird.

Eines der Resultate dieser Prozesse ist das vom Leipziger Hofmeister Verlag sehr schön gestaltete Buch «Musikpsychologie im Instrumentalunterricht – eine Einführung». Es stammt aus der Feder der musikkundigen Professorin für Pflegeforschung Beate Mitzscherlich. Der vorangestellten Danksagung ist überdies zu entnehmen, dass der Autorin bei der Erarbeitung des Textes alles, was in der deutschsprachigen Musikphysiologie und -medizin Rang und Namen hat, beratend zur Seite stand.

In essayistischer Form nähert sich Beate Mitzscherlich ihrem Thema in Kapiteln, die mit «Wahrnehmung», «Motivation», «Spielbereitschaft», «Lehrer-Schüler-Beziehung» oder «Leistung und Wettbewerb» übertitelt sind. Aus der Aussensicht auf die Praxis vermeidet es die Psychologin, konkrete und praktische Handlungsanweisungen zu geben. Die Stärken des Textes liegen andernorts.

Tatsächlich werden in dem Band auf überaus sensible Art vor allem die nicht gerade an der Oberfläche liegenden und von Musiklehrpersonen häufig ungern thematisierten Aspekte der Interaktionen zwischen Schülern und Lehrern angesprochen: die vielfältigen Hoffnungen, Ängste, Erwartungen und Verhaltensweisen aller Akteure im Unterricht, von den subtilen Äusserungen, die motivieren, demotivieren, anspornen oder demütigen können, bis hin zu Tabuthemen wie der Intimität der Musiklektionen, die auch Integritätsgrenzen sprengen und sexuellen oder psychologischen Missbrauch fördern kann. All dies schafft die Autorin ohne jegliche Skandalisierung, ohne Voyeurismus und mit erfrischend empathischer Sachlichkeit.

Sie zeichnet so ein stark an der Praxis abgelesenes, differenziertes Bild des Musikunterrichts und verficht dabei implizit eine zeitgemässe Form des aufgeklärten Humanismus, für den die Bedürfnisse des einzelnen Menschen im Zentrum stehen. Vieles dabei dreht sich um die für die vielfältig belasteten Berufsmusiker so schwer zu erreichende Balance aus Engagement und Entspannung und die Kommunikation mit Schülern als Spiel wechselseitiger Beeinflussungen.

Ergänzt ist das Buch um eine klug zusammengestellte, sehr informative Literaturliste zum Thema Musikpsychologie in der Praxis. Rund drei Dutzend neuere Publikationen werden kurz beschrieben und bewertet.

Zitat aus dem Buch:
«Wir denken, dass es vielleicht sogar das Wesen der Musik ist, dass sie eine Ausdrucksmöglichkeit für Menschen eröffnet, die sich in den gesellschaftlich üblichen ‚Wortgefechten’ nur unzureichend äussern können.» (Seite 64)
(wb)

Beate Mitzscherlich: Musikpsychologie im Instrumentalunterricht – eine Einführung, Friedrich Hofmeister Verlag, Leipzig 2008, ISBN 3873500442, 144 Seiten, 19.80 €
Bezugsnachweis: www.hofmeister-musikverlag.com

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