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Ingo Metzmachers «Vorhang auf!»

16.02.2010 — Ingo Metzmacher, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, hat schon ein Buch geschrieben, das einem breiteren Publikum einen Zugang zum zeitgenössischen Musikschaffen öffnen wollte («Keine Angst vor neuen Tönen»). Mit «Vorhang auf! Oper entdecken und erleben» scheint er nun soziologisch gesehen sozusagen fürs entgegengesetzte Lager zu werben, wird dem Futuristischen der Neuen Musik und ihrem Publikum doch das Nostalgische der Opernanhänger gerne gegenübergestellt. Der Kontrast ist allerdings bloss ein scheinbarer, denn nicht Mozart, Wagner, Weber Verdi und Puccini (die auch vorkommen) stehen in dem Buch im Mittelpunkt. Gewicht legt Metzmacher viel mehr auf Schlüsselwerke des 20. Jahrhundert, darunter Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk», Hans Werner Henzes «Bassariden», Bernd Alois Zimmermanns «Soldaten», Bela Bartoks «Herzog Blaubarts Burg» – und mit Wolfgang Rihms «Dionysos» sogar auf eine noch nicht einmal wirklich geschriebene Oper.

Sozusagen als Entr’actes (oder wie in Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» Promenaden) wirken zwischen den Nacherzählungen der Handlungen Schlaglichter auf die Entstehung einer Inszenierung von Alban Bergs «Wozzeck»; es handelt sich offensichtlich um die vielgelobte Hamburger Produktion mit Peter Konwitschny als Regisseur, der das expressionistische Drama in einem kahlen Raum spielen liess und damit die Psychogramme der zutiefst unglücklichen Protagonisten besonders unerbittlich herausarbeitete.

Metzmachers Sprache ist geprägt von auffallend kurzen Sätzen, die sich lesen, als bildeten sie die Taktstruktur einer imaginierten Partitur. Damit entwickelt sie einen seltsamen rhythmischen Sog, dem man sich als Leser kaum entziehen kann, und dies bereits in den ersten Worten des Buches: «Belebtes Gemurmel. Programmblattgeblätter. Knisternde Spannung im sich füllenden Raum. Der Vorhang ist geschlossen. Der Blick verwehrt. Was hängt vor was, was soll verborgen werden?»

In den Nacherzählungen scheint Metzmacher in einer zugleich distanzierten und empathischen Art überdies mit den Hauptfiguren mitzugehen. Er offenbart so einen subjektiven, aber nicht bevormundenden eigenen Blick auf die Opern – eine sympathische Anleitung zu eigenen Entdeckungen.

Eigentümlich ist dieser Blick auch, weil der Autor als Dirigent spricht und hier und nicht selten auf interessante praktische Probleme in der Interpretation der Musik hinweist oder den Sinn von Phrasen, Instrumentierungen oder dramaturgischen Kunstgriffen allgemeinverständlich erläutert. (wb)

Ingo Metzmacher: Vorhang auf! Oper erleben und entdecken, Rowohlt Berlin 2009, 222 Seiten, ISBN 978 3 87134 576 0.

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