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Werkeinführung: Vivaldis «Le Quattro Stagioni»

14.05.2010 — «Quattro Stagioni»: Nicht die gleichnamige Pizza soll hier interessieren, sondern das wohl populärste aller weltweit verbreiteten Werke aus dem Musikland Italien. Antonio Vivaldis «Vier Jahreszeiten», die vier Concerti für Violine, Streicher und Basso continuo, 1725 in Amsterdam publiziert, sind die einzigen unter seinen etwa 30 mit Programmtiteln versehenen Instrumentalwerken, denen der Komponist konkrete aussermusikalische Inhalte in Form von Sonetten mitgegeben hat. Die Gedichte, im Druck dem einzelnen Konzert vorangestellt, sind zeilenweise an entsprechenden Stellen auch in die Partitur eingerückt, um den Bezug zwischen Text und Musik zu präzisieren.

So eingängig, sinnlich, farben- und formenreich die Natur- und Seelenbilder der «Vier Jahreszeiten» auch sind, so komplex ist ihre Faktur, kunstvoll gestaltet in der Gesamtheit wie im Detail. Wer den Zyklus, wer Vivaldis Werkstatt mit Ausdauer und kritischem Geist erkunden will, dem ist Bernhard Moosbauer, Musikwissenschaftler, Dozent und Interpret auf Barock-Streichinstrumenten, ein kenntnisreicher Fachmann und anregender Vermittler.

Für sein im Rahmen der Bärenreiter Werkeinführungen erschienenes Taschenbuch hat er einleitend die wichtigsten Daten und Fakten aufbereitet zur historischen Situation und zum Musikleben in Venedig zur Zeit Vivaldis, die Biografie des «prete rosso» (1678 Venedig – 1741 Wien) und sein künstlerisches Selbstverständnis umrissen.

Mit den Kapiteln über die Jahreszeiten in Kunst und Musik und über Vivaldis kompositorische Vorgaben und Planungen zu seinem Opus 8 («Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione», der Sammlung von 12 Concerti) leitet Moosbauer über zur detaillierten Erforschung der «Quattro Stagioni»-Konzerte.

Die Besprechung der Bauprinzipien und Strukturen, des Ausdrucksgehalts und Klangcharakters der Werke wird eingeleitet durch das jeweilige Sonett (im Original und in deutscher Übersetzung). An Gründlichkeit und Sorgfalt sind Moosbauers engmaschige, mit Notenbeispielen und Tonartdispositionen untermauerte Analysen (jedes Konzert beansprucht zwischen 16 und 19 Druckseiten) wohl kaum zu übertreffen – wer in der Musiktheorie weniger heimisch ist, wird da ein Gefühl der Überforderung nicht unterdrücken können. Doch regelmässig weitet der Autor das Spektrum vom Einzelnen zum Umfassenden und zieht das Fazit seiner Erkenntnisse am Schluss jedes Teils.

Den Ausklang dieses Studienbuchs bilden Informationen über Selbstzitate aus den «Vier Jahreszeiten»-Konzerten, Zitate, die Vivaldi überwiegend in Bühnenwerken einsetzte, ferner die Rezeptionsgeschichte des Zyklus im 18. Jahrhundert und Überlegungen zum exemplarischen Charakter der «Quattro Stagioni». Im Anhang finden sich u. a. Hinweise zu Editionen und zur Literatur.

Zitat aus dem Buch:
«Für die Opernkomposition war eine reichhaltige musikalische Fantasie selbstverständlich und zudem eine hohe Sensibilität, was die vielfältige Darstellung von Affekten und Naturereignissen betraf. Vivaldi übertrug das Prinzip der Darstellung von Vorgängen der inneren und äußeren Natur der Oper konsequent auf die Instrumentalmusik, speziell auf seine Konzertkomposition. So erweckte er die Neugierde des Publikums, handelte es sich doch um eine Neuheit im Musikbetrieb Italiens. […] Die das Gewohnte überschreitende Art der Affektdarstellung in der Instrumentalmusik dürfte ihre Wirkung nicht verfehlt haben, denn ‚die Musik wirkte mächtig auf die weichen sensitiven Seelen. Zeitgenossen berichten, häufig seien Frauen beim Anhören […] in Thränen und Schluchzen ausgebrochen und in Verzückungen geraten‘.» (Seite 54)
(ws)

Bernhard Moosbauer: Antonio Vivaldi – Die Vier Jahreszeiten. Bärenreiter Werkeinführungen. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2010. 158 Seiten. € 14,95. Fr. 26.90.

siehe auch:
Peter Ryoms Vivaldi Werkverzeichnis (RV)
Alle Blockflötenkonzerte Vivaldis

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