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Sara Levy und die Berliner Bach-Pflege

03.08.2010 — «Wie ein Denkmal aus alter Zeit» erschien jüngeren Besuchern die Wohnung und die Person der greisen Sara Levy, geborene Itzig. Nachdem sich die Cembalistin und Salonnière, in deren Haus Koryphäen aus Musik, bildender Kunst, Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Politik verkehrten, 1830 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, schwand alsbald die Erinnerung an ihre Persönlichkeit und ihre Leistungen. Johann Friedrich Reichardt, später Berliner Hofkapellmeister, erkannte in den musikalischen Soireen im Hause Itzig «einen förmlichen Sebastian und Philipp Emanuel Bach-Kultus».

In die annähernd ein Jahrhundert umspannende Lebenszeit der Sara Levy (1761–1854) fallen die Herrschaft Friedrichs des Grossen, die Bildung der USA, die Französische Revolution und die Ära Napoleons, die Neuordnung Europas, die Industrielle Revolution und die Restauration, am Ende die Revolutionswirren der Dreissiger- und Vierzigerjahre. Ihren Lebensanker in der Welten Flucht fand Sara Itzig, eine jüngere Schwester von Mendelssohns Grossmutter Bella Salomon und Gattin bzw. Witwe des bereits 1806 verstorbenen Bankiers Samuel Salomon Levy, in der Welt der schönen Künste, besonders in der Musik.

Als Cembalistin, erst gemeinsam mit ihrer Schwester Zippora, dann als Solistin in verschiedenen Konzertvereinigungen Berlins aktiv, gehörte sie dank wohltuenden finanziellen Ressourcen zu den unentwegten Mäzeninnen. Als Gönnerin und Freundin der beiden ältesten Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel subskribierte sie deren Editionen, legte sich eine umfangreiche Sammlung an Manuskripten und gedruckten Musikalien an und setzte sich intensiv mit dem instrumentalen Schaffen Johann Sebastian Bachs auseinander.

So wurde die Musik-Enthusiastin Sara Levy zur Bach-Pionierin, die öffentlich und im privaten Kreis das Andenken an Vater Bach musizierend wachhielt und durch Abschriften verbreitete. «Die Bach-Rezeption im Zeitalter Mendelssohns und Schumanns war also der Sache nach kein wirklicher Neubeginn, sie war vielmehr fest verankert in vielfältigen Traditionen des späten 18. Jahrhunderts», folgert Peter Wollny.

Der Autor – er hat seinen im Band «Zu groß, zu unerreichbar» (siehe unten) publizierten Beitrag für die vorliegende Publikation überarbeitet und wesentlich erweitert – stellt in konzentrierter und materialreicher Form die frühe Bach-Pflege und Bach-Rezeption der Familie Itzig in Berlin und damit Persönlichkeit, Wirken und Ausstrahlung der Sara Levy ins Zentrum.

Abgedruckt sind Briefe und Familiendokumente, darunter Sara Levys Testament (sachdienliche Erläuterungen fehlen leider) und eine Aufstellung aller bekannten Kompositionen von Mitgliedern der Bach-Familie, die im Besitz der Familie Itzig bzw. Sara Levys nachgewiesen werden konnten. Der Übersicht dienen der Stammbaum der Familien Itzig und Mendelssohn, Kurzbiographien, Zeittafel (1750–1854), das Verzeichnis der 24 Schwarz-weiss-Abbildungen, Literaturhinweise sowie Namen- und Werkregister.

Zitat aus dem Buch:
«In diesem neuen, jedoch gleichfalls genuin bürgerlichen und musikalischen Umfeld des frühen 19. Jahrhunderts fiel die Musik der Bach-Söhne und -Schüler rasant der Vergessenheit anheim. Bach selbst hingegen – d. h. zu diesem Zeitpunkt zunächst nur seine Instrumentalmusik – wurde mit Haydn, Mozart und Beethoven in die Reihe der klassischen und über die Zeiten hinweg bestehenden Meister eingeordnet. Erst jetzt fanden seine Werke ihre feste und dauerhafte Verankerung im kulturellen Bewusstsein einer breiten Bevölkerungsschicht, das sich nicht zuletzt auch als die nationale Identität konstituierend manifestierte. Ausgehend von dieser bereits erfolgten festen Einbindung der Instrumentalmusik Bachs in einen neuen gesellschaftlichen Rahmen konnten Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Zeitgenossen sodann den Versuch unternehmen, auch die großen Vokalwerke im öffentlichen Musikleben zu verankern. Der ,Bach-Kultus’ der Itzigs und anderer jüdischer Familien des friderizianischen Berlin hat gleichwohl entscheidend dazu beigetragen, den Boden für diese spätere Entwicklung zu bereiten.» (Seite 46)

«Zu groß, zu unerreichbar»

Eine reichhaltige, breit angelegte Materialiensammlung zum Thema Johann Sebastian Bach im Zeitalter Mendelssohns und Schumanns findet sich im 1. Band der vom Bach-Archiv Leipzig edierten Reihe zur Geschichte der Bach-Rezeption. Den 24 Originalbeiträgen liegt ein Symposion zugrunde, das 2005 im Rahmen des Kooperationsprojektes «Bach – Mendelssohn – Schumann» vom Bach-Archiv, Mendelssohn-Haus und Schumann-Haus in Leipzig durchgeführt wurde.

«Bach steht zu groß, zu unerreichbar da»: Clara Schumanns Kommentar (1841) weist auf die Schwierigkeiten, mit denen sich die Musikpraxis in der Romantik konfrontiert sah, vergegenwärtigt auch den Erkenntniswandel im Blick auf die Musik der Vergangenheit.

Im Rahmen des Symposions der Leipziger Komponistenhäuser präsentierten zwei Dutzend Musikwissenschaftler Aspekte und Quellenfunde der jüngsten Forschung. «Mittels akribischer Quellenarbeit und regional wie biographisch differenzierter Studien rückt eine über Einzelereignisse hinausgehende realistische Bilanz des musikalischen Historismus allmählich in greifbare Nähe», halten die Herausgeber Anselm Hartinger, Christoph Wolff und Peter Wollny im Vorwort fest. Und weiter: «Im Sinne einer möglichst umfassenden Materialsichtung und Zusammenschau wurde besonderer Wert auf verschiedenartige Ansätze, Methoden und Schulen gelegt. So konnte es erstmals gelingen, über Ressort-, Generations- und Interessengrenzen hinaus Bach-Spezialisten mit Mendelssohn- und Schumann-Forschern zusammenzubringen und dabei werkanalytische und quellenorientierte sowie ästhetische und diskurstheoretische Ansätze miteinander zu verbinden.»

Die Untersuchungen zum umfangreichen Thema romantische Bach-Bewegung sind in vier Problemkreise gegliedert: I. Musik, Ästhetik und Geschichtsbetrachtung – Diskurse und Interpretationen; II. Bach und die Tradition im kompositorischen Schaffen Mendelssohns, Schumanns und ihrer Zeitgenossen; III. Aspekte der Aufführungspraxis; IV. Erträge der Quellenforschung.

Die Fussnoten, darunter die Literaturhinweise, befinden sich auf den betreffenden Seiten, und etliche Beiträge sind unterstützt von Notenbeispielen, Abbildungen, Tabellen und Zusammenstellungen. Der Anhang umfasst die Kurzporträts der vier Autorinnen und zwanzig Autoren, das Personenverzeichnis und die Liste der erwähnten Werke Bachs, Fanny Hensels, Mendelssohns, Robert und Clara Schumanns. (ws)

Peter Wollny: «Ein förmlicher Sebastian und Philipp Emanuel Bach-Kultus». Sara Levy und ihr musikalisches Wirken. Mit einer Dokumentensammlung zur musikalischen Familiengeschichte der Vorfahren von Felix Mendelssohn Bartholdy. Band 2 der Beiträge zur Geschichte der Bach-Rezeption, herausgegeben vom Bach-Archiv Leipzig. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2010. BV 390. 148 Seiten. Mit Abbildungen. € 24,–. Fr. 39.90.

«Zu groß, zu unerreichbar». Bach-Rezeption im Zeitalter Mendelssohns und Schumanns. Herausgegeben von Anselm Hartinger, Christoph Wolff und Peter Wollny. Band 1 der Beiträge zur Geschichte der Bach-Rezeption, herausgegeben vom Bach-Archiv Leipzig. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2007. BV 386. 488 Seiten. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 32,–. Fr. 56.90.

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