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Systematische und freie Formen des Lernens

11.08.2010 — Wer es in der klassischen Musik als Interpret zu Spitzenleistungen bringen will, der muss – so das gängige Bild – schon als Kleinkind systematisch ans Instrument geführt werden. Ihn erwarten dann Jahrzehnte sorgfältig durchgeplanter Studien und durchorganisierter Tagespläne, auf Monate hinaus festgelegte Überoutinen, ständige Kontrollen der Fortschritte durch Experten und von früh auf die Gewöhnung an harte Selbstprüfungen in Wettbwerben und Vorspielen.

Oft geht bei dem medial vermittelten Bild des Weges zu musikalischen Spitzenleistungen vergessen, dass damit bloss ein kleiner (wenn auch sehr hochstehender) Teil des Musiklebens abgebildet wird – neben der Auseinandersetzung mit dem Erbe der europäischen Kunstmusik folgen ihm etwa auch japanische Traditionen oder die Ausbildung von Interpreten der klassischen Musik Indiens. Andere, nicht minder kunstvolle und ausdifferenzierte Systeme, zum Beispiel der amerikanische Jazz oder zahlreiche afrikanische Traditionen werden anders entwickelt und weitergegeben und erreichen ein ebenso hohes künstlerisches Niveau.

Besonders eng verbunden mit chaotischen, informellen, intuitiven und unberechenbaren Formen des Erwerbs von Kompetenzen ist die Popmusik. Diese hat die britische Musikpädagogik-Forscherin Lucy Green vor einigen Jahren eingehend studiert. Ihr 2002 erschienenes Buch «How Popular Musicians Learn» hat in der Musikwelt Diskussionen darüber ausgelöst, wie sich das Verhältnis von institutionellem und informellem Lernen tatsächlich gestaltet, und wie hoch der Anteil selbstbestimmter, spontaner Lernprozesse auch in den nach aussen so durchstrukturiert wirkenden Lernplänen klassischer Musik sind.

Im März 2009 hat an der Wiener Musikuniversität dazu unter dem Titel «Musizieren lernen – auch ausserhalb von Unterricht?» ein Symposium stattgefunden. Der von Peter Röpke und Natalia Ardila-Mantilla herausgegebene Band «Vom wilden Lernen» nimmt den Impuls auf und legt breitgefächerte Diskussionsbeiträge zum Thema vor.

Da zeigt sich ziemlich schnell, dass die beiden Formen des Lernens keineswegs Gegensätze sind, sondern sich ergänzen. Mehr noch: Wie die in Graz tätige Musikpsychologin Adina Mornell aufzeigt, ist das Bild des strengen und unerbittlichen Pädagogen auch in der klassischen Musik mehr Mythos als fruchtbares Vorbild. So weiss man heute unter anderem aus Studien der Sportpsychologie, dass zuviel Rückmeldungen und Kontrollen des Schülers kontraproduktiv sind (89).

Selbst der renommierte Pädagogik-Theoretiker Ulrich Mahlert räumt ein, dass «Ausmass und Bedeutung des informellen Lernens bei Ausübenden klassischer Musik leicht unterschätzt werden» (45) und Lehrende, die ihre Methode verabsolutieren und von ihren Schülern absolute Unterwerfung verlangen, auf lange Sicht eher zerstörerisch als konstruktiv wirken (56).

Natalia Ardila-Mantilla sieht einen inneren Zusammenhang zwischen informellem und formellem Lernen und berichtet über Vorarbeiten zu einer Studie, mit der sie den Umgang mit den unterschiedlich fremd- und selbstbestimmten Formen des Lernens an österreichischen Musikschulen analysieren will. Dazu müssen aber, so die in Wien tätige kolumbianische Musikpädagogin, zunächst begriffliche Vorarbeiten geleistet werden.

Solches leisten will neben dem in Groningen tätigen Musikpsychologen Peter Mak – er fasst das Begriffspaar formal-informell etwas genauer – auch der Wiener Pädagoge und Therapeut Christian Winkler. Ob sein prätentiös anmutender, an systemisch-konstruktivistischen Modellen orientierter Überbau an Begrifflichkeit allerdings wirklich fruchtbar ist, wird sich wohl erst zeigen müssen.

Daneben berichten Jan Hemming von Lernformen in der populären Musik, Regina Himmelbauer über die Blockflötenpädagogik und Reinhard Gagel über das «Improvisiakum», eine allen Interessierten zugängliche Werkstatt für improvisierte Musik. (wb)

Peter Röpke, Natalia Ardila-Mantilla (Hsg.): Vom wilden Lernen. Musizieren lernen – auch ausserhalb von Schule und Unterrricht. Reihe üben & musizieren, texte zur instrumentalpädagogik, 2009 Schott Music Mainz. Best.-Nr. UM 5006, ISBN 978-3-7957-0665-4

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