Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Anekdoten aus der Welt der Oper

06.09.2010 — «,Wir Baritone sind die ärmsten Schweine der Oper!’, stellte Bernd Weikl fest. ,Immer bekommt der blöde Tenor die Dame, nie bin ich dran. Denn entweder sind wir Baritone von Anfang an verheiratet wie im ‚Falstaff‘, oder der Nebenbuhler ist attraktiver. Im ‚Tannhäuser‘ kriegt der Wolfram seine Elisabeth nicht, und in der ‚Salome‘ reißt die Titelpartie dem Jochanaan regelrecht den Kopf herunter. Hundertzwanzig Partien gibt es in dieser Art, und in keiner krieg ich das Mädel. Und immer bleibe ich allein!’»

Manchmal und auf den zweiten Blick ist allein zu bleiben allerdings keine Strafe, wie man etlichen der in diesem Büchlein gesammelten Anekdoten entnehmen kann. Denn selbst den Opern-Tenören winkt nicht immer eitel Glück mit ihren Holden. Und der Gerechtigkeit halber nicht zu unterschlagen: Was Sopranistinnen erleben, ist oft auch kein Honiglecken. Die Bassisten dagegen sind mit einer derben Haut gesegnet und einem selten verwüstlichen Humor.

Involviert in die von Traditionen strotzende Welt der Opernbühne sind nicht nur singende und agierende Protagonisten. Bevölkert wird das Musiktheater-Universum auch von Librettisten und Komponisten, Regisseuren und Dirigenten, Claqueuren und Paparazzi. Es treten vor enthusiasmiertem, prüdem oder protestierendem Publikum auf: eitle Rivalen und zänkische Damen, Ritter vom hohen C und Star-Kastraten, Hund und Hahn, Panther, Elefanten und Pferde.

Gesättigt ist die Luft mit grossen Gefühlen und kleinen Gemeinheiten, innigen Freund- und heissen Feindschaften, Beleidigungen und Spässen, deftigen Sprüchen und folgenreichen Streichen. Vom ersten Striptease der Operngeschichte ist da zu lesen (geschehen 1830), von Plagiatsstreiterei, tadelnswerten Finanzierungsmethoden, von Zensur, Aberglauben und bösem Blick, von Triumph und Schiffbruch, Skandalen und Kinderballetten, Bühnentod und Todesstürzen.

Das Beispiel: «Nachdem Jules Massenets Oper ‚Werther‘ am 16. Februar 1892 zum ersten Mal gezeigt wurde, meinte der Konzertmeister Josef Hellmesberger: ,Bei dieser Oper von Massenet is a Masse net vom Massenet!’» überzeugt durch das Wortspiel, steht grammatikalisch auch für einen Verstoss gegen die Consecutio temporum. Nicht der einzige dieses im Ganzen ebenso amüsanten wie bildenden Bändchens mit Operngeschichten und Bonmots aus vier Jahrhunderten: eine kleine Comédie humaine et musical.

Zitat aus dem Buch:
«Frauen auf der Bühne, das war seit Papst Sixtus V., der im Jahr 1588 den Frauen im Kirchenstaat untersagte, bei Lustbarkeiten wie Theaterspielen oder Musikmachen mitzuwirken, ein heikles Thema. Mehr als hundert Jahre später hatte sich in dieser Hinsicht immer noch nichts geändert, denn Papst Clemens XI. ließ verlauten: ,Das wissen Wir wohl, dass eine Schönheit, die auf dem Theater singen und dennoch ihre Keuschheit bewahren wollte, nichts anderes tut, als wenn man in den Tiber springen und dennoch die Füße nicht nass machen wolle!’ Aber er stand schon auf verlorenem Posten.» (Seite 86)
(ws)

Friederike C. Raderer / Rolf Wehmeier: Immer bekommt der blöde Tenor die Dame. Opern-Anekdoten. Originalausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2010. 192 Seiten. € 10,–. Fr. 18.90.

siehe auch:
Musiker-Anekdoten

Schreibe einen Kommentar