11.10.2010 — In der Vorrede zum «Wohltemperirten Clavier» schreibt Bach, dass er das Werk zum Nutzen und Gebrauch der lehrbegierigen musikalischen Jugend wie auch zum besonderen Zeitvertreib für die «in diesem studio schon habil seyenden» aufgesetzt habe. Eine vergleichbare Absicht erweist sich auch bei der Lektüre von Michael Wersins jüngster Publikation, einer umsichtigen Annäherung an Bachs Schaffen, sein Denken und sein hierarchisch geordnetes, im Glauben verankertes Weltbild.
Mit überlegtem Konzept des Aufbaus wie der Vermittlung schält der Autor aus der gewaltigen Stofffülle die für ein vertieftes Verständnis unerlässlichen Aspekte heraus. Dabei folgt er (wo sinnvoll auch mit Vor- oder Rückgriffen) den Lebensspuren Bachs, konzentriert sich jedoch vornehmlich auf Werke, die typisch sind für Bachs Einstellung und repräsentativ für Gattungen und Stile in dessen Œuvre.
In vorbildlicher Art greifen Theorie und Praxis ineinander, sind die Fachtermini, die Ästhetik des Hörens, die Tonartenphysik im Barockzeitalter, das Parodieverfahren, das Solo-Concerto, die Fuge oder auch die Spracheigenheiten jener Epoche für Laien verständlich erläutert. Wersin zieht Notenbeispiele heran, Ausschnitte oder ganze Sätze, an denen er die Charakteristika der Inventionen und Sinfonien aufzeigt, des Orgelbüchleins (die Feststellung, dass von Bach keine homophonen Liedbegleitungen überliefert seien, blendet die vierstimmigen Choräle BWV 250 bis 438 aus), des «Wohltemperirten Claviers», des d-Moll-Cembalokonzerts, der geistlichen Kantaten, der h-Moll-Messe, der Goldberg-Variationen und der Kunst der Fuge.
In vielen Facetten tritt uns Bach näher: als der im biblischen Bekenntnis Geborgene, als universaler Musiker in Diensten weltlicher und kirchlicher Autoritäten. In frischem Zugriff und ohne didaktischen Klumpfuss gelingt es Wersin, Bach in den Bedingungen seiner Zeit zu charakterisieren (auch mittels Dokumenten und Anekdoten) und das Zeitlose in seiner Kunst zu erfassen.
Immer häufiger besinnen sich Autoren und Verlage auf die sinnvolle Möglichkeit, in Buchform Gedrucktes mit Informationen (Illustrationen, Klangbeispielen) aus dem Internet zu verbinden. Bei «Bach hören» erweist sich der Zugriff auf MP3-Audiodateien via Verlagshomepage als Zusatznutzen vorab für im Notenlesen weniger Geübte, die so alle im Buch gedruckten Notenbeispiele akustisch erfahren können.
Zitat aus dem Buch:
«Zugegeben: Man kann Bachs Musik sicher auch aufgrund ihrer bloßen Klanggestalt lieben, ja man kann ihre strukturellen Qualitäten oder ihre übers bloß Musikalische hinausreichende Aussagekraft dabei vielleicht sogar instinktiv erahnen und partiell erfassen – ein durchaus schon erfüllendes Musik-Erleben mag aus dieser Hörhaltung resultieren. Eine klarere Erkenntnis dessen, was Bach in der Musik und durch die Musik vermochte, ist indes nur zu erlangen, wenn man einerseits in die Tiefe dieser Musik, andererseits in die Weite ihres Umfeldes vordringt.» (Präludium, Seite 8)
(ws)
Michael Wersin: Bach hören. Eine Anleitung. Mit 22 Abbildungen und 26 Notenbeispielen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2010. 180 Seiten. € 19,95. Fr. 35.90.
siehe auch:
Händel & Co.
Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik