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Lexikon Musik und Gender

22.11.2010 — «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.» (Simone de Beauvoir in «Le Deuxième Sexe», 1949)

Mitte der Siebzigerjahre hatten sich an US-amerikanischen Universitäten aus der feministisch geprägten Frauenforschung (Women’s Studies) die weiter gefassten Gender Studies entwickelt; ein Jahrzehnt später wurden sie auch in Europa zu einer eigenen Wissenschaftsdisziplin, die weitere Kreise zog. Nun liegt das erste deutschsprachige Lexikon zum Themenkreis «Musik und Gender» als Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter und Metzler vor – imponierendes Ergebnis der Mitarbeit von 172 Autorinnen und Autoren.

Zum Rekapitulieren: Eingebürgert hat sich ab 1955 die Bezeichnung Gender für das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen (engl. sex). Weil die deutsche Sprache mit der Vokabel Geschlecht zwischen körperlich-biologischer und soziokultureller Zugehörigkeit nicht unterscheidet, ist der Begriff Gender auch im Deutschen verankert. Gender bezeichnet in Abgrenzung zur biologischen Dimension demnach alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird. Der Begriff Gender schliesst biologische Unterschiede als Legitimation gesellschaftlicher Differenzen aus, definiert soziale und kulturelle Geschlechterrollen als historisch gewachsen und politisch beeinflussbar.

Wer erwartet, dass ein Lexikon nach dem Vorwort mit den Einträgen unter A beginnt, irrt diesmal: Dem systematisch-lexikalischen Teil zum Thema Musik und Gender vorangestellt ist ein knapp hundertseitiger historischer Beitrag. In neun Kapiteln geben fünf Autorinnen und vier Autoren einen gerafften Überblick über die von Musikhistorikern unbeachteten bzw. weggeschriebenen oder als Sonderfälle abgewerteten Beiträge von Frauen zwischen dem 12. und dem 20./21. Jahrhundert: eine vom Mittelalter bis in die Gegenwart führende Musik-, Kultur- und Sozialgeschichte, die Ausgeblendetes, Verschüttetes und Verdrängtes ans Licht fördert, die Musikpraxis und Rollenbilder der Frauen in sakralen und profanen Bereichen würdigt, die institutionellen Rahmen und die soziologischen Ordnungslinien nachzeichnet, den Bildungsidealen, den (Ersatz-)Wegen der Professionalisierung, den Gewichtsverschiebungen der Gendersysteme, bekannten und unbekannten Quellen nachgeht.

Vieles, das dann im zweiten, im lexikalischen Teil des Bandes zur Darstellung und Bewertung kommt, wird in diesem Panorama in grossen Zügen entworfen. Im Vorwort weisen die Herausgeberinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld auf den Leitgedanken für dieses Lexikon hin: Sowohl die Historie des Geschlechterdiskurses als auch der Musikgeschichte und -wissenschaft werden unter dem Aspekt Gender zusammengeführt.

Mit der Vielfalt der Musikkultur geht die «Nicht-Einheit der Geschichte» (Karin Hausen) einher, die Differenzen nicht ausräumt, sondern Widersprüchlichkeit bestehen und wirksam werden lässt. Zudem sind «grundlegende Methodendiskussionen und eine multiperspektivische Forschungslandschaft» in die Überlegungen einbezogen. – Ein einleuchtender Ansatz, denn der (musik)wissenschaftliche Geschlechterdiskurs bedarf mehr denn je unverkrampfter Offenheit, der «symmetrischen Musikgeschichtsschreibung» sowohl in der zeitlichen wie in der internationalen (länderspezifischen) Dimension.

Das Lexikon berücksichtigt einerseits Biografien von Frauen – Komponistinnen, Sängerinnen, Dirigentinnen, Pädagoginnen, Librettistinnen, Druckerinnen und Verlegerinnen, Intendantinnen, Mäzeninnen, Instrumentenbauerinnen, Literatur- und Musikwissenschaftlerinnen, Musikjournalistinnen und -historikerinnen (Männer sind hier Begleitpersonen) –, enthält andrerseits Sachartikel und «Themencluster».

Zum einen: Von Abel, Jenny bis Zumsteeg, Emilie werden hier Leistung und Bedeutung von Frauen in ausführlichen Artikeln gewürdigt und reflektiert. Das Spektrum ist ebenso breit wie historisch tief reichend, bezieht die heilige Caecilia, Sappho und all die in klassischen Bahnen wandelnden Frauen aus zentralen Bereichen der Musikgeschichte ebenso ein wie zum Beispiel Björk, Joan Baez, Carla Bley, Marlene Dietrich, Nina Hagen und Billie Holiday, Mahalia Jackson, Janis Joplin, Hildegard Knef, Lotte Lenya, Madonna, Meredith Monk und die Piaf, Irène Schweizer, Tina Turner und Shakira. Man stösst auf viele Persönlichkeiten, die in anderen Lexika nicht einmal erwähnt, hier aber einlässlich mit Biografie, Schaffen und Wirkung vorgestellt sind. Am Schluss der Artikel finden sich Angaben zu Literatur und Diskografie, Werken und Schriften.

Zum zweiten: Nicht weniger Gewicht kommt dem integrierten Sachteil zu, der einzelne Lemmata erläutert (etwa Stichwörter wie Analyse, Avantgarde, Blick, Brief, Hexenverfolgung, Kurtisane, Marienverehrung, Religion, Subkultur, Systemtheorie, Wunderkind) und übersichtlich gegliederte Themenfelder ausleuchtet (beispielsweise Analyse, Bildungswissenschaften / Musikausbildung, Feminismus, musikalische Gattung, Gender Studies, Geschichtsschreibung, Geschlecht, Gesang / Stimme, Musik als Beruf, Orte, Populäre Musik, Tanz, Weiblichkeitsbilder).

Der Orientierung und Verknüpfung des historischen mit dem lexikalischen Teil dienen die vielen Verweise im Text, desgleichen die Liste mit Nachschlagewerken, die Bibliografie, das Personenregister und weitere Verzeichnisse. Abbildungen und einige Notenbeispiele begleiten den ersten Teil.

600 Seiten mit vielfältiger Anregung zum erfrischenden, bereichernden Blickwechsel: In Anbetracht des typografisch gediegenen, im Zweispaltensatz umbrochenen Layouts, lässt sich der kleine Schriftgrad ohne grössere Mühe verkraften.

Zitat aus dem Buch:
«Zugang bzw. Ausschluss von Bildung gehören zu den zentralen Konstituenten von Gendersystemen, und gerade im Hinblick auf die Bildung von Frauen lagen die Dinge im 17. Jahrhundert deutlich anders als im nachfolgenden 18. Jahrhundert, in dem sich die Prestigedifferenzierung zugunsten der Männer entschied: Jean-Jacques Rousseau proklamierte die Verschiedenheit der Geschlechter, leitete aus der Verschiedenheit die Trennung der privaten (weiblichen) und der öffentlichen (männlichen) Sphäre ab und wies auf das geeignete Instrument zur Etablierung dieser Konzeption der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft hin: ,Ist es einmal bewiesen, dass Mann und Frau nicht gleichartig sind noch sein dürfen, weder von Charakter noch von Anlagen, so folgt daraus, dass sie nicht die gleiche Erziehung genießen dürfen’». (Susanne Rode-Breymann im Beitrag Das 17. Jahrhundert, Seite 67)
(ws)

Lexikon Musik und Gender. Hrsg. Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld. Mit 24 Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel / Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2010. 610 Seiten. € 89,–. Fr. 137.–.

siehe auch:
MUGI (Musik und Gender im Internet) der Hochschule für Musik und Theater Hamburg: mugi.hfmt-hamburg.de

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