31.11.2011 — Das Glück hat kurze Beine. Seine über alles geliebte Gattin, die Nymphe Eurydike, die sich von ihm bereits gerettet glaubte aus des Hades ewiger Finsternis, verlor er unwiderruflich kurz vor dem Ausgang aus der Unterwelt (ergo: Schau vorwärts, Mann, nicht hinter dich!); und weil der trauersatte Thraker fortan Frauen aus dem Wege ging, rissen ihn einige der frustrierten Mänaden wütend in Stücke. Immerhin: Orpheus’ Lyra klang fortan von allein, und sein Kopf sang weiter, bis Apollon es ihm schliesslich untersagte. Die Leier wurde zum Sternbild am Himmelszelt.
Als erster Sänger und Grossmeister auf der Kythara ging Orpheus in die griechische Mythologie ein, sogar die Felsen sollen Tränen vergossen haben ob seines überwältigenden Gesangs und Spiels. Kein Wunder, dass die göttlichen Gaben und das irdische Schicksal des Sohns der Muse Kalliope und des Vaters Apollon (nach anderen Quellen Oiagros) die Fantasie der Menschen beschäftigt und jene der Künstler aller Gattungen angeregt haben über Zeiten, Epochen und Moden hinweg.
Wirkmächtig geblieben und weit verbreitet ist die traurige Sage von Orpheus (Orfeo, Orphée) und Eurydike (Euridice) seit den antiken Erzählungen. Der Erfinder der Musik und des Tanzes galt als Begründer des Mysterienkults des Orphismus, und in frühchristlicher Zeit und bis zur Renaissance wurde Orpheus als Vorausdeutung Jesu gewertet.
Der Autor, Dramaturg, Kurator und Regisseur Wolfgang Storch hat eine Textsammlung zum Orpheus-Mythos zusammengestellt; das 1997 erstmals erschienene Taschenbuch ist nun wieder aufgelegt worden. In mehr oder weniger chronologisch geordneten, in sieben thematische Kapitel gegliederten Auszügen aus Dichtungen von der Antike, vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis in die Gegenwart widerspiegeln sich die wesentlichen Aspekte und Nachwirkungen des sagenhaften Königs und seiner Gemahlin.
Von Aristophanes, Vergil, Horaz und Ovid über Clemens von Alexandrien, Thomas von Aquin und Manilius bis zu Dante und Boccaccio, Shakespeare und Bacon, Goethe, Rilke, Mallarmé, Valéry, W. H. Auden, Cocteau, Benn, Pavese, Rubén Darío, Edward Bond, Nossack, Margaret Atwood und Wolfgang Hilbig finden sich an die siebzig Stimmen zum Nachwirken von Orpheus und von Eurydike. Darunter zwei Dramen von Angelo Poliziano (1480) und Calderón (1634) sowie einige Originaltexte (samt Übertragung) in Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Russisch.
Kenntnisreiche Essays des Herausgebers zum Orpheus-Komplex, von Marcus Deufert («Orpheus in der antiken Tradition») und von Kathrin Deufert («Orpheus und die Anfänge eines Musiktheaters in der Renaissance») bilden den Rahmen um die breit angelegte Textauswahl.
Zitat aus dem Buch:
«Als Sänger ist Orpheus der Prophet. In seinem Martyrium offenbart er das Göttliche im Menschen. So ist er eine Gestalt, die fortwirkt, gegenwärtig blieb in Johannes dem Täufer, in Johannes dem Evangelisten, in Johannes, der die Offenbarung schrieb. Und in Christus selbst.» (Wolfgang Storch, Seite 23)
(ws)
Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann. Herausgegeben von Wolfgang Storch. Reclam-Verlag, Stuttgart 2010. Reclam Taschenbuch 21590. 290 Seiten. €12,95. Fr. 20.50.