| 25.06.2011 — Die «Lenzburgiade» bringt auf Schloss Lenzburg Klassik- und Folk-Publikum zusammen. Es ist nicht das erste Mal, dass auf der markanten Burg westlich von Zürich musikalische Grenzen gesprengt werden.
Ein Reformpädagoge, ein skandalumwitterter Dichter, ein Polarforscher und zahlreiche weitere farbige Figuren bewohnten das zwischen Zürich und Olten gelegene Schloss Lenzburg schon. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde da aber auch Schweizer Musikgeschichte geschrieben: Das Internationale Folk-Festival auf der Burg prägte von 1972 bis 1980 – etwas verzögert zu den Entwicklungen in den USA, Skandinavien und Deutschland – die Aufbruchbewegung der innovativen Volksmusik-Szene. Mittlerweile ist es selber Geschichte: Die Aufnahmen aus der Zeit haben den Weg ins Schweizerische Volksliedarchiv gefunden. Die Kulturwissenschaftlerin und frühere Professorin der Universität Basel Christine Burckhardt-Seebass ist die Chronistin des Festes. Den Zeitgeist bringt sie in der Zeitschrift Schweizerisches Archiv für Volkskunde 1987 in einem geschichtlichen Abriss zum Festival auf den Punkt. Folk sei zu dieser Zeit kein abgegrenzter Musikstil gewesen, sondern «auch eine geistige Bewegung des Widerstandes gegen Umweltzerstörung, Wirtschaftsabhängigkeit und Militarismus» – eine lokale Bank als wichtigster Sponsor wie beim heute auf der Burg durchgeführten Begegungs-Festival wäre da vermutlich vollkommen undenkbar gewesen. Prägend war damals ein «gewisser fröhlicher Dilettantismus», der einen Teilnehmer «einmal an seine Blockflötenstunde erinnerte». Musikalisch kann er als erste Globalisierungswelle der Volksmusik verstanden werden.
Fast schon rührend: die Passagen in Burckhardt-Seebass’ Artikel zum Verhältnis des Festivals zu den elektronischen Medien. Das Fernsehen wurde «nur für kurze Berichterstattungen zugelassen», einzig einem TV-Team des Saarländischen Rundfunks «erlaubte man» 1978 eine Kleinreportage. Da haben sich die Selbstdarstellungsbedürfnisse im Kulturleben heute doch gewaltig weiterentwickelt. Irgendwie scheint die Begegnung unterschiedlicher Musikstile zum Genius loci der Burg zu gehören. Mit der Lenzburgiade, die seit 2009 Klassik und Folk auf der Burg zusammenbringt, wird die Idee wieder aufgenommen. Wieder heisst es, wie im Lenzburg-Lied von 1972 des Liedermachers Urs Hostettler «Mir chömme hüt uf d’Länzburg alli mitenand». Ästhetik und Lebensgefühl haben sich aber stark geändert. Auffallend ist die Professionalisierung, die stilübergreifende Bewegungen seit der Zeit der alternativen Chörnlipicker im Batik-Baumwollshirt erfahren haben, aber auch die Verbürgerlichung des Ambientes, allerdings ohne dass der familiäre Charakter und die entspannte Atmosphäre verlorengegangen wäre. Laut Selbstdeklaration will die Lenzburgiade die engen Verwandtschaften zwischen traditioneller Volksmusik und klassischer Musik aufzeigen, und das gelingt ihr auf höchstem Niveau. Sie bewegt sich dabei nicht im leeren Raum, sondern knüpft an globale Entwicklungen an, welche die Genres in den letzten Jahren wieder näher zueinander gebracht haben. Fabian Müller, neben dem Cellisten Stephan Goerner einer der künstlerischen Leiter der Lenzburgiade, hat das Kompositions-Handwerk unter anderem an der Sommerakademie des Aspen Music Festival erlernt (und dort auch einen namhaften Preis gewonnen). Für Lucerne Festival hat er 2010 eine Auftragskomposition («Alpini Vernähmlassig») geschrieben, im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für das Carmina Quartett etwa auch ein Streichquartett mit dem Titel «Das Helvetische» zu Papier gebracht. Müller ist ein herausragender Wegbereiter der neueren Volksmusik-Forschung in der Schweiz. Eine Dekade arbeitete er an der Herausgabe der Hanny-Christen-Sammlung, einer zehnbändigen Volksmusik-Anthologie aus dem 19. Jahrhundert. Er war Gründer und Leiter des Mülirad-Verlages und Initiant des Schweizer Volksmusik-Instituts «Haus der Volksmusik» in Altdorf. Dass er international auf seinem Gebiet exzellent vernetzt ist, ermöglicht es ihm, die ungewöhnlichsten Formationen auf die Burg zu locken. Heuer neben zahlreichen andern aus den USA, der Türkei, Spanien, Italien, Ungarn, Brasilien und natürlich der Schweiz etwa die Tanzgeiger aus Wien. Deren Primas Rudi Pietsch ist Mitarbeiter am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Wiener Kunstuni und nicht nur versiert im Geigenbogen-Streichen, sondern auch mit einem frech-lockeren Moderatoren-Mundwerk gesegnet.
Die Tanzgeiger verbinden laut Selbsteinschätzung «höchste musikantische Ansprüche mit einer kindlichen und spontanen Freude an lapidaren Unsinnigkeiten». Zu ihrem (wie alle andern Konzerte des Festivals ausverkauften) Auftritt im Alten Gemeindesaal von Lenzburg gab’s stimmigerweise ein gastronomisches Wiener Menü und viel ausgelassene Tanzatmosphäre, die in einer «Nachtüüle» genannten Afterparty Fortsetzung fand. Zuvor hatten die Tanzgeiger oben auf dem Schloss noch einen Workshop durchgeführt und dabei etwa auch die feinen Nuancen zwischen wienerischen Walzern und ländlerischen Tänzen expliziert und was etwa bei Schubert denn nun wirklich was ist, wenn auch anders betitelt, und wie man einen richtigen Tusch spielt, damit die Tanzenden einander komplimentieren können … Sollte die Lenzburg ein Schlossgespenst beherbergen, hat es im Gebälk sicherlich mitgetanzt. Und die andern früheren Bewohner, der Reformpädagoge, der Dichter und der Polarforscher? Der Pestalozzi-Intimus Johann Karl Christian Lippe gründete auf der Burg 1823 eine philanthropische Privatschule, Frank Wedekind, der Schöpfer von Skandaltexten wie «Frühlings Erwachen» und «Lulu», verbrachte dort seine Jugend, und Lincoln Ellsworth lebte dort, nachdem er mit Roald Amundsen mit dem Luftschiff Norge erstmals zweifelsfrei den Nordpol erreicht hatte. Von dort aus führen alle Wege in den Süden, so wie sie von der Lenzburg aus auch alle wieder nach unten führen. (wb)
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| Lenzburgiade, 8. bis 14. Juni 2011, Internationales Musikfestival auf Schloss Lenzburg. | |||||||||||||