11.08.2011 — Auf den vor einem Jahr erschienenen Band über den 1902 in Berlin geborenen, 1972 in New York verstorbenen Stefan Wolpe mit vier seiner Vorträge folgt nun ein Doppelband mit Aufsätzen und Werkanalysen führender Wolpe-Forscher über Aspekte des facettenreichen kompositorischen Schaffens.
Eine Verbindung zwischen beiden Bänden schaffen vier Gedichte Wolpes, kommentiert durch Austin Clarkson. – Den Spannungen zwischen Text und Musik und der stilistischen Vielfalt in Wolpes fünf Hölderlin-Liedern (1924–1927) geht Larson Powell nach. – Wolpes vollchromatische Musik von 1929, bestehend aus 14 Einzelkompositionen auf Texte von Kommunisten, erörtert Thomas Phleps.
Nora Born zeichnet ein Porträt von Irma Wolpe Rademacher (1902–1984), der Gattin des Komponisten zwischen 1934 und 1949, anhand von Erinnerungen der Pianistin (siehe Zitat am Schluss). – Stefan Wolpes Körper-Musik und das Problem ihrer Aktualität unter Berücksichtigung der Geschichtsschreibung von Leibowitz und Adorno behandelt Martin Zenck in seinem Aufsatz, in dem er zwei zentrale Werke der 1940er Jahre analysiert: Wolpes «Battle Piece» für Klavier und Erich Itor Kahns «Nenia» für Cello und Klavier.
Mit dem siebensätzigen «Battlepiece» (Wolpe schrieb den Titel mal getrennt, mal in einem Wort) befasst sich auch Carlo Bianchi in seinem Beitrag «Das Ringen um Neues». – Dem Stück «Inception» aus Wolpes vom Abstrakten Expressionismus inspirierte «Enactments for Three Pianos» (1951–1963) widmet sich Andrew Kohn.
Anmerkungen Wolpes zu seiner Symphony No. 1 (1956) sind dem Arbeitsbericht Robert Falcks zur Neuausgabe des Orchesterwerks vorangestellt. – Persönliche Verbindungen und viele Parallelen in Biografie und künstlerischer Einstellung zwischen Varèse und Wolpe bzw. den «Deserts» und der Symphony zeigt Austin Clarkson auf. – Martin Brody schliesslich charakterisiert, auch unter Beizug von Quellenmaterialien und Zeugnissen, den Dialog von Gemeinsamkeit und Wandlungsfähigkeit in Wolpes Spätwerk.
Den mit vielen Illustrationen und Notenbeispielen bereicherten Doppelband beschliessen die Abstracts, biblio- und diskografische Hinweise, die Zeittafel und die Kurzbiografien der Autoren.
Zitat aus dem Buch:
«Ich nannte ihn ,das Einhorn’. Stefan [Wolpe] kann nicht klassifiziert werden. […] Er ist aus irgendwelchen Traumwäldern erschienen, er hatte überhaupt kein Verständnis für den wirklichen Sachverhalt. Und er ignorierte ihn völlig ahnungslos, weil er in seiner eigenen Welt lebte. Er verstand nur Musik, visuelle Kunst und Dichtung. Musik in unvorstellbarem Maße. Die Psychologie der Noten, die Physiologie der Noten, die intimsten Geheimnisse der Wechselbeziehungen zwischen den Noten. Wenn er ein Stück von Bach, oder Beethoven, oder ein älteres oder neueres Stück ansah, verstand er es so gründlich, in seiner gesamten Komplexität und Schönheit. Wenn er über Musik sprach, war man beim Geheimnis im Zentrum der Welt angelangt.» (Aus einem Interview mit Irma Wolpe Rademacher, 1974, zitiert im Beitrag von Nora Born, Seite 46)
(ws)
Stefan Wolpe II. Reihe Musik-Konzepte. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. VI/2011, Band 152/153. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 198 Seiten mit zahlreichen s/w-Abbildungen und Notenbeispielen. € 29,–. Fr. 39.90.
siehe auch: Musik-Konzepte Stefan Wolpe I