23.10.2011 — Kritisches Nachdenken über Franz Schubert: Gernot Gruber, der österreichische Musikwissenschaftler, der in München und Wien lehrte, Mitherausgeber der dreibändigen «Musikgeschichte Österreichs» und renommierter Mozart-Kenner, nähert sich Schubert in zwei Aspekten. Im ersten Teil befasst er sich mit der Biografie («Schubert in seiner Lebensgeschichte»), im zweiten mit der kompositorischen Entwicklung, mit Wesen und Gehalt des Werks («Schubert in seiner Musik»).
Zum einen geht es dem Autor um die Sichtung der überlieferten Lebens- und Schaffensumstände. Er nähert sich Schubert, seinem «relativ geschlossenen kulturgeografischen und gesellschaftlichen Kreis» und der politisch-historischen Bedingungen der Metternich-Ära, indem er Abstand nimmt: Abstand von tradierten Ansichten und Aufzeichnungen, denen Aussagen von Zeitzeugen und späteren Interpreten zugrunde liegen. Gernot Gruber gewinnt mit dieser differenzierenden prüfenden Sichtung der Dokumente von Schuberts Leben und der Auseinandersetzung mit seinen Biografen und Exegeten einen entschlackten und von vorgefertigten Antworten freien Blick auf Einflüsse, Förderliches und Hemmendes, Schaffenskrisen und kompositorische Entwicklung.
Zum andern Schubert in seiner Musik: «Mein Ziel ist es, konkret an Werken das Fassbare soweit voranzutreiben, bis das Wesen dessen, was nicht mehr fassbar ist, spürbar wird: hier nicht in geglückten musikalischen Interpretationen, sondern in den sprachlichen Metaphern von Gedankenspielen.» (Einleitung). Der Autor stellt in vielen Bereichen von Schuberts Musik «ein besonders hohes Irritationspotenzial» fest; die Annahme eines stringenten Entwicklungsmodells in seinem Komponieren sei zu einfach und vergröbernd. Gründlich untersucht werden (ohne Notenbeispiele) Jugendwerke mit ihren Spannungen zwischen Imitieren von Vorbildern und persönlich sich manifestierender Kreativität, zudem der literarische Text «Mein Traum», sodann charakteristische Werke des Spätstils.
In breiter Perspektive beschreibt Gruber Schuberts künstlerische Strategien, seine Wirkungsabsichten, seine Weltanschauung, die Konstanten in seiner Musik. Dabei bezieht der Autor immer auch die Rezipienten, die Interpreten und das Publikum, mit in seine Überlegungen ein. Er nähert sich umsichtig der Vielfalt des Phänomens Schubert, plädiert für eine «Doppelnatur»: Antithetik von Utopien und Ästhetisierung des Nichts als Lebens- und Kunstprinzip. «Schubert traut dem Phänomen Musik, auch ihrem ,bloßen’ Auf- und Verklingen, in unvergleichlicher Art und Radikalität alles zu.»
Einen Band mit einer Fülle von Fakten, Denkanstössen und Einsichten legt Gernot Gruber vor, eine klar gegliederte, stilistisch eloquente, reflektierte und respektvolle Erkundung eines weiten Feldes. Die Lektüre stellt vorab im zweiten Teil beträchtliche Ansprüche und setzt fortgeschrittene Kenntnisse über Schuberts Œuvre voraus.
Zitat aus dem Buch:
«Was sich mir bei längerer Beschäftigung aufdrängte bzw. was ich als fortlaufende Verifizierung einer schon in der Einleitung angesprochenen Hypothese empfinde, ist ein doch erkleckliches Maß an Einheitlichkeit im Gesamtwerk, als Bild formuliert: Schubert bewegte sich in einem von vornherein avisierten und dann sich weitenden Raum seiner Werke, sein künstlerisches Tun sei von einem Œuvre-Empfinden getragen. Manchem Leser mag das als harmlose Aussage erscheinen; in Anbetracht der seit langem in der Schubert-Literatur festgeschriebenen Vorstellung von einer in begrenzbaren Phasen voranschreitenden Entwicklung ist es aber eine gewagte Behauptung.» (Seite 189)
(ws)
Gernot Gruber: Schubert. Schubert? Leben und Musik. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2010. Mit 12 Illustrationen. 284 Seiten. € 29,95. Fr. 40.90.