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Max Regers Briefe an den Verlag Bote & Bock

19.02.2012 — «Einen Vertrag mit Bote u. Bock will ich unter keinen Umständen!», schreibt Max Reger Ende 1908 an seinen Leipziger Rechtsbeistand, nachdem ihm seine Verleger Lauterbach & Kuhn mitgeteilt haben, dass sie ihr Geschäft an Bote & Bock verkaufen – inbegriffen den Vertrag mit Reger, «ohne mich im Geringsten zu fragen». Prof. Dr. Max Reger, vertraglich auch an den Verlag C. F. Peters gebunden, lenkte nach einigen Protesten und Scharmützeln zähneknirschend ein. Nicht ohne das Ziel, möglichst bald aus dem Vertrag mit seinem «Zwangsverleger» auszusteigen.

Die «äußerst fruchtbare und insgesamt auch weitgehend reibungslose Zusammenarbeit» (Einleitung) zwischen dem Komponisten und dem gewichtigen Berliner Musikverlag Ed. Bote & G. Bock dauerte immerhin bis Ende 1913. In den fünf Jahren druckte und vertrieb der Verlag Kompositionen zwischen den Opus-Zahlen 103b und 129, darunter die Klarinettensonate B-Dur, das Es-Dur-Streichquartett, das F-Dur-Streichsextett, das Klavierkonzert, «Die Nonnen» für Chor und Orchester, weitere vokale Kompositionen, Werke für Violine solo und für Orgel, die Violinsonate e-Moll und die Vier Tondichtungen nach Arnold Böcklin.

In Zusammenarbeit zwischen dem Max-Reger-Institut Karlsruhe und der Sammlung Musikgeschichte / Max-Reger-Archiv der Meininger Museen, die auch die Illustrationen beisteuerten, liegen Regers Briefe an Bote & Bock nun in einer durch Herta Müller und Jürgen Schaarwächter herausgegebenen, der Forschung wie der Reger-Gemeinde dienlichen und editorisch gediegen gestalteten Ausgabe vor.

Nach der Publikation von Regers Briefen an die Verleger Lauterbach & Kuhn (1902–1908) und N. Simrock (1914 bis zu Regers Tod 1916) füllt der Briefwechsel mit dem 1838 gegründeten Verlagshaus Bote & Bock die Lücke zwischen 1909 und 1913. Die diesbezügliche Quellenlage ist allerdings, wie die Herausgeber in der Einleitung darlegen, alles andere als unproblematisch. Denn erhalten haben sich nur wenige Originaldokumente, weil Regers Schreiben und die Kopierbücher des Verlags 1943 dem Bombenhagel auf Berlin zum Opfer fielen.

Der Sekretärin Anna Sinn zu verdanken sind Abschriften der Korrespondenz, die sie für das damals in Weimar beheimatete Max-Reger-Archiv erstellte (die Jahrgänge 1910 und 1911 wurden aus ungeklärten Gründen nicht kopiert). Dieserart haben sich im genannten, seit 1920 in Meiningen niedergelassenen Archiv 269 Postsachen erhalten – der Verlag nannte 1938 einen Bestand von rund 600 Briefen und Karten. Immerhin konnten die Herausgeber weitere Primärquellen beiziehen: Regers Posteinlieferungsbücher und das 1941 erschienene Buch «Max Regers Meisterjahre (1909–1916)» der ehemaligen Reger-Schülerin Lotte Taube, zudem Teilabschriften und Einzeldokumente.

Der Meister der Musik war kein Meister der Geduld: Regers Erwartungen an den Verlag, seien es Korrekturen, Ergänzungen, Abzüge, Stech- und Erscheinungsdaten, Sendungen, Honorare, Beantwortung von Fragen, liegen auf einer Tempo-Skala von baldmöglichst, recht balde und allerbaldigst über schleunigst, möglichst umgehendst bis zu sofort, höchst eilig und eilt, eilt, eilt sehr – im Einzelnen in der Regel bis zu vierfach unterstrichen. Diese Dringlichkeit zeugt von Regers horrender Schaffensintensität und seinem immensen Arbeitsvolumen als Komponist, Konservatoriumsprofessor, Dirigent, Meininger Hofkapellmeister, Pianist, Organist, Kammermusiker mit einer «Unmasse von Concerten», die ihn zu weiten Reisen zwangen. Seiner Gesundheit war dies nicht zuträglich – in einem Hotelzimmer in Leipzig erlag er 1916, erst 43-jährig, einem Herzinfarkt.

Erstaunlich, dass Reger noch Zeit zu ausgedehnter handschriftlicher Korrespondenz fand, auffallend zudem, wie die mitgeteilten Inhalte zwar schwergewichtig Geschäftliches behandeln, jedoch regelmässig Einblicke vermitteln in Privates, in die familiäre und finanzielle Situation, in Freundschaften mit Musikerkollegen, in die Tourneepläne, die Entstehungsgeschichte von Kompositionen, in Details der Interpretation, Bemerkungen auch zu Zeitgeschichtlichem und Historischem. Und immer wieder fliessen aus Regers Feder witzige Bemerkungen und humorige Randglossen. (Das bekannteste Reger-Diktum: «Das Schwein und die Künstler haben das gemeinsam, daß man sie erst nach dem Tode schätzt.») Die Inhalte der Verlagsschreiben mit Bezug auf Regers Briefe, Postkarten und Telegramme lassen sich zum Teil aus dessen Antworten erschliessen oder aus Hinweisen der Herausgeber.

Sie standen auch vor der Aufgabe, biografische Hintergründe zu erläutern und Verstehenslücken zu füllen, realisieren dies einerseits durch einlässliche, den entsprechenden Briefen in kleinerer Schrift angefügte Beiträge, andrerseits durch die am Fuss der betreffenden Seite gedruckten Anmerkungen. Im Anhang finden sich Daten zur Drucklegung und zum Manuskriptverbleib der Reger-Kompositionen bei Bote & Bock, das Verzeichnis der Abbildungen sowie das Werk- und das Namenregister.

Zitat aus dem Buch:
«Dass Sie meiner Ansicht keine Recensionsexemplare an keine Zeitung zu senden von all meinen neuen Werken beipflichten, freut mich ausserordentlich! Sie u. ich – wir wissen eben zu genau, wie solche Besprechungen gemacht werden! […] Mit den ‚Nonnen‘ liege ich in argen Geburtswehen! Bitte: verstehen Sie das nur bildlich, es wäre sonst zu unmoralisch; aber die Arbeit schreitet vorwärts, wenns auch eine Riesenarbeit ist. Nun noch schnell was zum Lachen: Eine junge Frau, die baldigst ein Kindchen ‚erwartet‘, wirft ihr Dienstmädchen hinaus. Letztere verabschiedet sich u. gratuliert zum ‚Jungen‘, worauf die junge Frau entrüstet frägt, woher denn das Mädchen wüsste, dass es ein Junge würde! Darauf gibt das Mädchen die klassische Antwort: ,Gnädige Frau, es muss ein Junge sein, denn ein ‚Mädchen‘ hält es bei Ihnen nicht 9 Monate aus.’» (Seite 107f; aus Regers Brief vom 26. Juli 1909.)
(ws)

Max Reger: Briefe an den Verlag Ed. Bote & G. Bock. Herausgegeben von Herta Müller und Jürgen Schaarwächter. Schriftenreihe des Max-Reger-Instituts Karslruhe, Band XXII. Carus-Verlag, Stuttgart 2011. 440 Seiten mit 81 s/w Abbildungen. € 34.80.

siehe auch: Auftakt zur Reger-Werkausgabe (RWA)

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