14.09.2012 — Wie kam der Taktstrich in die Komposition? Woher stammen die Bezeichnungen «intavolieren» und «eingestrichene Oktav»? Wie erklären sich die Stimmkombinationen des modernen Streichquartetts? Woher hat die Partitur ihren Namen? Warum wird Claviermusik in einem Doppelsystem notiert, und aus welchem Grund befinden sich auf der Tastatur die hohen Töne rechts?
Wer sich unter dem Gebiet Notationskunde ein trockenes Reservat der Musikwissenschaft vorstellt, wird durch Manfred Hermann Schmid eines Besseren belehrt. In seinem als universitäres Lehr- und Arbeitsbuch angelegten Band führt er durch ein Jahrtausend (etwa von 900 bis 1900) und alle wichtigen Aspekte der abendländischen musikalischen Notation von den ersten Zeugnissen über die entscheidenden Entwicklungsschritte bis ins 20. Jahrhundert.
Manfred Hermann Schmid, Ordinarius an der Universität Tübingen mit Schwerpunkten auf der Wiener Klassik, der deutschen Romantik, der Musik der Renaissance, der Instrumentenkunde und Musikethnologie, unterrichtet seit langem das Fach Notationskunde als Bestandteil des Grundstudiums. Seine reiche Erfahrung befähigt ihn, wissenschaftlichen Anspruch mit den Bedürfnissen der Praxis zusammenzubringen in einem Fachbuch, das besticht durch übersichtliche Gliederung, präzise Formulierung und didaktische Kompetenz. Selbstverständlich vermittelt der Band auch allen am spannenden Thema interessierten Musikern und Amateuren Anregung und Wissen zuhauf.
«Die eigentliche Intention dieses Buches ist es, ein Verständnis für die Funktionen von Schrift und ihre aktive Rolle im Prozess von Kompositionsgeschichte zu wecken», hält der Autor in der Einleitung fest. Bestimmte historische Schreibkonventionen widerspiegeln ansonsten verborgene Denkkategorien: «Eine Musikgeschichte lässt sich ohne Schriftgeschichte nicht schreiben und eine Notationskunde nicht ohne Rücksicht auf Musikgeschichte.»
Musikalische Schrift ist keine fiktive Einheitsschrift, betont der Autor wiederholt, sie ist Teil der musikalischen und historischen Botschaft: «Schrift sollte zusammen mit der Musik, die sie überliefert, studiert werden.» Denn die Schrift mit den technischen Möglichkeiten, die sie bereithält, wirkt zurück auf den kompositorischen Vorgang: «Es gehört zum Wesen der Schrift, dass sie früher oder später Einfluss auf Musik nimmt und kompositorische Prozesse auslöst.» Oder anders ausgedrückt: «Bestimmte musikalische Entscheidungen werden allein deshalb getroffen, weil die Schrift und ihr System sie fordert.»
Vom antiken Erbe führt der lange gewundene Erkundungsweg durchs lateinische Mittelalter (Dasia-Schrift, Silbenschrift, Neumen) und über die Mehrstimmigkeit im 11. und 12. Jahrhundert, den Hinzugewinn des Rhythmus in den Notre-Dame und Motetten-Handschriften und dessen Ausdifferenzierung (1200–1400), die italienische Trecento-Notation, die Charakteristika der «ars antiqua», das Mensursystem der «ars nova» im 14. Jahrhundert bis zur «weissen» Mensuralnotation und deren Standardisierung durch Musikdrucke, zu den Typen der Komponierschrift und der frühen Partiturpraxis bis zur uns heute vertrauten Notation.
Persönlichkeiten markieren mit ihrer Leistung entscheidende Evolutionen (Aristoxenos, Boethius, Guido von Arezzo, Leonin und Perotin, Philippe de Vitry, Johannes de Muris, Franco von Köln, Guillaume de Machaut, Ockeghem, Palestrina…), bedeutende Lehrwerke, Handschriften, Codices zeugen von den vielen Quellen, welche die traditionelle Notation befruchtet haben.
Dazu zählen auch die Ausprägung der «Clavier»-Notierung (Wussten Sie, dass das früheste Dokument der «neuen deutschen Orgeltabulatur» um 1515 von der Hand Albrecht Dürers stammt?), den Griffschriften (deutsche, französische, italienische Lautentabulatur, Geigen- und Blasinstrumente-Tabulaturen) und der Vortragsschrift mit ihren Zeichen und der italienischen, deutschen, französischen Partituranordnung (Monteverdi, Bach, Haydn, Mozart, Paisiello, Spontini, Beethoven, Berlioz, Brahms, Carl Maria von Weber, Wagner).
Seitenblicke fallen auf die Musik anderer Kulturkreise, auf Entsprechungen und Unterschiede in der arabischen Welt, in der osmanischen, indischen, japanischen Musik.
In drei abschliessenden Kapiteln kommt der Autor auf die piktografischen Qualitäten musikalischer Schrift, auf Unschreibbares (die wachsende Diskrepanz von Schrift und Klang) und auf das Spannungsfeld zwischen der Musik der Vergangenheit und der Schrift der Gegenwart zu sprechen. Im Anhang eines jeden Kapitels finden sich weiterführende Hinweise auf Tafelbände, Faksimila, kritische Editionen, Quellentexte, Literatur.
«Ein wirkliches Verständnis der Musik ist aber ohne ein Verständnis der Voraussetzungen ihrer schriftlichen Fixierbarkeit nur schwer möglich. Deshalb wird jede analytische Beschäftigung irgendwann zur originalen Schrift zurückführen müssen.» Der Autor weist den Studierenden den Zugang zu den originalen Schriften Schritt für Schritt, mit Umsicht erläuternd, wesentliche Aspekte vertiefend und mit Abbildungen, Notenbeispielen und Tabellen illustrierend. Kritisch setzt sich Manfred Hermann Schmid auseinander mit früheren Forschungsansätzen und -ergebnissen.
Eingestreut sind in diesem Studienbuch, dem der Verlag die gebührende Sorgfalt in aufwendiger Typografie und gediegenem Layout zukommen liess, technische Empfehlungen zu historischen Partituren und deren Umsetzung in die moderne Praxis sowie über zwei Dutzend Übungen zur Schriftentwicklung der Vokalmusik. Die erweiterten Aufgabentexte mit zusätzlichen Erläuterungen und den Lösungen können auf der Website des Bärenreiter-Verlags in Form einer 37 Seiten umfassenden pdf-Datei konsultiert werden.
Den Lehrbüchern von Johannes Wolf (Handbuch der Notationskunde; 1913 und 1919) und Willi Apel (Die Notation der polyphonen Musik 900–1600; 1962) stellt Manfred Hermann Schmid nun ein modernes, die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte einbeziehendes Standardwerk zur Seite, das Theorie und Praxis in bemerkenswert vielseitiger Art verzahnt, Einblicke öffnet in das musikalische Denken vieler Epochen, ein Kompendium, das auch immer reflektiert und aufzeigt, was musikalische Schrift in einem Zeitraum von tausend Jahren über ihre Zeichensprache hinaus bewirkt.
Zitat aus dem Buch:
«Seit den Zeiten des Historismus war es ein Ziel der Wissenschaft, Musik der Vergangenheit zu erschließen und in gedruckten Ausgaben verfügbar zu machen. Editionen des 20. Jahrhunderts konzentrierten sich darauf, alle Arten von Musikern, vor allem auch Laienmusiker, mit Noten zu versorgen, die ohne langes Bedenken gleich nach dem Aufschlagen für ein Vom-Blatt-Singen oder -Spielen geeignet sind. Solche Ausgaben, die Musik der Vergangenheit umstandslos einer Schrift der Gegenwart unterwerfen, wird es weiterhin geben, weil sie verständliche Erwartungen erfüllen. Aber allgemeine Gültigkeit können sie nicht beanspruchen. Denn sie dienen weder den Interessen hochprofessioneller Musiker noch denen der Wissenschaft, weil auf dem Weg der Anpassung an moderne Gegebenheiten zu viel an historischer Botschaft verlorengeht.» (Seite 283)
(ws)
Manfred Hermann Schmid: Notationskunde. Schrift und Komposition 900–1900. Mit über 140 Abb., darunter 4 Farbtafeln, sowie digitalem Lehrgang. Bärenreiter Studienbücher Musik Band 18. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2012. 298 Seiten. € 29,95. Fr. 40.90.