16.11.2012 — Franz Schubert, Gehilfe an der Schule seines Vaters, verliess 1816 das Elternhaus. In die Wohnung eines Freundes nahm der 19-jährige einen gewichtigen Bestand mit, über ein halbes Tausend Kompositionen umfassend, darunter Singspiele, vier Messevertonungen, fünf Sinfonien und weit über 300 Lieder. Deren erstes hatte er um 1810 mit 13 Jahren geschrieben. 1815 schuf er über 140 Lieder; unter den zahlreichen Goethe-Vertonungen auch «Erlkönig» Opus 1.
634 Lieder für eine Singstimme und Klavier komponierte Schubert innerhalb einer Zeitspanne von 18 Jahren. Viele Einzelwerke auf Gedichte von Goethe, Schiller, Claudius, Heine, Klopstock, Mayrhofer, Novalis, Schlegel und Zyklen wie «Die schöne Müllerin» und «Winterreise» zählen zum Kernbestand seines Schaffens und der ganzen Gattung. Manch andere von Schuberts Liedern sind kaum bekannt oder gar vergessen.
Fast ein Drittel seines Liedschaffens ist zu Schuberts Lebenszeit im Druck erschienen, fand Verbreitung über seinen Freundeskreis hinaus, stiess – im Gegensatz zu seinen Instrumentalkompositionen – vorerst nicht auf ungeteilt positive Aufnahme, weil es sich dem gutbürgerlichen Geschmack entzog.
Das «Schubert Liedlexikon» untersucht als erstes seiner Art das Lied-Œuvre des Meisters in seiner gesamten Bandbreite einlässlich und in chronologischer, auf dem Deutsch-Verzeichnis von 1978 fussender Folge, beginnend mit dem Fragment D 1A um 1810, endend mit der «Taubenpost» (D 965A) vom Oktober 1828.
«Der Text, die Melodie und der Klaviersatz haben, in ihrer jeweils unterschiedlichen Art, gleiche Rechte und gleiche Bedeutung für das Kunstwerk im Ganzen», heisst es im Vorwort. Das zentrale Thema dieses Lexikons sei es deshalb aufzuzeigen, was das Besondere eines jeden Liedes ausmache.
Demgemäss legen die 36 Autorinnen und Autoren unter der Leitung der Herausgeber Walther Dürr, Michael Kube, Uwe Schweikert und Stefanie Steiner in der Analyse starkes Gewicht auf die Dichtung, auf deren Inhalt, auf die ihr eigene Atmosphäre, die Schubert angesprochen und inspiriert haben kann. Wie in dessen Komposition aus Text und Musik ein Neues entsteht, wird anschliessend detailliert herausgearbeitet.
Der Aufbau jeder Liedbesprechung ist identisch gegliedert: Den Grundinformationen über die Komposition (Entstehungszeit, Titel, D-Nummer, Textdichter, Verweise) folgen das Notenincipit (mit Tempoangabe, Vortragsanweisung, Taktzahl) und der Gedichttext.
Im Zentrum stehen die Kommentierungen des Textes (mit Angaben zum Inhalt, zum metrischen Aufbau, zu Besonderheiten der literarischen Vorlage) und die Analyse der Musik (musikalische Umsetzung des Gedichts, Bezüge zu anderen Liedern, von Schubert betonte Einzelaspekte). Die Zyklen sind als Ganzes gewürdigt, danach werden die Lieder im Einzelnen besprochen. Angehängt in kleinerem Schrifttyp sind jeweils Rubriken zu Stimmumfang der originalen Vertonung, Druckausgaben, Entstehung und Textvorlage sowie Literaturhinweise, in der Regel ab 1978.
Im Anhang finden sich die Biografien der Dichterinnen (6) und Dichter (104), das Personenregister (darunter auch literarische und mythologische Namen sowie Rollennamen), das Liedregister mit sämtlichen Titeln und Textincipits, abschliessend das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren mit den von ihnen analysierten Liedern.
Der Gang durch Schuberts Liederkosmos führt auch zurück in seine Epoche, in die Wirren der Befreiungskriege, ins Wien der repressiven Metternich-Ära, des Biedermeier, zu seinem Freundeskreis, in künstlerische Zirkel und ins Musikleben, zu den Hauptexponenten und Randfiguren der romantischen Bewegung in Dichtung und bildender Kunst. Welchen Gegebenheiten Schubert in verschiedenen Lebens- und Arbeitsphasen ausgesetzt war, welche Einflüsse er aufgenommen und wie er sie künstlerisch umgesetzt hat – Antworten auf diese Fragen ziehen sich in mannigfaltig anregender Weise durch den Band.
Eigenes Gewicht kommt der literarischen Seite zu durch den Abdruck der Gedichte und die alle wesentlichen Fakten zusammenfassenden Biografien ihrer Autoren: eine üppige Lyriksammlung und ein aussagekräftiges Literaturlexikon. Üblicherweise ist das ganze von Schubert vertonte Gedicht abgedruckt, in Einzelfällen wurden lange Gedichte gekürzt (die Ballade «Adelwold und Emma» etwa umfasst 35, «Der Taucher» 27 Strophen), ohne das Verständnis ihres Inhalts zu beeinträchtigen; wo nötig sind Zusammenfassungen eingeschoben.
Immer wieder stösst man auf neue Ansätze, die den aktuellen Kenntnisstand reflektieren, tradierte Einschätzungen durch neue Fakten und unvoreingenommene Wertungen ersetzen. Ein Beispiel: die «Blumenballaden» von Schuberts Freund Franz von Schober, «Viola» D 786 und «Vergissmeinnicht» D 792.
Das Liedlexikon greift thematisch weit aus, erläutert Literaturgeschichtliches, sprachliche, melodische, harmonische und rhythmische Eigenarten, die geistigen Strömungen, nennt Freundschaftsbünde, Künstlerzirkel und Widmungsträger, Musenalmanache, Periodika und theoretische literarische und musikalische Schriften, knüpft Zusammenhänge über Zeiten und Generationen hinweg, zwischen Epochen und Künsten, geht der Schubert-Rezeption nach.
Das «Schubert Liedlexikon», konzeptionell bis ins Detail durchdacht, stilistisch ausgefeilt, Weitblick mit Tiefenschärfe vereinend, ist ein Meilenstein der Schubert-Forschung, eine Fundgrube, ein unverzichtbares Kompendium für alle, die sich intensiv mit Schubert und seiner Epoche auseinandersetzen wollen. (ws)
Schubert Liedlexikon. Hrsg. von Walther Dürr, Michael Kube, Uwe Schweikert, Stefanie Steiner. Unter Mitarbeit von Michael Kohlhäufl. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2012. 887 Seiten. € 89,–. Fr. 118.90.
siehe auch:
Schubert hören. Eine Anleitung
Schubert. Schubert?
www.schubert-online.at