30.11.2012 — Vieles in der Musikpädagogik lässt sich versüssen. Nicht so die Unterweisung im Kontrapunkt. Da geht’s ans Eingemachte. Da gibt’s nichts anderes, als geduldigstes Einüben spröder Regeln und Gesetze. Musiker sind da in der gleichen Lage wie theoretische Physiker, die Quantenphysik büffeln, oder Informatiker, die sich in der Maschinensprache Assembler zurechtzufinden versuchen. Zum Kontrapunkt gibt’s – um ein Bonmot Euklids gegenüber dem Pharao Ptolemaios zu paraphrasieren – keinen Königsweg. Nur eines gibt’s da: Pauken.
Generationen haben dies mit den Klassikern von Knud Jeppesen oder Diether de la Motte (der bei aller Seriosität zumindest einen vergnüglichen Plauderstil pflegt) getan. Auch Thomas Krämer tut erst mal gar nicht so, als ob’s eine kurzweilige und spassige Methode für Dummies gäbe, sich die Grundlagen der ein- und vielstimmigen Melodik einzuverleiben. Der Band ist so solide, nüchtern und sorgfältig gelayoutet wie Lehrbücher aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (oder der DDR). Deutsche Wertarbeit. Das fünf eng beschriebene Seiten umfassende Inhaltsverzeichnis macht die Mühsal des zu bewältigenden Weges bereits unvmissverständlich klar.
Begonnen wird denn auch ganz klassisch bei der Vokalpolyphonie der Renaissance, bei Note gegen Note, Bewegung und Gegenbewegung, Arsis und Thesis, harten Durchgängen, Subsemitonium Modi und allen sonstigen Verdächtigen. Über vierhundert Seiten werden schliesslich drei-, vier-, fünf-, sechs-, bis neunstimmige Sätze in Renaissance und Barock mit kleineren Ausflügen in die Romantik abgehandelt. Dazu finden sich eine Vielzahl an Aufgaben zum Selberüben und knapp 80 Seiten Lösungsvorschläge.
Dass es ihm dabei nicht ums Räsonnieren und Philosophieren geht, macht Krämer mit dem ersten (kursiv gesetzten) Satz des Buches klar: «Dies ist ein Buch für Musiker», nicht für Theoretiker. Es werde deshalb auch keine «weitere Beweiskette am Erkenntnissen vorgelegt, dass alle bislang gelehrten Kontrapunktbücher gescheitert seien, weil sie sich auf Fux beziehen, der eine Musik idealisiert hat, die nie so geschrieben wurde».
Krämer gibt auch gleich unumwunden zu, dass die Bewältigung des Kontrapunktes ein steiniger und langer Weg ist. Sein akribischer, sprachlich glasklarer und unaffektierter Stil und die Tatsache, dass das Buch aus der Praxis abgeleitet worden ist (Krämer ist Dozent an den Hochschulen für Musik Detmold und Saar und an der Universität des Saarlandes), macht es zu einem Lehrwerk, das das Zeug zum alles Bisherige auf dem Gebiet überragenden Standardwerk hat. (wb)
Thomas Krämer: Kontrapunkt in Selbststudium und Unterricht. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2012, 486 Seiten, ISBN 978-3-7651-0315-5.