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Musik und Gehirn

16.01.2013 — Musik wird, wie die Liebe, im Kopf gemacht. Im Zentralen Nervensystem mit seinen 100 Milliarden Neuronen, von denen jede im Schnitt mit 1000 anderen direkt verbunden ist, wird Musik gedacht und gehört und verarbeitet, und sie generiert eine Fülle von Stimmungen, Gefühlen und Erinnerungen. Und Fragen über Fragen, auf welche Weise dies alles zustande gekommen ist und wie es eigentlich funktioniert, dass unser Gehirn mit Gregorianik, Bach und Bartók, Folk und Zwölftonmusik, Amy Winehouse und Robbie Williams, mit Elvis Presley und Charlie Parker umgehen kann.

Thomas Richter, Pianist, ausgebildet in den Fächern Medizin, Anglistik, Romanistik und heute selbständiger Berater von Pharma-Unternehmen, arbeitet in seinem Buch «Warum man im Auto nicht Wagner hören sollte» einen üppigen Fragenkatalog zum Thema Musik und Gehirn ab.

Der Autor bewegt sich festen Schrittes auf den soliden Planken neurowissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis, dreht indes auch leichtfüssig die eine oder andere Pirouette. Und er stellt die komplexe Materie auf eine auch dem Laien verständliche Art dar, beginnend mit den theoretischen Grundlagen, morphologisch und physiologisch. Schematische Skizzen wären hier willkommen; doch wer mit Medulla oblongata, Metencephalon, Pons, Cortex, Gyri, wer mit Frequenzen, Amplituden und den Grundbegriffen der Musiktheorie seine Mühe hat, lasse sich nicht entmutigen – er wird im Folgenden mit griffigen, bilderreichen Erläuterungen und pointierten Meinungen entschädigt.

Wie gesagt: Fragen über Fragen, viele Antworten, viele Vermutungen, viele Rätsel. Wie kam der Neandertaler zur Musik? Wo im Hirn liegt das Musikzentrum? Wieso sind nicht alle Menschen musikalisch? Wie geht das Gedächtnis mit Musik um? Was hat es mit dem inneren Gehör auf sich? Was hätte Beethoven nicht komponiert, wenn er kein Trinker gewesen wäre? Lindert Musik körperliche und seelische Leiden? Welche Art von Musik wirkt erotisch? Gibt es eine männliche und eine weibliche Musik? Wieso ist das Fis lila? Wie steht es um die Zukunft des Gehirns, der Musik? Warum sollte man im Auto nicht Wagner oder Bruckner oder Mahler hören?

Der Einblicke, Einsichten, Anregungen sind viele, und eine Menge davon, betreffen sie Physikalisches, die Evolution, Biologisches oder Physiologisches, ist doch überraschend. «Vieles bleibt offen», resümiert Thomas Richter. «Was wie ein pessimistischer Abschluss klingen könnte, ist in Wahrheit ein Dank an das Gehirn dafür, dass es die Musik nicht ergründen kann, aber auch dafür, dass es uns ermöglicht, von ihr so tief berührt zu werden wie sonst nur noch von der Liebe.»

Zitat aus dem Buch:
«Beim Musikhören und -bewerten ist der höchstentwickelte Teil unseres Gehirns direkt mit dem entwicklungsgeschichtlich primitivsten verbunden, eine rätselhafte, nicht fassbare Konstellation; wir werden uns langfristig damit abfinden müssen, dass auch die korrektesten neurophysiologischen Beschreibungen selten Erklärungen dessen sind, was die Musik in unseren Köpfen auslöst.» (Seite 177)
(ws)

Thomas Richter: Warum man im Auto nicht Wagner hören sollte. Musik und Gehirn. Reclam-Verlag, Stuttgart 2012. TB 20255. 200 Seiten. € 8,95. Fr. 13.40.

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