06.02.2013 — Sie gehören zu den herausragenden Pianisten ihrer Generation und ihres Landes, beide starben nach phänomenalen Karrieren früh – der Brite John Ogdon mit 52, der Franzose Samson François mit 46. EMI Classics legt nun die bisher umfangreichste Ogdon-Hommage vor, nicht weniger als 17 CDs und alle wichtigen Aspekte seines Repertoires umfassend, sowie, in einer 3-CD-Box, die exemplarischen Debussy-Einspielungen von Samson François.
Im Gegensatz zu den meisten seiner Berufskolleginnen und -kollegen lag Ogdons Interesse nicht auf dem klassisch-romantischen Kernrepertoire. Bereits in seinem Londoner Debütkonzert interpretierte der 21-Jährige das Klavierkonzert Busonis mit durchschlagendem Erfolg. Seine Einspielung (1967) dieses fast 70 Minuten dauernden zyklopischen Monumentalopus ist in dieser Kollektion enthalten.
John Ogdons immenses Repertoire und seine intensive Auseinandersetzung mit Raritäten vor allem englischer Provenienz (er brachte manche Kompositionen seiner ehemaligen Studienkollegen zur Uraufführung) hat sich in einer imposanten Diskografie niedergeschlagen. Die vorliegenden Aufnahmen entstanden mehrheitlich in den Sechzigerjahren. Versammelt sind von 42 Komponisten über hundert Werke, darunter 19 Klavierkonzerte, neben Populärem (Mendelssohn, Schumann, Grieg, Tschaikowski, Franck, Rachmaninow) auch selten Aufgeführtes (Glasunow, Liszt, Litolff, Bartók, Tippett, Schostakowitsch, Ogdons 1. Klavierkonzert).
Neben Miniaturen und Evergreens vom Barock bis zur Moderne sowie umfangreichen Werkgruppen von Chopin, Liszt, Rachmaninow (Études tableaux op. 33 und 39) finden sich mehr als 40 grossformatige Kompositionen, darunter die Sonaten von Dukas und Liszt, die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von Bartók (mit Ogdons Gattin Brenda Lucas), Sonaten von Dutilleux, Tippett, Ogdon, Hoddinott, Sherlaw Johnson sowie Ronald Stevensons Passacaglia on DSCH (= D. Schostakowitsch), die mit fast zwei Stunden Aufführungsdauer längste ihrer Gattung.
Berühmt waren Ogdons Prima-vista-Spiel, die exorbitante Virtuosität, die physische Kraft, die Anschlagsdelikatesse nicht ausschloss, die Fähigkeit, sich in kürzester Zeit komplexe Partituren anzueignen (Francks Variations symphoniques hat er für die Einspielung von 1962 über Nacht einstudiert), die stilistische Vielseitigkeit und die emotionale Überzeugungskraft seiner Interpretationen.
Der korpulente, stets bescheiden auftretende, gesundheitlich labile Mann mit Kinnbart und markanter Brille, der neben seiner internationalen Konzerttätigkeit über 200 Werke komponierte, Essays verfasste und als Dozent wirkte, erlitt 36-jährig einen Zusammenbruch – wie sein Vater ein Opfer der Schizophrenie. 1973 war John Ogdons brillante Karriere beendet. Ab 1980 kehrte er für einige Auftritte aufs Podium und ins Aufnahmestudio zurück; 1989 erlag er in London den Folgen einer Lungenentzündung.
Samson François
Von völlig anderem Zuschnitt als der Brite Ogdon war der Franzose Samson Pascal François. Seine Welt waren vorerst die romantische Klavierliteratur, das 19. Jahrhundert und die Selbstinszenierung: Mit exzentrischem Lebensstil, durchwachten Nächten in Pariser Etablissements und ausschweifendem Genuss von Alkohol und Tabak positionierte sich der bekennende Jazzfan (weiland eine provokante Passion!) in der Nachkriegszeit als Enfant terrible.
So waren es mehr Äusserlichkeiten, darunter die ungebändigte Frisur in einer Zeit, als der korrekt gezogene Scheitel Pflichtbewusstsein und Sitte signalisierte, welche die Gilde bestandener Musikkritiker herausforderte; die einen wollten das Spiel des jungen Meisters notengetreuer und disziplinierter, die anderen rühmten dessen Spontaneität, Erfindungslust und Energie.
Nachdem der 19-Jährige (sein Vorname Samson wurde zu einem Markenzeichen) den ersten Long-Thibaud-Concours gewonnen hatte, begab er sich ab 1945 auf Europatournee. Er gestand, sich mit Beethoven zu langweilen, bei Brahms von Unwohlsein befallen zu werden und Mozart liebend gern auf einem alten verstimmten Flügel zu spielen, was viele verstimmte und ihn in Deutschland und Österreich ein gerüttelt Mass an Sympathien kostete.
1947 debütierte er in den USA, 1964 in China. Prokofjew vertraute ihm die Uraufführung seines 5. Klavierkonzerts an (1950 mit Leonard Bernstein). Regelmässig nahm François Zeitgenössisches in seine Rezitals auf, komponierte u.a. ein Klavierkonzert und einige Filmmusiken.
Der Bürgerschreck mässigte sich, die Haare wurden schütter. Sein technisch makelloses Spiel bezwang durch Klarheit, rhythmische Prägnanz und Farbenreichtum. Als Anwalt Schumanns und Chopins hatte er sich einen unbestrittenen Rang gesichert, galt als profilierter Interpret Ravels und Debussys. François war, nach der Pioniertat von Marius-François Gaillard, der 1920 in Paris sämtliche Klavierwerke Debussys interpretiert hatte, der erste, der die integrale Aufführung von Debussys Klavierschaffen aufgriff. So lag es nahe, den Korpus auf Schallplatte festzuhalten.
1961 begann er beim Label EMI Musique France die geplante Gesamteinspielung, die er indes wegen Erkrankung, Labilität und Infarkten nicht zu Ende führen konnte – 1970 verstarb er.
Auf drei CDs sind seine legendären Debussy-Aufnahmen wieder greifbar. Und sie bezwingen nach wie vor durch ihre von verwaschenen Aquarelltönen befreite Kontur und Harmonie, durch glasklare Transparenz, sprühende Spiellaune, noble Poesie und feinnervigen Humor. Ein Kontrast zu dem seit Walter Giesekings Aufnahmen ausserhalb Frankreichs gepflegten, wohl durch die Maler des Impressionismus inspirierten Debussy-Stil.
Unter den Zyklen finden sich die Préludes I und II (in Livre II fehlt Les tierces alternées), Images I und II, Études Livre II (ohne Pour les notes repetées; Nr. 11 in zwei verschiedenen Aufnahmen), Pour le piano (zweimal), Children’s Corner, Estampes, Suite bergamasque. An Einzelstücken enthält die Kompilation L’Isle Joyeuse, Masques, Rêverie, Deux Arabesques, Berceuse héroïque, La plus que lente. (ws)
John Ogdon (1937–1989). Serie Legendary British Virtuoso. Einspielungen 1960 bis 1972. – Brenda Lucas, Klavier; James Holland, Tristan Fry, Schlagzeug. London Symphony Orchestra / Aldo Ceccato; New Philharmonia Orchestra / Paavo Berglund; Bournemouth Symphony Orchestra / Paavo Berglund; Philharmonia Orchestra / John Barbirolli / John Pritchard / Malcolm Sargent / Colin Davis; Royal Philharmonic Orchestra / Daniell Revenaugh / Lawrence Foster; City of Birmingham Symphony Orchestra / Louis Frémaux. (EMI Classics 7 04637 2; 17 CDs. Booklet engl./dt.)
Samson François (1924–1970). Werke von Claude Debussy. Einspielungen 1961, 1968 bis 1970. (EMI Classics 638754 2 3; 3 CDs. Booklet frz.)