11.03.2013 — Sein Name evoziert die fünf patriotischen «Pomp-and-Circumstance»-Märsche, das Cellokonzert, die Enigma-Variationen, das Oratorium «The Dream of Gerontius». Auf dem Kontinent hat Edward Elgar (1857–1934) nur schwach Fuss gefasst, in seiner Heimat Grossbritannien zählt er zu den profilierten, wie kein anderer seit Purcell mit Auszeichnungen überhäufter Musiker, und seine Werke haben Eingang gefunden ins Kernrepertoire des englischen Konzertlebens.
Der neue Musik-Konzepte-Band weitet mit seinen sechs Beiträgen die verengte Sicht auf den Hauptkomponisten der «Edwardian epoch», der seine grössten Erfolge zwischen den 90er Jahren und dem Ersten Weltkrieg feierte, würdigt die Charakteristika seines komplexen, rätselhaften Wesens und des durch Brahms, Wagner, Liszt und Richard Strauss angeregten Personalstils, die Breite und Vielfalt seines Œuvres, das Orchester- und Chorwerke, Oratorien, Bühnenmusiken, Gesänge, Lieder, Kammermusik, Klavier- und Orgelkompositionen umfasst.
Benedict Taylor behandelt in seinem Beitrag die ästhetischen Qualitäten des öffentlichen und des privaten Edward Elgar anhand grundlegender Schlüsselthemen in seiner Musik sowie deren Rezeption. – Elgar und die Religion: Julian Rushton erörtert anhand von geistlichen Kompositionen das Spannungsverhältnis des Katholiken Elgar in der spätviktorianisch geprägten anglikanischen Gesellschaft.
Kompositionen wie «The Banner of St George», «The Crown of India» und «The Spirit of England», die von Elgars idealistischem Nationalismus genährt sind, stehen im Mittelpunkt von Meinrad Sarembas Untersuchung zum Themenkreis Elgar, die Nation und das Empire. – Jürgen Schaarwächter befasst sich mit Elgars disparatem Vokalschaffen, seiner Textauswahl für die etwa 60 Sololieder, 40 Chorgesänge, vier geistlichen Oratorien und die Kantaten und würdigt den Einfluss seiner Frau Alice, einer profilierten Literatin.
In «Elgars Kompositionstechnik und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» (Untertitel) analysiert Michael Gassmann die Kompositionsverfahren und den Personalstil des konservativen Neuerers zwischen Modernität und Epigonentum und arbeitet die wesentlichen Unterschiede in der Musikerausbildung in England und auf dem Kontinent seit der Klassik heraus. – Facetten der Moderne in Elgars Musik deckt J.P.E. Harper-Scott in seinem Beitrag auf, in dem er den Phasen der künstlerischen Entwicklung Elgars nachgeht, den konservativen und den progressiven Elementen, den Einflüssen der musikalischen Revolution der Moderne auf sein Schaffen.
Zitat aus dem Buch:
«Elgar bewahrte sich eine Unbefangenheit im Umgang mit fremdem Material, die den Komponisten des 18. Jahrhunderts noch eigen war, denen des 19. und 20. Jahrhunderts aber abhanden kam. Zugleich hatte er einen hellwachen Sinn für die neuesten kompositorischen Tendenzen seiner Zeit (erst Brahms und Wagner, dann Strauss) und verwandelte sie sich an.» (Michael Gassmann, Seite 95)
(ws)
Edward Elgar. Reihe Musik-Konzepte, Band 159. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. I/2013, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 130 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 24,–. Fr. 34.40.
siehe auch:
Musik-Konzepte: Arthur Sullivan
Musik-Konzepte: Frederick Delius