21.06.2013 — Minderwertigkeitskomplexe waren ihm zeitlebens fern. Der 1866 in Empoli bei Florenz als Sohn eines Klarinettisten und einer deutschstämmigen Pianistin geborene Ferruccio Busoni, der mit acht Jahren als eloquenter Pianist und bald auch mit eigenen Kompositionen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit errang, liess als 17-Jähriger dem renommierten deutschen Musikverlag Breitkopf & Härtel in Leipzig zwei Dutzend Klavierpräludien zukommen; ein Jahr später legte er nach mit einem Streichquartett, einer Klaviersonate und einem Werk für Klaviertrio.
Der Verlag äusserte Anerkennung, wollte jedoch «erst die Klärung Ihres schönen Talentes» abwarten. Bereits 1885 war es soweit: Opus 20 und Opus 22, eine Orchester- und eine Klavierkomposition, wurden ins Verlagsprogramm aufgenommen. Wie der rasche Umschwung zustande kam, bleibt leider offen, denn während sich 38 Verlagsbriefe an Busoni aus der Anfangsphase der Beziehung erhalten haben, gelten die Schreiben Busonis aus dieser Zeit als verloren; der erste im Verlagsarchiv erhalten gebliebene Brief des Komponisten stammt vom 20. Dezember 1894.
Dann aber setzt ein reger Briefwechsel ein, der sich über vier Jahrzehnte erstreckte und erst mit Busonis Tod in Berlin 1924 endete. (Ab Dezember 1918 sind allerdings die Briefe Busonis verschollen.). Nach zögernder Geschäftsanbahnung entwickelte sich ein respektvolles Verhältnis, das trotz wiederholten Verstimmungen und peinlichen Zwischenfällen hüben wie drüben sich fast freundschaftlich gestaltete, später allerdings vor zunehmender Entfremdung vorab als Folge von Honorarfragen nicht gefeit war.
Den 742 Briefen, Karten und Telegrammen Busonis stehen 816 Mitteilungen des Verlags gegenüber, vornehmlich verfasst von Firmenchef Oskar von Hase (1846–1921) und seinen beiden Söhnen. Der Briefwechsel gibt Einblick in das Verlagswesen und dokumentiert die Verlagsarbeit: die technische Herstellung der Partituren, die Korrekturtätigkeit, die Gestaltung des Umschlags, die Farbe und Konsistenz des Papiers, Werbung und Vertrieb, Aufführungsschwierigkeiten, aber auch der Schutz des geistigen Eigentums und die finanziellen Aspekte (Verträge, Honorare). Kaum erstaunlich, dass in letzterer Hinsicht die Vorstellungen Busonis und jene des Verlegers häufig auseinanderklafften.
Eva Hanau, Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Busoni-Editionen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz (das Institut erstellt eine kritische Gesamtausgabe der Schriften, wissenschaftliche Ausgaben von Briefen und musikalischen Werken des Pianisten, Komponisten und Ästhetikers Ferruccio Busoni), hat die Quellen, die im Verlagsarchiv und im Busoni-Nachlass in Berlin lagern, zusammengetragen, penibel editiert, im Zusammenhang mit der Biografie erläutert und einlässlich kommentiert sowie mit Verzeichnissen (Namen, erwähnte Kompositionen, Schriften, Bearbeitungen, Übertragungen, Ausgaben Busonis) und Registern versehen – eine im Ganzen wie im Detail respektheischende Leistung!
Die über 1500 Mitteilungen – bei Gelegenheit wurden monatlich bis zu 15 Briefe gewechselt – beanspruchen zwei Bände; der erste enthält die Schreiben von 1883 bis 1914, der zweite jene von 1915 bis 1924 sowie den über 360 Seiten umfassenden Kommentar- und Registerteil (was dazu zwingt, beim Studium von Band I auch Band II zur Hand zu haben).
Die Drucklegung seiner Kompositionen konnte nie rasch genug erfolgen. Auffallend, wie fordernd, drängend und insistierend Busoni seinen Verleger traktiert, der in der Regel nach einigem Widerspruch und sachlichen Erwägungen und Gegenargumenten dann doch einknickt – Zeichen für das hohe Ansehen, das der Italiener in Europa, den USA und Russland als Starpianist, Komponist, Dirigent, Librettist, Theoretiker («Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst», 1907), Herausgeber und Bearbeiter genoss.
Weniges ist geblieben, hat weitergewirkt von diesem Leistungskatalog eines Schwerstarbeiters. Immerhin erklingen hie und da noch einzelne Kompositionen (in der Regel nicht jene grossen Werke, die Busoni am meisten am Herzen lagen), und viele der bei ihm Studierenden errangen sich einen Namen, darunter Egon Petri, Eduard Steuermann, Edgar Varèse, Wladimir Vogel, Dimitri Mitropoulos, Kurt Weill, Robert Blum, Stefan Wolpe, Leo Kestenberg.
Einleutend, dass sich der Inhalt der Bände hauptsächlich um Busonis Produktion dreht, um seine Kompositionen und seine Editions- und Bearbeitertätigkeit (z. B. Bach, Liszt) – ausser Jugendwerken und einigen Kompositionen der späten Jahre ist das gesamte musikalische Œuvre Busonis von Breitkopf & Härtel verlegt worden.
Das Spektrum der «ungeheuren Fülle der Beschäftigungen» (Busoni) weitet sich, der Briefwechsel belebt sich ab April 1905, bezieht Lebens- und Entwicklungsstationen Busonis mit ein, sein Musikverständnis, das Tagwerk als reisender Virtuose («Clavierconcertfluth»; «umherirrender Beruf»), das Verhältnis zu zeitgenössischen und klassischen Komponisten und, eher beiläufig, zum Musikleben und zur Tagesaktualität.
Der typografisch und im Layout sorgfältig edierte Briefwechsel zwischen Ferruccio Busoni und seinem Verlag Breitkopf & Härtel fügt der Biografie und dem Schaffen des rastlosen Kosmopoliten Busoni aufschlussreiche Fakten und differenzierte Farben hinzu und schlägt, wesentlich auch dank den fundierten Kommentaren, Erläuterungen und Anmerkungen der Herausgeberin Eva Hanau, ein interessantes Kapitel deutschen Verlagswesens und europäischen Musik- und Kulturlebens auf.
Zitat aus dem Buch:
«Wo ich Liszt-Schülern begegne (u. das war wieder gestern der Fall, in Boston) da erfahre ich stets von handschriftlichen Aenderungen des Meisters in den Privat Exemplaren der Schüler. Das hat mich auf die Idee gebracht Ihnen vorzuschlagen, ein Circular abzufassen u. zu versenden an alle bekannten Schüler Liszts mit der Aufforderung, die Aenderungen mitzutheilen, für die Gesammt Ausgabe. Ich halte es für sehr wichtig, da diese interessanten Zusätze u. Varianten sonst rettungslos verschwinden.»
(Brief 542. Busoni aus New York, 17. März 1910)
(ws)
Ferruccio Busoni im Briefwechsel mit seinem Verlag Breitkopf & Härtel. Herausgegeben von Eva Hanau. Band I: 1883-1914. Band II: 1915–1924, mit Kommentarteil, Verzeichnissen, Register und einigen Abbildungen. Im Rahmen der Busoni-Editionen im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Hrsg. Albrecht Riethmüller. Zwei Bände im Schuber. BV 318. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2012. 1592 Seiten. € 126,–. Fr. 169.90.
siehe auch:
Max Regers Briefe an den Verlag Bote & Bock