22.07.2013 — Das Musiktheaterstück «Bremer Freiheit», 1988 in München mit grossem Erfolg uraufgeführt, brachte ihr den internationalen Durchbruch: Adriana Hölszky, 1953 als Rumäniendeutsche in Bukarest geboren und dort in den Fächern Klavier und Komposition ausgebildet, übersiedelt 1976 nach Westdeutschland, wo sie in Stuttgart lehrt, später dann am Mozarteum Salzburg.
Mit einer Vielzahl nicht gattungsgebundener Werke zählt sie zu den innovativsten zeitgenössischen Komponistinnen. Die kulturelle Vielfalt, die sie in Rumänien erlebte, reflektiert sie auch in ihrem Schaffen, verbindet sie mit ästhetischen Kriterien, die sie in der Bundesrepublik kennenlernte. Grundsätzlichen Fragen ihres Komponierens sowie Untersuchungen von Form- und Denkstrukturen der Musik Adriana Hölszkys gehen die drei Autorinnen und die fünf Autoren des Musik-Konzepte-Doppelbandes 160/161 nach.
In ihrem Beitrag «Metamorphose und Explosion» befasst sich Maria Kostakeva mit Aspekten des Kompositionsstils von Adriana Hölszky, die sich mit Naturphänomenen und -prozessen, mit Visuellem und Bildnerischem assoziieren lassen am Beispiel von Werken wie «Die Hunde des Orion», «Formicarium», «Der gute Gott von Manhattan» und «HYBRIS/Niobe». – Schlaglichter auf Adriana Hölszkys Umgang mit literarischen Texten wirft Julia Hinterberger unter dem Titel «Zwischen ‚Sprachzertrümmerung‘ und ‚Textkonservierung’», wobei sie in drei Werken den Spuren von Ingeborg Bachmann in Hölszkys Musik nachgeht. – «Die Klarheit des strukturellen Denkens»: Diesen Titel, ein Zitat der Komponistin, setzt Eva-Maria Houben über ihren Beitrag, in dem sie die Strukturen und Klangräume des Szenischen Konzertstücks «Countdown» analysiert.
Erweiterungen der traditionellen Oper, Instrumentation, Differenzierung des Vokalbereichs, Relation Text–Musik in Adriana Hölszkys «Tragödia» und hauptgewichtig in «Bremer Freiheit» deckt Jörn Peter Hiekel in «Chaotische Zustände auskomponieren» auf. – Ebenfalls Fragen im Zusammenhang mit musiktheatralen Werken, klingenden Skulpturen, der Ausweitung des akustischen Raums erörtert Martin Zenck unter der Überschrift «Ordnungen des Unsichtbaren/Hörbaren und des Sichtbaren/Unhörbaren» anhand von «Tragödia. Der unsichtbare Raum» und «Die Wände» nach Jean Genet. – Hartmut Möller stellt Adriana Hölszkys Arbeitsskizzen zur Oper «Der gute Gott von Manhattan» ins Zentrum seiner Untersuchung «Kraftfelder aus komplementären Energien».
Raumdisposition, Instrumentenkombination, Klänge und theatralische Implikationen, Notationseigenheiten sind Stichworte im Beitrag «… ein musikalisches Theater en miniature …» von Stefan Drees über fünf konzertante Kompositionen Adriana Hölszkys. – Die Komponistin selbst kommt zu Wort in Wolfgang Gratzers «Mehr oder weniger verstehen» mit Eigendeutungen und Werkkommentaren; beigefügt ist eine Zusammenstellung ihrer schriftlichen Äusserungen (Aufsätze, Programmheft-Texte, Vorträge, Gespräche).
Den illustrierten, mit Notenbeispielen und Faksimiles bereicherten Doppelband beschliessen die Abstracts, bibliografische Hinweise, die Zeittafel zu Leben und Werk Adriana Hölszkys und die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren.
Zitat aus dem Buch:
«Denn wie im ‚Guten Gott von Manhattan‘ thematisiert Adriana Hölszky in ihren Werken immer von neuem die Spannung von Freiheit des Individuums und von gesellschaftlicher Bedingtheit. Sie erweist sich als eine Komponistin, die sich kritisch mit einer Gesellschaft auseinandersetzt, in der Gewalt, Ausgrenzung und Grausamkeit immer noch an der Tagesordnung sind.» (aus dem Beitrag von Hartmut Möller, Seite 150)
(ws)
Adriana Hölszky. Reihe Musik-Konzepte, Band 160/161. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. IV/2013, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 188 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 28,–. Fr. 38.40.