09.08.2013 — «Die Literatur mag weniger spektakulär sein als der Stein, aber sie ist auf tausendfältig feinere Weise wirkungsmächtig. Sie produziert nicht ein Wagner-Bild wie das Denkmal, sondern viele Wagner-Bilder; jeder erschafft seinen Wagner nach Maßgabe der eigenen Historie und des eigenen Temperaments», schreibt in der Einleitung Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners und Herausgeberin der vorliegenden Anthologie.
Ein Kaleidoskop an Wagner-Bildern, gefügt aus Gedichten, Kritiken, Essays, Aufsätzen, Erinnerungen, Briefen (viele davon notgedrungen in Auszügen), hat Nike Wagner zusammengetragen aus vielerlei Quellen und sie thematisch in dreizehn Kapiteln eingebracht mit Überschriften wie «Café Lohengrin», «Tristanismo», «Nieder mit Wagner!», «Denkmalschutz für Wagner?».
Aus emotionaler Distanz durchaus unterhaltsam zu verfolgen sind die enragierten Reaktionen zwischen Verzückung und Verwünschung, die Wagner bei Zeitgenossen und Nachgeborenen auslöst. In dieser facettenreichen, mit dramaturgisch begründeten Ausnahmen in chronologischer Ordnung gegliederten Sammlung spiegeln sich die je aktuellen politischen, sozialen und kulturellen Strömungen, die Ästhetik und der Zeitgeist, dem Wagners Person, sein publizistisches Werk und sein musikdramatisches Schaffen zwischen den Polen Dekadenz und Genie in Europa und weit darüber hinaus unterworfen waren.
Im Fin de siècle wurde der kranke gegen den urgesunden Bayreuther ausgespielt, in Frankreich galt er als Meister des Symbolismus, im deutschen Kaiserreich diente er der nationalen Selbstbeweihräucherung, nach dem Ersten Weltkrieg musterte man ihn durch die Brille der neuen Sachlichkeit, die Völkischen belehrten, Wagner habe «seinem Volk und aller Welt das Urtum germanischen Wesens geoffenbart» (1924), nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs blieben die Meinungen ambivalent. 1951 kam es zur Wiedergeburt Bayreuths – Wagner wurde zum Zeitgenossen der Moderne.
Musiker, Musikforscher, Philosophen, Literaten, Politiker, Regisseure, bildende Künstler, an die neunzig Autorinnen und Autoren, setzen sich mit Richard Wagner und seinem Œuvre auseinander, aus höherer Warte die einen, Details analysierend die anderen, mal ernst, mal heiter, Annäherung und Verehrung hier, Satire und Distanzierung dort – Themen mit Dutzenden von Variationen.
Ihr 1995 erstmals vorgelegtes Büchlein (es misst 10 auf 15 Zentimeter) hat Nike Wagner im Einzelnen aktualisiert, im Ganzen mit neu aufgenommenen Beiträgen von Daniel Barenboim, Heinz Holliger, Joachim Kalka, Hans Küng, Heiner Müller, Hans Neuenfels und Slavoj Zižek substantiell bereichert. Der Originalbeitrag zum Thema «Das Wagner-Theater heute» stammt von Julia Spinola.
Die Anthologie ist benutzerfreundlich und informativ erschlossen: durch eine Zeittafel, das Verzeichnis der Autoren (samt Kurzbiografien), Texte und Druckvorlagen sowie das Abbildungsverzeichnis.
Zitat aus dem Buch:
«So verbleibt als letzte Möglichkeit, wenigstens Jugendliche unter 18 Jahren vor dem verhängnisvollen Eindruck des Ringzyklus zu bewahren. Wie die bereits erwähnte Novelle ‚Wälsungenblut‘ [Thomas Mann] beweist, übt Wagners Musik auf Heranwachsende eine ungewöhnlich narkotische Wirkung aus, die raschen Hemmungsverfall nach sich zieht. ‚Der fremde Zauber reißt die Jugend fort‘, heißt es bei Schiller [«Wilhelm Tell»]. Das mag für die Schweiz zutreffen. Das deutsche Volk wird seine Jugend zu schützen wissen.» (aus: «Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ im Lichte des deutschen Strafrechts» von Ernst von Pidde, 1877–1966. Seite 114f.)
(ws)
Über Wagner. Von Musikern, Dichtern und Liebhabern. Eine Anthologie. Herausgegeben von Nike Wagner. Mit 40 s/w Abbildungen. Aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Reclam-Verlag, Stuttgart 2013. 400 Seiten. € 14,–. Fr. 20.90.