24.08.2013 — 500 Seiten zum Thema hohe Männerstimmen, 500 Seiten über Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. Eine Sache zum Gähnen? Mitnichten, wenn sich eine Kapazität wie Corinna Herr der Sache annimmt, denn die Lektüre ihres Buches (die überarbeitete Version ihrer 2009 von der Historischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum als Habilitationsschrift angenommenen Arbeit) erweist sich als in der Breite wie der Tiefe, in Längs- und Querschnitt massgebende Darstellung eines Phänomens, das in den Bereichen Kirchenmusik und Oper und später auch in der Rock- und Popmusik seine Wirkung entfaltet, gesangsästhetische Diskurse animiert und Stürme der Begeisterung wie der Entrüstung entfacht hat.
Sopranisten – Männer, die mit der Kopfstimme, dem Falsett, singen, und andrerseits Kastraten, deren Geschlechtsreife operativ verhindert wurde – hinterliessen in der Musikgeschichte des hier in den Fokus genommenen westeuropäischen Raums markante Spuren. Kastraten, erstmals nachgewiesen in der italienischen Spätrenaissance, feierten ihre hohe Zeit zwischen 1680 und 1780 – einer der letzten Kastraten, Alessandro Moreschi, Sänger der päpstlichen Kapelle, starb 1922; er ist der einzige seiner einst hoch angesehenen Zunft, von dem Tonaufnahmen vorliegen.
Natürlichkeit gegen Unnatürlichkeit im Kunstgesang: Während die Falsett-Stimme im historischen Diskurs als künstlich und unnatürlich, als Zeichen der Unmännlichkeit galt (voce finta), wurde die Stimme des Kastraten als natürlich angesehen (soprano naturale), weil er die hohen Töne mit Brust- und Kopfstimme produziert. Dem Phänomen dieser hohen Männerstimmen geht Corinna Herr Schritt für Schritt vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Gegenwart nach, in der Kirchenmusik, auf Bühne und Podium, im Ensemble und solo.
Theorie und Anwendung, sakrale und säkulare Gesangsmusik sind in dieser weit ausgreifenden Untersuchung verzahnt: Die Autorin verbindet zeitgenössische Gesangstraktate mit der Analyse von Musik, die eigens für hohe Männerstimmen komponiert wurde; in Exempeln (viele visualisiert durch Notenbeispiele) klärt sie Fragen der historischen Besetzungs- und Aufführungspraxis, zieht gesangsästhetische Äusserungen und Rezeptionszeugnisse bei.
Sie verfolgt den Wandel des Geschmacks durch die Epochen, beschreibt die Gleichzeitigkeit von Falsettsängern und Kastraten in der päpstlichen Sängerkapelle und am Hof der Wittelsbacher in München im 16. Jahrhundert, schlägt den Bogen von der Verbindung von Männlichkeit und Virtuosität mit Blick auf Partien der italienischen und der französischen Oper im 17. und 18. Jahrhundert über die Falsettisten im 20. Jahrhundert in der sog. E-Musik bis zu den Falsettisten in der Pop-Musik, thematisiert die Diskussionen der Gender Studies, reflektiert kritisch frühere und aktuelle Publikationen zum Thema, entlarvt Stereotype und Pauschalisierungen.
Im Anhang finden sich eine umfangreiche Bibliografie (Notendrucke und -manuskripte, Ton- und Bilddokumente, Literatur), ein Verzeichnis der konsultierten Internet-Seiten und das Personenregister.
Corinna Herr ist eine magistrale, vielseitige, auch kulturwissenschaftliche und sozialpolitische Aspekte einbeziehende Studie zum Thema hoch singender Männer in Geschichte und Gegenwart zu verdanken, spannend zu lesen und ohnehin eine Pflichtlektüre für alle, die sich aus beruflicher Perspektive mit dem Thema auseinandersetzen müssen.
Zitat aus dem Buch:
Die Diskussion um die «Ordnungen der Natur» im Kunstgesang und der hohen männlichen Stimme steht paradigmatisch für einen gesangsästhetischen Diskurs, der mit der Diskussion um die Falsettisten am Ende des 20. Jahrhunderts einen neuen Höhepunkt erreicht. Tatsächlich ist die Kategorie Natur eine Konstante im Diskurs der hohen Männerstimme. Sie beziehen sich – wie gezeigt – nur in einem geringen Maß auf die Körper, sondern insbesondere auf die Stimme der Sänger. Die Ordnungen der hier angeführten «Natur» sind allerdings ebenfalls vom Menschen bestimmt und definiert und erscheinen deshalb nicht weniger artifiziell als Urteile über die Stimmen und den «Kunstgesang». (Seite 508f.)
(ws)
Corinna Herr: Gesang gegen die «Ordnung der Natur»? Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2013. 556 Seiten. Mit Notenbeispielen. € 49,95. Fr. 64.40.