02.10.2013 — Längst vorbei die Zeiten, in denen er die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte. Pierre Boulez’ kompositorisches Œuvre dagegen hat in all den Jahrzehnten kaum eingebüsst an Brisanz und Provokation. Im Rahmen der Reihe «Künstler im Gespräch» des 1994 gegründeten Labels Cybele, Düsseldorf, kommt Boulez nun doppelt zu Ehren: in einem 45-minütigen Interview und in der Gesamtaufnahme seines Klavierwerks.
In seinem Büro im Pariser Ircam (Institut de recherche et coordination acoustique/musique), das auf seine Initiative zurückgeht, beantwortet der 1925 geborene Pierre Boulez in differenziertem Deutsch und altersmild einen umfangreichen Katalog an Fragen, die Mirjam Wiesemann vorbereitet hat.
«Ich bin nur für Musik begabt», hält er fest. Zur Sprache kommen unter anderem Boulez’ Biografie, sein künstlerischer Werdegang als Komponist, Dirigent und vielseitiger Initiator, das Komponieren, die Freiheit in der seriellen Musik, Kontrolle und Zufall, der Klang der Instrumente und deren Kombination, Jugend und Alter, Musikerkollegen, das Theater, die Zusammenarbeit mit Dichtern, Schauspielern, Regisseuren. Einen Schwerpunkt bilden Boulez’ erhellende Ausführungen zu seinen Klavierkompositionen («Das Klavier ist mein Instrument»), von den frühesten aus den Vierzigerjahren bis zum jüngsten Opus von 2005.
Der 1967 in Athen geborene Dimitri Vassilakis gehört zur Handvoll Pianisten, die den exorbitanten technischen und gestalterischen Schwierigkeiten von Boulez’ Klaviermusik gewachsen sind. Zusammen mit dem Komponisten hat er im Laufe vieler Jahre die Werke erarbeitet, sodass die vorliegenden Einspielungen exemplarischen Charakter beanspruchen dürfen.
Seine Vertrautheit mit den künstlerischen Absichten von Pierre Boulez beweist Vassilakis, der auch in dessen Ensemble InterContemporain mitwirkt, als Interpret von «Douze Notations» (1945), den drei Sonaten (1946, 1948, 1963), den «Incises» von 1994 in der erstmals aufgenommenen erweiterten Fassung von 2001 und «Und page d’éphéméride» (2005) sowie als spontaner und humorvoller Gesprächspartner Mirjam Wiesemanns.
Dimitri Vassilakis erzählt (ebenfalls in deutscher Sprache) anregend von seiner Kindheit und Jugend, seiner Liebe zum Klavier und zu Chopin, von Talent, Arbeit und Selbstzweifeln, seiner Entdeckung der neuen Musik, von seinen Begegnungen mit Boulez und dessen Klavierwerk, dem Umgang mit Partituren und Manuskripten, vom idealen Hörer und der Zukunft der neuen Musik.
Die drei CDs im Digipak sind begleitet von einem knapp 100-seitigen illustrierten Booklet mit einlässlichen Beiträgen (dt., engl., frz.) zum Komponisten, seinem Klavierschaffen und seinem Interpreten. Diese vierte Publikation der Reihe «Künstler im Gespräch» erweist sich als bedeutsames und vielseitiges Dokument eines herausragenden Komponisten und eines exzellenten Pianisten. (ws)
Pierre Boulez und das Klavier. Interviews von Mirjam Wiesemann mit Pierre Boulez und dem Pianisten Dimitri Vassilakis. Einspielungen sämtlicher Klavierwerke von Boulez. Koproduktion mit Deutschlandfunk. (Reihe «Künstler im Gespräch» KiG 004. Cybele, 3 SACDs; 178’)
siehe auch:
Henze und sein Requiem
Hans Erich Apostel und das Streichquartett
Karl Amadeus Hartmann (1905–1963)