08.01.2014 — An ihrer jährlichen Tagung zur Musiktherapie hat sich die Rehaklinik Bellikon einmal mehr der neurologischen Rehabilitation angenommen. Der Anlass spürte aber auch Megatrends der Berufspolitik und -entwicklung nach.
Wolfgang Böhler — Nimmt man die jüngste Tagung der Rehaklinik Bellikon zur Musiktherapie zum Massstab, so prägen zur Zeit drei Hauptmotive die Diskussionen um die Disziplin: Die neurowissenschaftlichen Forschungen zur Musikverarbeitung und zum Musizieren lösen Tiefenpsychologie und humanistisch-spirituelle Lehren als Paradigma der Wirkungsforschung zunehmend ab; dennoch scheint nach einer längeren Phase des Versuchs, mit mehr oder weniger ambitiösen Versuchsreihen empirische Normalwissenschaft zu betreiben, eine Rückbesinnung auf die sorgfältige Darstellung und Dokumentation einzelner therapeutischer Interventionen stattzufinden.
08.01.2014 — An ihrer jährlichen Tagung zur Musiktherapie hat sich die Rehaklinik Bellikon einmal mehr der neurologischen Rehabilitation angenommen. Der Anlass spürte aber auch Megatrends der Berufspolitik und -entwicklung nach.
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Angehende Therapeutinnen und Therapeuten der Ausbildung am FMWS sorgen an der Tagung für Auflockerung (Bild: Codex flores) |
Wolfgang Böhler — Nimmt man die jüngste Tagung der Rehaklinik Bellikon zur Musiktherapie zum Massstab, so prägen zur Zeit drei Hauptmotive die Diskussionen um die Disziplin: Die neurowissenschaftlichen Forschungen zur Musikverarbeitung und zum Musizieren lösen Tiefenpsychologie und humanistisch-spirituelle Lehren als Paradigma der Wirkungsforschung zunehmend ab; dennoch scheint nach einer längeren Phase des Versuchs, mit mehr oder weniger ambitiösen Versuchsreihen empirische Normalwissenschaft zu betreiben, eine Rückbesinnung auf die sorgfältige Darstellung und Dokumentation einzelner therapeutischer Interventionen stattzufinden. Sie könnte sich für die Verankerung der Disziplin in normalwissenschaftlichen Standards als ergiebiger erweisen als die sonst üblichen, scheinbar seriösen statistischen Herumspielereien mit Kleinstversuchsgruppen. Schliesslich etablieren sich, dies der dritte Trend, auch unternehmerische Eigenintiativen als Berufsmodelle für die Branche.
Über den Stand der Dinge in Sachen Hirnforschung und Musik referierte im Careum Aarau in Vertretung von Lutz Jäncke der Zürcher Neuropsychologe Stefan Elmer. Der Stand der Dinge lässt sich in dem exzellenten Buch Jänckes «Macht Musik schlau?» (siehe Codex-flores-Rezension) nachlesen. Der Schreibende weist zusätzlich darauf hin, dass an der Universität Genf eine Gruppe von Emotionsforschern (in der «Geneva Emotion Research Group») rund um den Psychologen Klaus R. Scherer aktiv ist. Sie dürfte zur Zeit zu den weltweit Führenden auf dem Gebiet der Forschungen zu Emotion und Musik gehören.
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Die Weblinks
Rehaklinik Bellikon:
www.rehabellikon.ch
Ausbildung Musiktherapie:
www.fmws.ch
Geneva Emotion Research Group:
www.unige.ch/cisa/gerg.html
Musik auf Rädern:
www.musikaufraedern.ch
Sipari:
www.sipari.de
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Die Präsentation der Münchner Therapeutin Monika Baumann zum Einsatz von Musik in der neurologischen Frührehabilitation (mit einem berührenden Fallbeispiel), illustrierte einmal mehr eindrücklich, welche Stärken die Arbeit mit Musik in den Grenzgebieten der menschlicher Existenz hat, wo sie Kontakte und Kommunikation schaffen kann, die sich vermutlich mit keinen andern Mitteln erreichen lassen. Es scheint denn auch, wie Baumann erklärte, nur konsequent, dass im neuesten Operationen- und Prozedurenschlüssel des DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) Leistungen der Musiktherapie auf die tägliche Therapiezeit angerechnet werden, «wenn das therapeutische Konzept der Frührehabilitationseinrichtung Musiktherapie vorsieht».
Ebenfalls aus der Neurorehabilitation berichtete die im deutschen Jettingen-Scheppach tätige Therapeutin Maret Jochenheim. Nach ihrer Erfahrung kann Musiktherapie in erster Linie helfen, funktionales Handeln und psychodynamisches Erleben miteinander zu verbinden. Sie übe damit, so Jocheheim weiter, vor allem eine integrierende Funktion aus.
Privatberufliche Initiativen in Sachen Musiktherapie scheinen vielversprechende Perspektiven für die Zunft zu schaffen. Auf den einschlägigen Märkten fehlt allerdings noch die breite Erfahrung mit den Geschäftsmodellen. Mit den ersten Initiativen werden Erfahrungen gemacht, die solchen in Jungunternehmerkreisen in andern Branchen ähneln. Üblich ist die Einsicht, dass erste, eher spekulative Geschäftspläne mehr oder weniger angepasst werden müssen, um den faktischen Marktbedürfnissen gerecht zu werden. Dies haben auch die Gründerinnen des originellen Franchisesystems «Musik auf Rädern» getan, das 2005 in Deutschland als solches etabliert worden ist. Zur Zeit arbeiten in 14 Städten Deutschlands insgesamt 24 Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten unter der Dachmarke. Neue Franchisenehmer bringen «je ein neues Konzept zu einem musiktherapeutischen Arbeitsschwerpunkt ein und erhalten im Gegenzug unter anderem professionelles Werbematerial, Unternehmensberatung, intensiven Austausch im Netzwerk».
Die Münsteraner Therapeutinnen Barbara Keller und Cornelia Klären haben mit «Musik auf Rädern» anfänglich geplant, durch die ambulante Tätigkeit pflegebedürftige Menschen zu Hause musiktherapeutisch versorgen zu können. Auf Interesse gestossen sind sie mit dem Modell jedoch vor allem bei Institutionen wie Seniorenheimen, Rehabilitationskliniken und Hospizen. Wie weit dies letztlich möglicherweise ein Outsourcing der Musiktherapie in Kliniken und Heimen begünstigt, die solche Angebote freigiebig nutzen und dafür keine Therapeutinnen mehr fest anstellen, und was dies für die Berufspolitik bedeutet, sollte genau beobachtet werden.
Eine manualbasierte und urheberrechtlich geschützte Methode zur Behandlung von Aphasie und Sprechapraxie stellte die Entwicklerin Monika Jungblut vor. Der dazugehörige Markenname «Sipari» reiht die Anfangsbuchstaben der Therapie-Elemente «Singen Intonation Prosodie Atmung Rhythmus Improvisation» aneinander. Die Präsentation war denn, wie es für solche Geschäftmodelle typisch ist, eher ein Verkaufsgespräch als eine Darstellung der Methode, über die selber kaum etwas zu erfahren war.
Solche Strategien stehen und fallen mit der Glaubwürdigkeit der behaupteten Wirkung. Monika Jungblut führte dazu vor allem die Tatsache ins Feld, dass ein Fachartikel zur Methode in eine Cochrane-Review Eingang gefunden hat. Eine solche Review allein ist allerdings noch kein Wirkungsnachweis, sondern bloss eine Anerkennung von wissenschaftlichen Mindeststandards in der Durchführung der Studie (die Behauptung der Autorin auf ihrer Webseite, die Behandlungsmethode sei «von den zuständigen Gremien der WHO als evidenz-basiert eingestuft» ist denn auch falsch).
Das Cochrane-Team diagnostiziert schwerwiegende Unzulänglichkeiten in der Datenbasis der Sipari-Studie, etwa eine hohe Ausfallrate bei einer ohnehin schon sehr kleinen Stichprobe (8 Therapieteilnehmer und 5 in der Kontrollgruppe), keine adäquate Sequenzzuweisung und eine nicht blinde Zuweisung der Teilnehmer zu den Guppen (fehlendes «Allocation Concealment»). Die Review kommt denn auch zum Schluss, dass für robuste Nachweise der Wirkung von Sipari weitere Studien nötig wären. Wie weit die doch überaus dürftige wissenschaftliche Fundierung der Methode eine Kommerzialisierung rechtfertigt, wäre deshalb zu hinterfragen.
Fachtagung «Musiktherapie und neurologische Rehabilitation», Freitag, 6. Dezember 2013, Careum Weiterbildung Aarau. Eine Veranstaltung der Rehaklinik Bellikon
