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Lutz Jänckes «Macht Musik schlau?»

 11.12.2009 — In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie förmlich explodiert. Eine dedizierte Zeitschrift für das Gebiet existiert allerdings (noch) nicht, und so publizieren die gewichtigsten Vertreter der Disziplin ihre Ergebnisse in so disparaten Fachpublikationen wie Current Biology, NeuroImage, Human Brain Mapping, Journal of Cognitive Neuroscience und so weiter. Einen angesichts des Tempos der Entwicklung des Faches schon fast wieder etwas veralteten Überblick über die verstreuten Veröffentlichungen haben die kanadischen Forscher Isabelle Peretz und Robert Zatorre 2003 auf Englisch vorgelegt («The Cognitive Neuroscience of Music», Oxford University Press). Daneben existieren vereinzelte Überblicksartikel und Metastudien.

 

 

Cover Buch Jäncke11.12.2009 — In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie förmlich explodiert. Eine dedizierte Zeitschrift für das Gebiet existiert allerdings (noch) nicht, und so publizieren die gewichtigsten Vertreter der Disziplin ihre Ergebnisse in so disparaten Fachpublikationen wie Current Biology, NeuroImage, Human Brain Mapping, Journal of Cognitive Neuroscience und so weiter. Einen angesichts des Tempos der Entwicklung des Faches schon fast wieder etwas veralteten Überblick über die verstreuten Veröffentlichungen haben die kanadischen Forscher Isabelle Peretz und Robert Zatorre 2003 auf Englisch vorgelegt («The Cognitive Neuroscience of Music», Oxford University Press). Daneben existieren vereinzelte Überblicksartikel und Metastudien.

Der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke hat nun auf Deutsch eine Art Überblick zum momentanen Wissensstand in Sachen Hirn und Musik vorgelegt, der sich ähnlich wie frühere Publikationen seines Ulmer Kollegen Manfred Spitzer («Musik im Kopf») nicht primär an ein Fachpublikum wendet, sondern an interessierte Laien. Ihnen werden die wichtigsten Fachausdrücke jeweils fliegend erklärt, von ihnen wird aber auch eine minimale Bereitschaft erwartet, sich auf eventuell ungewohnte Denkweisen einzulassen.

Der Titel «Macht Musik schlau?» ist vermutlich aus verkaufstechnischen Gründen gesetzt worden; er führt denn auch etwas in die Irre. Es geht in dem Band um einiges mehr, nämlich um eine weitaus umfassendere Zusammenstellung der neueren «Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie», wie sie der Untertitel des Buches treffend umschreibt.

Das detaillierte Stichwortverzeichnis ist dabei zu Orientierung unerlässlich. Beschreibungen zu einzelnen Experimentalanordnungen oder Techniken finden sich nämlich verstreut im Text dort, wo sie zur Erläuterung einzelner Ergebnisse gerade gebraucht werden, und auch metatheoretische Überlegungen sind eher beiläufig in den Text eingearbeitet. Die geringe methodische Strukturierung lässt vermuten, dass das Buch recht schnell geschrieben worden ist. Der inhaltlichen Qualität und Vertrauenswürdigkeit tut dies allerdings keinen Abbruch.

Das einleitende Kapitel zur Wirkungsgeschichte des «Mozart Effektes» gibt einen lebhaften Eindruck davon, wie Wissenschaft in Psychologie und Soziologie funktioniert. Beim Rest handelt es sich primär um eine Sichtung einzelner Forschungsergebnisse,wobei auch hier immer wieder auf methodische oder technische Aspekte der Forschung eingegangen wird.

Zündstoff findet sich da aber auch, vor allem in den Diskussionen der Veröffentlichungen, die den Nutzen musikalischer Bildung belegen sollen. Jäncke analysiert im etwas inkonsequent als «Längsschnittstudien» überschriebenen Kapitel in erster Linie Erhebungen über die schulischen Effekte des Musikunterrichtes (andere Kapitel sind mit «Musik und Emotionen», «Musik und Alter» und so weiter überschrieben, es handelt sich also um eine Art Kategorienbruch).

Die auch heute immer wieder gerne als Beweise für die Wirksamkeit des Musikunterrichtes verwendeten Erhebungen des Schweizer Lehrers Ernst Waldemar Weber aus den Jahren 1988 bis 1992 und die berühmte Studie des Frankfurter Musikpädagogen Hans Günther Bastian von 2000 werden von Jäncke arg zerzaust, und dies mit überzeugenden wissenschaftstheoretischen Argumenten. Jäncke betont dabei allerdings, dass die populären Ansichten, mit den aufwendigen Studien sei der Wert der musikalischen Bildung nachgewiesen worden, aufs Konto ihrer medialen Vermittlung geht. Die Studienautoren selber, anerkennt Jäncke, seien in der Interpretation ihrer Resultate weit vorsichtiger als die Journalisten.

Dass die recht bekannt gewordenen Studien durch methodische Mängel oder Einschränkungen den Nachweis der Nützlichkeit des Musikunterrichtes letztlich nicht erbringen können, heisst aber noch keineswegs, dass eine solche nicht gegeben ist. Möglicherweise ist die Wissenschaft heute einfach auch noch nicht so weit, dazu die richtigen Fragen zu stellen. Jäncke schneidet denn auch das eine oder andere Gebiet an, auf dem Transfereffekte angenommen werden können. So hat Musikunterricht offenbar etwa positive Auswirkungen aufs Lernen von Fremdsprachen, weil es das Hören und Differenzieren von Lauten schult.

Für den Musikunterricht in der Schule bricht Jäncke trotz der Skepsis gegenüber nachweisbarem und offenkundigem Nutzwert eine Lanze: «Unsere Musik ist ein wesentliches Fundament unserer kulturellen Errungenschaften», schreibt er. «Wollen wir dies alles in Vergessenheit geraten lassen? Können Sie sich vorstellen, dass in nicht allzu ferner Zukunft unsere Kinder Mozart mit einem Fussballmittelstürmer verwechseln?» (413)

Dem kann man ein weiteres gewichtiges Argument für den Musikunterricht beifügen, ohne auf eine irgendwie geartete intelligenzfördernde Wirkung zurückgreifen zu müssen: Kinder sind tagtäglich exzessiv von Musik umgeben; ihr Musikkonsum ist gemessen am Gesamt ihrer Beschäftigungen und Interessen exorbitant hoch. Da scheint es unbedingt angezeigt, ihnen die Kompetenz zu vermitteln, um diese wichtige Dimension ihres Lebens besser verstehen und aktiv mitgestalten zu können.

Ein letztes Kapitel widmet Jäncke dem Musizieren im Alter. Er weist dabei auf wichtige neuere Erkenntnisse zur Verzögerung des Abbaus kognitiver Leistungen und die Erhöhung der Lebensqualität alter Menschen hin, die sich aktiv und passiv mit Musik beschäftigen oder sogar auch im Alter erst ein Instrument erlernen. (wb)

Zitat aus dem Buch:
«Ein typisches Beispiel [für eine Inkongruenz von emotionaler und verbaler Äusserung, die Red.] ist, wenn ein Jugendlicher der Meinung ist, dass Hip-Hop-Musik schön ist, aber neurophysiologische (z.B. Hirnaktivierungen) und physiologische (z.B. Erregungen des vegetativen Nervensystems) Reaktionen zeigt, die eher vermuten lassen, dass er die Musik eigentlich ablehnt. Ähnliches sieht man im Labor gelegentlich auch bei ‚Liebhabern‘ klassischer Musik, deren neurophysiologische und physiologische Reaktionen eher vermuten lassen, dass sie klassische Musik überhaupt nicht mögen.» (Seite 254)

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