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Bellikon: Indikationen der Musiktherapie

05.07.2010

An ihrer traditionellen, jährlich durchgeführten Fachtagung beschäftigten sich die Musiktherapeuten der Rehaklinik Bellikon heuer mit der Frage, wie Indikationen der Musiktherapie systematisiert und gerechtfertigt werden können.

Die Tagung mit dem Titel «Indikation und Wirkfaktoren der aktiven, rezeptiven und körperorientierten Methoden in der Musiktherapie» stellte sich anhand von drei Referaten den Aufgaben, denen sich die Musiktherapie angesichts der Forderungen nach Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit von Therapien im Gesundheitswesen gegenübersieht.

In seiner Begrüssung erinnerte der Bellikoner Musiktherapeut und Tagungsleiter Joachim Marz daran, dass Indikationen und Wirkfaktoren in der Musiktherapie-Gemeinde zur Zeit ein viel diskutiertes Thema sind. Geht es darum, die Therapieform im klinischen Alltag nachhaltig zu verankern und ihre Finanzierung sicherzustellen, sei der Nachweis ihrer Wirksamkeit und finanziellen Verhältnismässigkeit unerlässlich. Auch in Bellikon habe man sich damit in letzter Zeit, so Marz weiter, mit Blick auf die Qualitätssicherung und die Schaffung neuer Stellen intensiv beschäftigt.

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Die Weblinks
Rehaklinik Bellikon:
www.rehabellikon.ch
Forum Musiktherapeutischer Weiterbildung Schweiz (berufsbegleitende Ausbildung Musiktherapie mit Instrumentenbau):
www.fmws.ch
Zukunftswerkstatt «therapie kreativ»
www.zukunftswerkstatt-tk.de
Musiktherapie an der ZHdK Zürich:
www.zhdk.ch
Isabelle Frohne-Hagemann:
www.frohne-hagemann.de
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Ergänzt wurden die Referate von praktischen Übungen in Workshops, die von den Referenten und weiteren Fachkräften geleitet wurden. Da übte sich etwa Isabelle Frohne-Hagemann mit einer Gruppe in Methoden der Guided Imagery and Music (GIM) und Gabriele Frick-Baer explizierte leiborientierte Musiktherapie mit traumatisierten Menschen.

Udo Baer: Körper, Leib, Klang

Der Diplom-Pädagoge Udo Baer – er ist Mitbegründer, Senior-Geschäftsführer und Dozent der im deutschen Neukirchen-Vluyn beheimateten Zukunftswerkstatt «therapie kreativ» – brach zum Einstieg in die theoretischen Reflexionen eine Lanze für traditionelle Konzepte der Kunsttherapie, die komplex, ganzheitlich, künstlerisch und am Einzelfall ausgerichtet sind und die sich deshalb schwer in reduktionistische Nützlichkeitsmodelle einpassen lassen. Um sie theoretisch besser fassen zu können, schlug der therapeutische Leiter der Zukunftswerkstatt den Rückgriff auf die an der Phänomenologie Edmunds Husserls orientierte Leib-Konzeption vor, die der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty weiterentwickelt hat und heute vom Heidelberger Psychiater Thomas Fuchs systematisiert wird. Die Leib-Phänomenologie ist laut Baer im Gegensatz zu physikalistischen Körper-Konzeption eine Lebens-Philosophie; sie macht das Erfahren des eigenen Körpers als belebtes Organ zur Basis therapeutischer Arbeit.

In seinen Beispielen wies Baer etwa auf den auch neurobiologisch erhärteten Zusammenhang zwischen seelischen und körperlichen Schmerzen hin – in dieser Hinsicht insbesondere auf Erfahrungen der Beschämung, die in der Therapie speziell männliche Patienten durchgehend offenbarten. Baer wies auf die nach wie vor gesellschaftlich massiv unterschätzte oder gar tabuisierte Tatsache hin, dass Schulen, Ehen und Arbeitsplätze «Trainingsstätten der Beschämung» sind und diese Erfahrungen sich im Leiblichen niederschlagen. Neuere Studien aus Kalifornien zeigen sogar, so Baer, dass Beschämungen auch physische Konsequenzen haben: Sie können die Abwehrkräfte des Körpers schwächen. So gehen mit chronischen Beschämungserfahrungen teilweise auch chronische Entzündungen einher.

Laut Baer, der in der Körperbild-Arbeit ein wertvolles Instrument der Musiktherapie sieht, ist im Körper jede biografische Erfahrung leiblich gespeichert. Aber auch elementare Kommunikation kann über das Leibliche aufgebaut werden. Der Kunsttherapeut schlug etwa vor, den Umweg über die von ihm «primäre Leibbewegungen» genannten Körperaktionen zu suchen, wenn in der Musiktherapie mit Klängen kein Weiterkommen mehr möglich scheint. Es handelt sich dabei um eine Verallgemeinerung von Stufen der Welteroberung im Säuglingsalter: dem Schauen, Tönen, Greifen, Drücken und Gedrückt werden sowie dem Anlehnen.

Sandra Lutz Hochreutener: Methoden und Modalitäten

Die Zürcher Musik- und Psychotherapeutin Sandra Lutz Hochreutener skizzierte, wie sich die praktische Erfahrung, dass Musiktherapie zur Erweiterung des Kommunikationsverhaltens genutzt werden kann, konzeptionell fassen lassen könnte. Laut der Leiterin der Abteilung Klinische Musiktherapie der Zürcher Hochschule der Künste zeichnet sich die Arbeit mit Musik durch spezifische Eigenheiten aus. Musikinstrumente hätten Appellcharakter, das heisst, sie forderten zum Ausdruck förmlich auf, und mit der klingenden Kunst lasse sich ein geschützter Raum generieren, der seelische Öffnungen begünstigen könne.

Sandra Lutz Hochreutener


Das eigentliche Fachwissen, so Lutz Hochreutener, ist jedoch nicht die einzige Ressource, auf die Therapeuten zurückgreifen können. Hinzu komme auch ein inneres Wissen. Da treten Diagnostik mit Intuition, Methodik mit der Hingabe an den Moment und Reflexion mit Präsenz in einen Dialog. Zur möglichen Strukturierung der therapeutischen Arbeit entwarf die Referentin überdies ein vierstufiges Schichtenmodell. Auf den Methoden – Rollenspiele, Improvisation, körperzentrierte Spiele, imaginierendes Musikerleben und so weiter – bauen konfliktzentriertes, übungszentriertes, erlebniszentriertes oder werkzentriertes Arbeiten als Modalitäten auf.

Auf diesen schliesslich basieren die Funktionen der Musik: die Wirkrichtungen der Musik als Eindruck (von aussen nach innen), als Ausdruck (von innen nach aussen) und als Kommunikation (Zusammenspiel von Ausdruck und Eindruck). Die Interventionstechniken wiederum können «als kleinste Einheiten des therapeutischen Handelns» umschrieben werden. Dabei kann es sich um das Herstellen von Nähe und Vertrauen, eine Auseinandersetzung mit Gefühlen, Anregungen der Kommunikation und weiteres handeln.

Frohne-Hagemann: Indikationen der Musiktherapie

Die Berliner Musiktherapeutin Isabelle Frohne-Hagemann stellte sich der Herausforderung, ein explizites Modell der Indikationen und Kontraindikationen der Musiktherapie zu entwerfen. Sie warf die Frage auf, ob Musiktherapie wirklich die Therapie der Wahl sein soll, wenn mindestens gleichwertige, aber vielleicht effizientere Behandlungsmethoden existieren, und ob eine musiktherapeutische Arbeit nicht auch nachteilige Resultate zeitigen kann. Ihre nicht ersetzbaren Stärken kann die Musiktherapie laut Frohne-Hagemann sicherlich auf Gebieten wie der Behandlung von Wachkomapatienten, Autismus oder Essstörungen entfalten. Konfrontiere man hingegen etwa Paranoia-Patienten mit Musik, könne man ebensogut Unheil auslösen wie Gutes bewirken. Bei vielen Störungsbildern, räumte die Berliner Tiefenpsychologin ein, seien andere Therapieformen effektiver. Vorteile hätten Musiktherapeuten, wenn sie auf Schäden der Struktur und Beziehungsfähigkeit eingehen könnten.

Der deutliche Trend zu evidenzbasierten Indikationen bei der Verschreibung einer Musiktherapie greift laut Frohne-Hagemann tiefer ins Selbstverständnis der Musiktherapeuten ein, als man meinen könnte. Die Fragmentierung der Vertreter in teils weltanschaulich und künstlerisch eigenen Weltbildern verpflichteten Therapieschulen wird von normierten störungsorientierten Verfahren ersetzt. Musiktherapie wird für bestimmte Anwendungen wie Wachkomapatienten oder Entwicklungsstörungen massgeschneidert. Musiktherapeutische Verfahren werden so Teil eines grösseren Psychotherapie-Komplexes.

Isabelle Frohne-Hagemann


Musik sei in diesem Fall, gibt Frohne-Hagemann zu bedenken, allerdings bloss noch Mittel zum Zweck. Um da einer drohenden Einengung des Horizontes und einer Unterschätzung anderer Rollen der Musiktherapeuten zu entgegnen, müsse definiert werden können, was das spezifisch Musikalische an der Musiktherapie sei. Da stehe, gab sich Frohne-Hagemann überzeugt, noch viel Arbeit an.

Musiktherapie kann, so Frohne-Hagemann, ins psychodynamische Diagnosesystem der sogenannten Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) eingepasst werden, die eine Alternative zum bloss deskriptiven internationalen Klassifikationssystem ICD-10 darstellt. Als nützlich erweist sich überdies, Indikationen auf Basis von Überlegungen zu begründen, die auf die von Karin Schumacher und Claudine Calvet entwickelte Einschätzung der Beziehungsqualitäten (EBQ) zurückgreifen. So können etwa Menschen, die noch nicht mentalisieren können – dies entspricht den EBQ-Modi 0 bis 3 – durch Musiktherapie lernen, Affekte als Beziehungsqualitäten zu erleben und zu regulieren.

Musiktherapie, so die Überzeugung Frohne-Hagemanns, ist «spezifisch indiziert, wenn sie durch adäquate musiktherapeutische Stimulierungen und den Einsatz der richtigen Funktion der Musik eine emotionale Differenzierung und Entwicklung der Beziehungsfähigkeit bewirken kann.»

Die «schlechtere Methode der Wahl ist sie etwa bei akuten Panikattacken» oder wenn «der Patient nicht freiwillig in die Musiktherapie kommt oder auf Musik nicht anspricht», oder wenn er durch Musik gar geschädigt werden kann. Dies kann der Fall sein, wenn Musik den Patienten überflutet, ihm keine Abgrenzung erlaubt und zu Traumatisierungen oder Retraumatisierungen führt. Auch kulturelle Barrieren und Konfusionen, unterschiedliche Therapievorstellungen und fehlendes Verständnis der musiktherapeutischen Konzepte können zu Kontraindikationen führen. (wb)

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