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Der Blick ins musikalische Hirn

12.05.2005 — Im Leipziger Westin Hotel trafen sich Hirnforscher aus aller Welt zum Kongress «The Neurosciences and Music – II», um die neuesten Erkenntnisse und Methoden in Sachen Neurologie der Musik zu diskutieren. Ein im Rahmen des Kongresses realisiertes Podium zur Musiktherapie sorgte für heftige polemische Nebentöne.

 

 

12.05.2005 — Im Leipziger Westin Hotel trafen sich Hirnforscher aus aller Welt zum Kongress «The Neurosciences and Music – II», um die neuesten Erkenntnisse und Methoden in Sachen Neurologie der Musik zu diskutieren. Ein im Rahmen des Kongresses realisiertes Podium zur Musiktherapie sorgte für heftige polemische Nebentöne.

Man sei vom hohen Interesse an dem Anlass buchstäblich überrumpelt worden, hiess es von Seiten der Veranstalterin, der Mailänder Mariani Stiftung für pädiatrische Neurologie, die ihre Aufgabe hervorragend erfüllte. Aus aller Welt strömten Etablierte und wissenschaftlicher Nachwuchs in die Stadt des Wirkens Johann Sebastian Bachs, und man konnte in den regen Diskussionen zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur in New York, Harvard, London, Stockholm oder Paris fleissig am Hirn geforscht wird, sondern selbst in Gegenden wie dem russischen Nowosibirsk.

Die in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und der New Yorker Academy of Sciences organisierte Konferenz war bereits die dritte ihrer Art. Im Mai 2000 war in New York «The Biological Foundations of Music» und im Oktober 2002 «Neurosciences and Music – I» über die Bühne gegangen.

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Weitere Artikel
Kommentar zum Musiktherapie-Podium:
Das perfekte Verbrechen
Fotoimpressionen von der Konferenz:
Fotos I, Fotos II

Die Weblinks
Fondazione Mariani:
www.fondazione-mariani.org
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften:
www.cns.mpg.de

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Um Interessierten einen Überblick über den Stand der Forschung zu bieten, wurde am Vortag des eigentlichen Kongresses ein «Workshop» angesetzt, der sich allerdings eher als eine Art Zusammenzug aller Keynotes zur Konferenz herausstellte und bereits auf überaus hohes Interesse stiess. Die in Montreal tätige Isabelle Peretz stellte in diesem Rahmen die «Montreal Battery of Evaluation of Amusia», ein Analysewerkzeug zur Diagnose von musikalischen Wahrnehmungsstörungen, vor. Einen Überblick über die aktuellen bildgebenden Verfahren lieferten Robert Zatorre (Montreal) und Christo Pantev (Münster), und die in Ontario tätige Psychologin Laurel Trainor skizzierte Ergebnisse und Methoden der musikpsychologischen Forschung an Kleinkindern.

ngela Friederici zeigte Parallelen zwischen kognitiver Sprach- und Musikverarbeitung auf.
Angela Friederici zeigte Parallelen zwischen kognitiver Sprach- und Musikverarbeitung auf.


Den eigentlichen Kongress erröffnete die Neuropsychologin Angela Friederici als Vertreterin des gastgebenden Leipziger Max Planck Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften anstelle der verhinderten Diana Deutsch. Friederici skizzierte die jüngsten Erkenntnisse in den Kognitionswissenschaften und den Parallelen zwischen Sprach- und Musikverarbeitung. In den rund dreissig folgenden Referaten und etwa 140 Poster-Präsentationen wurde ein lebendiges Bild zum Stand der gesamten Forschung und ihrer stürmischen Entwicklung gezeichnet.

Noch im Anfangsstadium

Am auffallendsten schien dabei die nach wie vor zu konstatierende Diskrepanz zwischen experimentellem Aufwand und den faktischen, häufig trivial anmutenden oder Selbstverständliches bestätigenden Resultaten. Man sollte sich allerdings davor hüten, daraus die falschen Schlüsse zu ziehen. Die Beschäftigung der Neurowissenschaften mit der Musik steckt noch in den Kinderschuhen und beschränkt sich vorläufig darauf, ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die Chancen und Grenzen des neurologischen Experimentes für das Fach zu finden sein werden.

Das noch etwas ratlose Herumtappen im methodischen Nebel zeigt sich auch daran, dass noch vor einigen Jahren als spektakulär verkaufte Einsichten des Faches immer mal wieder demontiert werden. So auch in Leipzig. Da wurde etwa die Fähigkeit von Patienten als Mythos entlarvt, einen Satz, den sie nicht zu sprechen in der Lage sind, wohl singen zu können. Auch vom berühmt-berüchtigten Mozart-Effekt, nach dem das Anhören von Mozarts Musik den IQ erhöht, bleibt auf den zweiten Blick offenbar nicht mehr viel übrig, wie Untersuchungen von Glenn Schellenberg gezeigt haben. Selbst physiologische Funde wie die tonotopische Anordnung im primären Hörkortex wurden – von Mark Tramo von der Harvard Medical School – arg relativiert.

Aniruddh Patel präsentierte seine Forschungen zu den Unterschieden nationaler Musikstile Aniruddh Patel präsentierte seine Forschungen zu den Unterschieden nationaler Musikstile.


Ein weiteres Grundproblem der experimentellen Resultate wurde unter anderem in der Diskussion des Referates von Aniruddh Patel angesprochen. Der in San Diego tätige Neurowissenschaftler hat mit einer Studie Aufsehen erregt, die nachzuweisen scheint, dass sich Unterschiede in der Muttersprache in Unterschieden der Musik französischer und englischer Komponisten widerspiegeln. Eine Musikwissenschaftlerin aus dem Publikum stellte die provokative Frage, ob diese nicht auch auf unterschiedliche Präferenzen für modale Tonarten zurückzuführen seien.

Exemplarisch ist der Einwand insofern, als dass er darauf hinweist, dass Randbedingungen und Störfaktoren bei der neurologischen Untersuchung der Musikwahrnehmung und -produktion heute noch praktisch nicht in den Griff zu bekommen sind.

Angesichts derartiger Demontagen und fehlender Rahmentheorien erstaunt es, dass die ansonsten durchaus skrupulösen Forscherinnen und Forscher der Hirngilde Einzelbefunde – selbst nie von Peers replizierte – immer wieder als grosse Durchbrüche feiern (Leserbrief). Marketing in eigener Sache dürfte da ein starkes Motiv darstellen, was ja angesichts der Notwendigkeit, Geld für die eigene Forschung aufzutreiben, durchaus nachvollziehbar ist.

Des frühen Stadiums der Erkenntnis ist sich die Forschergemeinde durchaus bewusst, wie auch kritische Nebenbemerkungen in Leipzig bewiesen. So wurde immer wieder das Fehlen von Normen bemängelt, das es unmöglich macht, die Befunde einzelner Labors miteinander in Beziehung zu setzen, und – wiederum von Mark Tramo – auch die Tatsache, dass die meisten Experimente kaum je wiederholt und damit bestätigt oder verworfen werden.

Stefan Koelsch zeigte, wie als angenehm und unangenehm empfundene Musik unterschiedliche Spuren im Hirn hinterlassen
Stefan Koelsch zeigte, wie als angenehm und unangenehm empfundene Musik unterschiedliche Spuren im Hirn hinterlassen.


Selbst in praktischen Belangen gingen die Meinungen teils diametral auseinander. So etwa in bezug auf die Fokale Dystonie zwischen dem in Zürich wirkenden Victor Candia, der zur Behebung des Problems eine an Robert Schumanns Eigentherapie erinnernde Methode des monatelangen Trainings mit mechanischen Fixierungen betroffener Finger favorisierte, und dem Hannoveraner Eckart Altenmüller, der mit ebenso guten Gründen im Gegensatz dazu auf die pharmazeutische Behandlung des Leidens schwört.

Emotionen am Podium zur Musiktherapie

An einer Diskussion zur Musiktherapie, zu der die Kongressverantwortlichen auch die Praktiker auf dem Gebiet eingeladen hatten, wurde von der Musiktherapie apodiktisch der Abschied von einem «antiquierten» sozialwissenschaftlichen Paradigma und State-of-the-Art-Studien zu ihrer Wirksamkeit auf Basis neurologischer Ansätze gefordert. Dem blieb aus dem Publikum nicht unwidersprochen. Dem Podium wurden «Arroganz und Ignoranz» vorgeworfen. Die Neurowissenschaftler, hiess es, hätten offenbar keine Ahnung, was Therapeuten und Therapeutinnen im klinischen Alltag leisteten und seien nicht dialogbereit.

Das Podium zur Musiktherapie (v.l.n.r.): Robert Zatorre (Montreal), Luisa Lopez (Rom), Michael Thaut (Fort Collins), Eckart Altenmüller (Hannover), Thomas Hillecke (Heidelberg), Patricia Sabatella (Puerto Real, Cádiz) und Anne Nickel (Heidelberg)
Das Podium zur Musiktherapie (v.l.n.r.): Robert Zatorre (Montreal), Luisa Lopez (Rom), Michael Thaut (Fort Collins), Eckart Altenmüller (Hannover), Thomas Hillecke (Heidelberg), Patricia Sabatella (Puerto Real, Cádiz) und Anne Nickel (Heidelberg).

Eine sich selbst als Vertreterin der Schulmedizin charakterisierende Votantin erklärte überdies, dass man der Arbeit in gewissen Bereichen wie etwa der Palliativmedizin mit quantitativen Effizienzstudien nicht gerecht werden könne.

Luisa Lopez erklärte von Seiten der Organisatoren auf den ebenfalls geäusserten Vorwurf, auf dem Podium bloss eine Seite zu repräsentieren, man habe mehrere Vertreter der klassischen Musiktherapie eingeladen, leider hätten sie aber alle mit Terminproblemen zu kämpfen gehabt.

Der Milaneser Neurologe Giuliano Avanzini schlug mit einem Votum zur Güte eine Brücke, indem er beide Seiten darauf hinwies, dass sich die quantitativen, evidenzbasierten Methoden mit etwas Fantasie durchaus so ausweiten liessen, dass sie auch die beziehungsbezogenen Wirkfaktoren zu erfassen in der Lage seien.

Ein leicht frustrierter Unterton in Robert Zatorres Schlussvotum zur Sache war nicht zu überhören. Man dürfe nicht vergessen, erklärte er, dass es die Konferenzorganisatoren gewesen seien, welche die Musiktherapeuten eingeladen hätten, um ihnen die Gelegenheit zu geben, sich über das zu informieren, was in den Neurowissenschaften erörtert werde. Der Dialog sei also aktiv gesucht worden. (wb)

The Neurosciences and Music – II, Konferenz im Westin Hotel Leipzig, 5. bis 8. Mai 2005

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