16.09.2003
Die Organisation eines Anlasses in der Grössenordnung von Escom5 war für die Hochschule für Musik und Theater Hannover eine Herausforderung, die sie nach dem Urteil aller Beteiligten mit Bravour bestanden hat. Reinhard Kopiez gewährt einen Blick hinter die Kulissen.
Codex flores: Escom ist eine europäische Organisation. Die Konferenz in Hannover ist aber zu einer Art Weltkongress geworden, einem Anlass von noch nie dagewesener Grösse in der Musikpsychologie.
Reinhard Kopiez: Wissenschaftler pflegen keinen Regionalismus. Sie gehen dorthin, wo sie interessante und vielversprechende Begegnungen vermuten. Kommt hinzu, dass die Australier und Amerikaner die typisch europäische Forschungstradition selber nicht pflegen und den Kontakt zu dieser hier suchen.
Woraus besteht denn die typisch europäische Forschungstradition?
Hierzulande wird gerne auf einer Metaebene nach einer Art Gesamtsicht gesucht, sozusagen nach musikpsychologischen Welterklärungsformeln. Das ist ein Ansatz, der den Amerikanern mit ihrer Fokussierung auf kognitive Musikpsychologie fremd ist. Bei der globalen Sicht spielen etwa die Ethnologie oder die kulturvergleichenden Studien eine grosse Rolle. Aber auch die Biomusikologie dient als eine Art Grundlagenforschung. Die Frage, warum es überhaupt Musik in der Menschheit gibt, ist bisher überhaupt nicht beantwortet. Die Frage, warum Musik in der Evolution überhaupt entstanden ist, greift zum Beispiel Björn Merker auf.
Der multidisziplinäre Ansatz führt dazu, dass an der Konferenz fast zu viel Material präsentiert wird. Man ertrinkt in der Fülle.
Das ist tatsächlich ein Problem, für das ich keine Lösung habe. Es hat aber auch ganz praktische Gründe: Man muss mindestens 150 Teilnehmer haben, um einen solchen Anlass überhaupt finanzierbar zu machen. Die Zahl der Präsentationen korreliert direkt mit den Einnahmen.
Wird der Anlass in drei Jahren noch grösser?
Die Konferenz hat dieses Jahr das Potential des Faches vermutlich ausgeschöpft. In den letzten Jahren stieg die Teilnehmerzahl langsam an, beim letzten grossen Kongress war sie bei 250, hier in Hannover sind es rund 330. Das ist auch die Grenze dessen, was eine kleine Disziplin noch integrieren kann. Wird sie noch grösser, so zerfällt sie definitiv in Subdisziplinen.
Gibt es denn eine Bedeutung der Konferenz über die Gemeinschaft der Musikpsychologen hinaus?
Zunächst einmal es ist sie eine Plattform für die Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie, dann aber auch eine wichtige Veranstaltung für unser Haus selber, das sich als künstlerische und wissenschaftliche Hochschule versteht. Wir können zeigen, dass Wissenschaft auch an einer Kunsthochschule ein gutes Standbein entwickeln und auch in dieser Umgebung internationale Resonanz finden kann.
Für die Durchführung eines solchen Mega-Anlasses braucht es Unterstützung.
Das organisatorische Team der Hochschule wird unterstützt von dreissig externen Helfern, die aus ganz Europa, aus England, Frankreich, Italien und Deutschland, angereist sind. Es handelt sich um Doktoranden oder Magisterstudenten im fortgeschrittenen Studium, die von ihren Betreuern und Professoren geschickt worden sind. Sie verdienen hier kein Geld, bekommen aber die Chance zu sehen, wie wissenschaftlicher Austausch funktioniert.
Und wie funktioniert er?
Es braucht ein überaus diszipliniertes Zeitmanagement. Man muss in der Lage sein, Ergebnisse und Ideen der eigenen Forschung in zwanzig Minuten verständlich darzulegen. Man muss Englisch als Konferenzsprache akzeptieren.
Wie finanziert sich die Konferenz?
Ohne eine grosse Anzahl von Sponsoren wäre sie nicht machbar. Sponsorengelder sind für den Wissenschaftsbereich heute jedoch relativ schwierig zu bekommen. Es gibt öffentliche Mittel wie etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die aber nur eine Grundfinanzierung garantieren. Weitere Unterstützung hat es in unserem Fall durch das Land Niedersachsen gegeben. Es war sogar sehr grosszügig, weil es erkannt hat, dass Wissenschaft auch ein Wirtschaftsfaktor ist.
Wissenschaftler gelten nicht gerade als konsumfreudig.
Von den gut 300 Personen, die aus aller Welt nach Hannover gekommen sind und hier acht Tage in der Stadt leben, lässt jede pro Tag schätzungsweise 50 bis 80 Euro in der Stadt. Der Flughafen erhält Gebühren, die Gastronomie hat Einnahmen und so weiter.
Gibt es trotz der universalen Ausrichtung der Konferenz noch immer typisch europäische Elemente?
Durch die Auswahl der Keynotes haben wir die interdisziplinäre europäische Tradition ganz bewusst zeigen wollen. Es ist darum gegangen zu zeigen, dass der Ausgangspunkt für die Wissenschaft der Musik – die sogenannte Systematische Musikwissenschaft – trotz aller empirischer Arbeit und experimenteller Methodik immer die ästhetische Erfahrung ist. Diese mit objektiven Methoden aufschlüsseln zu wollen, ist die spezifisch europäische und auch deutschsprachige Tradition. Diese Leitidee gilt im Prinzip seit Hermann von Helmholtz und führt über Karl Stumpf, Ernst Kurth und Geza Révész ins zwanzigste Jahrhundert.
Helga de la Motte-Haber und Holger Höge, die beiden deutschsprachigen Keynotes-Sprecher, konnten sich kritische Bemerkungen über Sinn und Unsinn der Hirnforschung nicht verkneifen. Gibt es einen realen Konflikt zwischen Deutschland und den angelsächsischen Ländern?
Das würde ich so nicht interpretieren. Ich glaube eher, dass die deutsche Skepsis ein Gegengewicht zur allgemeinen Euphorie bildet, welche die Neurowissenschaften und die bildgebenden Verfahren in den letzten Jahren sehr stark in den Vordergrund geschoben hat. Zwischen 1990 und 2000 wurde das Jahrzehnt des Gehirns ausgerufen, es gab hohe Erwartungen an die Disziplin. Nun stellt man fest, dass man zwar methodisch sehr weit gekommen ist, vom Verstehen des eigentlichen Gegenstandes, des ästhetischen Erlebnisses, ist man aber noch immer sehr weit entfernt.
Also im Grunde genommen kaum Fortschritte?
Bei den Bottom-up-Prozessen, wie zum Beispiel der Dissonanz-Wahrnehmung oder der Frage, wo im Gehirn Klangfarbe, Lautstärke, Melodik und so weiter verarbeitet werden, hat man Fortschritte gemacht. Die grosse Synthese von Wahrnehmung und konkreter Musikerfahrung und eine Antwort auf die Frage, weshalb wir unser Geld und unsere Zeit investieren, um in ein Konzert zu gehen, fehlen nach wie vor.
Wird man sie je finden?
In der sogenannten Amusie-Forschung – also in der neurowissenschaftlichen Untersuchung von Personen mit musikalischen Ausfallerscheinungen beim Musikhören – hat man wohl die grösste Nähe zur komplexen Musikwahrnehmung erreicht. Vele Fragen bleiben aber offen. Ich glaube, dass es mindestens noch zehn Jahre braucht, bis man wieder einen Schritt weiter gekommen ist. Im Moment scheint es eher eine Stagnation auf hohem Niveau auf diesem Gebiet zu geben. Man kann auch sehen, dass die neurologischen Methoden technisch limitiert sind und nicht ganz das gehalten haben, was sie versprachen. Das Symposium von Eckart Altenmüller hat zum Beispiel eine ganze Reihe von bisher unbeantworteten Fragen aufgelistet.
Es ist interessant, dass die Konferenz mit dem 100. Todestag von Adorno zusammenfällt. Die Feuilletons sind voll mit Adorno-Essays- und -Nachrufen. Hier ist der vermeintliche Gigant der deutschen Musiksoziologie überhaupt kein Thema.
Die Soziologie der Musik als kritische Theorie, wie sie sich Adorno vorstellte, spielt im Diskurs keine Rolle. Sie wäre experimentell auch kaum umzusetzen. Was Adorno in der Musiksoziologie beschrieben hat, müsste man als intuitive Wissenschaft bezeichnen. Sehr anregend, aber auf Introspektion und nicht auf Daten basierend.
Wird Adorno denn überhaupt nicht mehr wahrgenommen?
Es gibt im anglo-amerikanischen Raum eine Adorno-Rezeption, die interessant verläuft. Die findet aber nicht in der Systematischen, sondern in der Historischen Musikwissenschaft statt. Mit Gender-Studies-Forschung und einer gesellschaftskritischen Musikwissenschaft verfolgt etwa Nicholas Cook in England einen Ansatz, den Adorno schon vor dreissig, vierzig Jahren angedacht hat.