16.09.2003
Während die Feuilletons der deutschen Tages- und Wochenzeitungen voll waren mit Beiträgen zum 100. Todestag des Philosophen und Musiksoziologen Theodor W. Adorno, ging an der Hochschule für Musik und Theater Hannover zwischen 8. und 13. September medial kaum bemerkt einer der weltweit grössten Anlässe zu Grundfragen der Musiktheorie und –praxis über die Bühne, die fünfte Konferenz der Escom (European Society for the Cognitive Sciences of Music).
In rund dreihundert Forschungsberichten und anderen wissenschaftlichen Beiträgen – verteilt über jeweils fünf parallel laufende Sitzungen in mehreren Staffeln – wurde ein Querschnitt durch sämtliche Gebiete geboten, die Musiktheoretiker, -psychologen, -ethnologen, -biologen, -mediziner und –therapeuten zur Zeit beschäftigen. Eine Herkulesarbeit für die Organisatoren Reinhard Kopiez, Andreas Lehmann und Irving Wolther sowie das Heer an Helferinnen und Helfern, die ihnen zur Seite standen.
Webseite der Konferenz:http://www.escom5.de
Escom-Webseite: http://musicweb.hmt-hannover.de/escom
Webseite der DGM: http://www.music-psychology.de
Dass das Treffen solch ungewöhnliche Ausmasse hat annehmen können, liegt unter anderem in der Tatsache begründet, dass die alle drei Jahre stattfindende Konferenz der Escom mit dem Jahrestreffen der deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie zusammengelegt wurde.
Den hervorragend organisierten Anlass rundeten drei originelle Konzerte ab, eines unter dem Thema «Composed – Improvised», in dem klassisch interpretierte Klavierstücke Improvisationen über dasselbe Material gegenübergestellt wurden, ein Rezital des vietnamesischen Obertonsängers Tran Quang Hai und eines der Thereminspielerin Lydia Kavina.
Keynotes als Angelpunkt
Um zu verhindern, dass die Konferenz wegen der Fülle an indivduellen Sitzungen zum anonymen Anlass geraten könnte, drehte sich das Geschehen jeden Tag um eine Keynote vor dem Plenum. Die «Vollversammlungen» zeigten auch das überaus breite Themen- und Methodenspektrum der Konferenz auf: Timothy Griffith referierte am Montag über die jüngsten Entwicklungen in der neurologischen Forschung zu Fragen der Musikverarbeitung. Am Dienstag setzte sich Tia DeNora mit der Soziologie des Musikhörens im Alltag auseinander. Helga de la Motte-Haber zeigte auf, wie die akustische Wahrnehmung auch durch andere Sinne beeinflusst wird. Simha Arom skizzierte als Vertreter der Musikethnologie die Funktionsweise polyrhythmischer Strukturen in der Musik Afrikas. Den biologischen Grundlagen des Musizierens spürte Björn Merker nach, und Holger Höge gab schliesslich Auskunft über die Methoden der experimentellen Ästhetik.
Das Einzelne und das Ganze
«Escom5», wie die fünfte Ausgabe der Escom-Konferenz kurz genannt wurde, stand unter dem allgemeinen Motto «Exp[ear]ience – Music in Science – Science in Music» und brachte einen Konferenz-Marathon, der von Montagabend bis Samstagmorgen praktisch keine Ruhepause gönnte (am Donnerstagnachmittag gabs eine Stadtführung, respektive einen Rundgang durch das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin). Ein allgemeines Fazit ist ob der Multidisziplinarität schwierig zu ziehen. Die Konferenz intensivierte unter den Teilnehmenden aber sicher den Gedankenaustausch und wenn nicht immer das gegenseitige Verständnis, so doch zumindest die allgemeine Kenntnis von Methoden und Fragestellungen ausserhalb des eigenen Faches.
Wie ein roter Faden durchzog den ganzen Anlass überdies immer wieder das Ringen um eine gemeinsame methodische Basis. Gegenüber standen sich dabei in der Regel die angelsächsisch geprägten, an den naturwissenschaftlichen empirischen Methoden orientierten Neurologen und experimentellen Psychologen und die soziologisch, ethnomusikalisch oder musikwissenschaftlich fundierten Geisteswissenschaftler, die im Gegensatz dazu ganzheitliche Ansätze verfolgen.