17.12.2003
Die Internationale Gesellschaft für Empirische Ästhetik (IAEA) wurde 1965 von einer internationalen Gruppe von Forschern ins Leben gerufen. Heute vereint sie Anthropologen, Psychologen, Semiotiker, Soziologen und zahlreiche weitere Fachleute, die an empirischen Forschungen auf dem Gebiet der Ästhetik interessiert sind. Der an der Universität Oldenburg lehrende Holger Höge ist seit 1985 Generalsekretär der IAEA. Codex flores hat sich mit ihm über die Geschichte und Ziele der Gesellschaft unterhalten.
Codex flores: Woran forschen Sie zur Zeit gerade?
Höge: Ich habe mich anfänglich mit dem Problem der emotionalen Grundlage ästhetischer Urteile beschäftigt, eine Dissertation, die von Hans Hörmann in Bochum betreut wurde. Er ist leider zu früh gestorben, um den Abschluss noch zu erleben. Aber das ist lange her. Zur Zeit beschäftige ich mich mit Museumsforschung.
Was muss man sich darunter vorstellen?
Mich interessiert, wie und in welchem Ausmass Besucher mit dem Exponat oder der Ausstellungsanordnung im Museum umgehen. Dies ist nicht nur wegen der Erlebnisqualität der Besucher interessant, sondern auch wegen der Umorientierung, die Museen gegenwärtig durchlaufen. Kurz gesagt zeigt sich hier, was schon vor über hundert Jahren gefordert wurde: was sinnvoll und notwendig ist, entscheidet die Reaktion des Rezipienten und nicht die Spekulation. Auf die Museen bezogen heisst die Entwicklungsrichtung: vom objektzentrierten zum besucherorientierten Museum. Museen sehen sich also vor die Aufgabe gestellt, den Präsentations- und Bildungsauftrag ernster zu nehmen und effizienter zu gestalten als dies in der Vergangenheit geschah.
Die Existenz einer Internationalen Gesellschaft für empirische Ästhetik legt nahe, dass empirische Ästhetik als eigene Disziplin betrieben wird. Gibt es dafür historische oder methodische Gründe?
Empirische Ästhetik wird nicht als eigenständige Disziplin betrieben. Sie ist innerhalb der Psychologie entstanden, müsste eigentlich «experimentelle Ästhetik» heißen, und sie sollte auch im Bereich der Psychologie bleiben.
Wo liegen denn die historischen Wurzeln?
Dies kann man sehr genau beziffern: Es ist die «Vorschule der Ästhetik» von Gustav Theodor Fechner aus dem Jahr 1876. In dieser legt er auf mehreren hundert Seiten dar, mit welchen Problemen sich dieses Gebiet beschäftigen sollte. Und mehr noch: Er hat nicht nur Pläne und Aussichten auf die Zukunft beschrieben, sondern auch eine konkrete Untersuchung mitgeteilt. Dies ist die Prüfung der Frage, ob die Proportion des Goldenen Schnittes tatsächlich eine besondere Präferenz genießt, wie etwa Zeising 1854 behauptet hatte.
Das «ästhetische Gesetz» hinterfragt
Die Idee scheint noch heute weit verbreitet zu sein.
Fechner bezweifelte das «ästhetische Gesetz», wonach Proportionen nach dem Goldenen Schnitt mehr gefallen als andere. Er führte eine experimentelle Untersuchung dazu durch und fand zu seinem Erstaunen tatsächlich ein Präferenzmaximum bei dieser Proportion. Dies war, wenn man so will, der Startschuss für die empirische Ästhetik in ihrer experimentellen Variante. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Fechners Ergebnis heute nicht mehr repliziert werden kann. Es scheint so zu sein, dass seine anfängliche Skepsis gegen das Präferenzmaximum beim Goldenen Schnitt berechtigt war; dennoch steht heute noch in vielen Architekturbüchern, dass Proportionen nach dem Goldenen Schnitt stets «wohlgefällig» seien, oft unter Bezug auf Fechners Ergebnisse.
Bekennt sich die empirische Ästhetik zu einer kanonischen wissenschaftlichen Methodik oder gibt es Eigenheiten?
Was den Kanon betrifft: O ja, ein ganz deutliches Bekenntnis: Wir folgen dem Kanon der psychologischen Empirie! Zunächst ist bereits der Begriff «empirische Ästhetik» eine klare methodische Aussage. Fechner hat das bereits 1876 auf unübertroffene Weise formuliert: Der experimentellen Ästhetik geht es um eine Analyse der ästhetischen Phänomene «von unten», also aus den Reaktionen des Gefallens, aus der Reaktion des Rezipienten (oder auch des Künstlers) und nicht «von oben», das heisst aus dem Begriff, von dem auf Ästhetisches geschlossen wird. Fechner hoffte, dass die Diskussion über Ästhetik dadurch «mehr ins Klare, denn ins Hohe» geführt werden könnte – dieses Programm war beinahe eine Kampfansage gegen die damals betriebene Philosophie und Kunstgeschichte.
Kennt die empirische Ästhetik eigene Rahmentheorien der Wahrnehmung oder der Emotionen?
Nein, eine «eigene» Theorie solch grundlegender menschlicher Funktionen wie Wahrnehmung und emotionaler Prozesse gibt es nicht, hier sind wir eindeutig Nutzniesser der allgemeinen psychologischen Forschung und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Natürlich hat es Exporte an Befunden und Modellen aus der empirischen Ästhetik in die Psychologie gegeben, zum Beispiel die Berlynesche psychobiologische Theorie. Die von ihm verwendeten «kollativen» Variablen haben einen großen Beitrag für die Psychologie geliefert. Immerhin ist ja gegenwärtig wieder eine Biologisierung der Psychologie zu beobachten und man muss abwarten, ob dieser neuerliche Biologisierungsversuch mehr Fortschritte bringt.
Werden Fechners Ideen heute überhaupt noch wahrgenommen?
Fechners Anliegen ist bis heute gültig, erzeugt aber immer noch Erstaunen bei all jenen, die nicht gewohnt sind, in dieser Weise zu arbeiten. Als Beispiel: Für den experimentell respektive empirisch arbeitenden Psychologen sind Kunstwerke lediglich «Stimuli», Reizgegebenheiten, deren Wirkung nun untersucht wird. Für einen Kunsthistoriker kann dies recht verletzend sein, weil der Wert des Objektes gar nicht zum Tragen kommt. In diesem Sinne ist empirische Ästhetik bis heute sozusagen respektlos. Möglicherweise ist dies der Grund, weshalb in Philosophie und Kunstgeschichte – trotz enorm gestiegener Publikationstätigkeit im Bereich der Ästhetik seit den Achtzigerjahren – von den Befunden in der Psychologie kaum Notiz genommen wird.
Zumindest der Kunsttheoretiker und -psychologe Ernst Hans Gombrich entfaltete doch eine gewisse Wirkung und wurde in der analytischen Philosophie etwa von Nelson Goodman rezipiert.
Gombrich war sicher eine Ausnahme und ist deshalb auch zum Ehrenmitglied der IAEA gewählt worden.

Zurück zum Methodenproblem…
Sämtliche Methoden der experimentellen und empirischen Psychologie sind hier gefordert, der wichtige Schritt sind die unter kontrollierten Bedingungen erhobenen Daten, auf deren Grundlage Hypothesen und Theorien geprüft beziehungsweise aufgebaut werden. Die vielleicht einfallsreiche Idee, Beschreibung oder Theorie die keine Datengrundlage hat, findet bei empirisch ausgerichteten Wissenschaften wenig Beifall. Und Psychologie ist eindeutig eine empirische Wissenschaft.
Ästhetik als Teil der Psychologie
Weshalb sollte die empirische Ästhetik Teil der Psychologie bleiben?
Die empirische Ästhetik ist da bestens aufgehoben, weil sich Psychologie mit Erleben, Verhalten und Bewusstsein beschäftigt. Und ästhetisches Bewusstsein, ästhetisches Erleben ist ja der eigentliche Ort des Ästhetischen und nicht das Objekt. Allerdings verdient dieser Zweig der Psychologie meines Erachtens eine viel größere Beachtung und natürlich mehr Forschungsaktivitäten. Warum? Man bedenke nur einmal wie viele ästhetische Urteile man pro Tag fällt: von der Frage, welchen Pullover ich anziehe, ob mir das Essen schmeckt bis zur Farbe des Automobils oder der Fensterläden an meinem Haus – vom Urteil über Kino, Malerei, Musik oder dem Buch, das ich lese, gar nicht zu reden; mit einem Wort: ästhetische Urteile machen einen Großteil unserer täglichen kognitiven Aktivität aus.
Psychologen beschäftigen sich in der Regel eher mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz.
Sicher ist richtig, dass sich psychologische Forschung und Theoriebildung zu lange mit den negativen Seiten des Erlebens beschäftigt hat. Als Beispiel: man findet in der Psychologie sehr viel Literatur über Angst, aber nur sehr wenig über Mut und Zivilcourage. Dies scheint sich zum Glück aber zu ändern, und dann hat auch die Ästhetik wieder eine bessere Chance in der Psychologie, ihre prinzipielle Bedeutung ist meines Erachtens unbestreitbar.
Wie ist denn auf der andern Seite das Verhältnis zur Philosophie?
Der wichtige Unterschied zur philosophischen Ästhetik liegt im Methodischen: empirische Untersuchungen hier, die experimentelle Methode eingeschlossen, Analyse von Begriffen und ästhetischen Kategorien dort..
Mit moderner Ästhetik werden auch gerne informationstheoretische Ansätze assoziiert.
Die Beziehung zur Informationstheorie war in der Tat sehr intensiv. Viele Forscher haben die Ideen der Informationstheorie aufgegriffen und auf ästhetische Phänomene angewandt. Ein Beispiel: Berlyne hatte gehofft, mit den Begriffen der Informationstheorie eine objektive Beschreibungsgrundlage für den Beitrag des Reizes zum ästhetischen Erleben zu haben. Immerhin funktionierte dies auch recht gut – vorausgesetzt, man beschränkt sich auf einfaches Reizmaterial. Sowie die Komplexität gesteigert wird – und Kunstwerke sind in aller Regel sehr komplexe Gebilde –, ist eine eindeutige Beschreibung nicht mehr möglich.
Das heisst, die Beschäftigung mit dem Ansatz war eine Modeerscheinung?
Nein, die Informationstheorie hat heute noch Anhänger, insbesondere in der russischen empirischen Ästhetik wird noch viel mit diesem Ansatz gearbeitet. Seit Benses Tod scheint aber die allgemeine Begeisterung für das sogenannte «ästhetische Mass» zurückgegangen zu sein, seine Schüler haben sich aus dem Gebiet der Ästhetik eher zurückgezogen.
Die Community der empirischen Ästhetiker
Welches sind die gegenwärtigen «Stars» der empirischen Ästhetik?
Dies ist keine einfache Frage. Es gibt gegenwärtig eine ganze Reihe einflussreicher Autoren, einen recht guten Überblick dazu erhält man in der Zeitschrift «Empirical Studies of the Arts». Hier erscheinen die gegenwärtig relevanten Studien. Eine geschlossene Theorie gibt es – zumindest noch – nicht. Sicher hat das auch damit zu tun, dass es weltweit kein Zentrum der empirischen Ästhetik gibt, es gibt kein Max-Planck-Institut, das sich diesem Thema widmet. Aber vielleicht ist dies ja eine Anregung für die Zukunft!? Verdient hat es die empirische Ästhetik ganz sicher.
Gibt es spezielle Regionen, in denen sie stärker vertreten ist als in andern?
Es gibt keine Region, in der sie besonders stark vertreten ist und es gibt, wie gesagt, keine einflussreiche Institution, die sich exklusiv diesem Gebiet verschrieben hat. Es ist sehr oft der Fall, dass Arbeiten zu diesem Gebiet dann entstehen, wenn sich ein Interesse an Ästhetik mit einer psychologisch sinnvollen Fragestellung verbinden lässt. Anders gesagt, es ist zu beobachten, dass sporadisch solche Arbeiten entstehen, danach erlahmt das Interesse dieser Personen aber wieder, sie wenden sich psychologischen Themen zu, die stärker im «Mainstream» der Psychologie liegen. Empirische Ästhetik ist kein Karrieregebiet wie vielleicht Gedächtnispsychologie oder Motivationspsychologie. Man kann es niemandem verdenken, weil sicher so schnell keine Professur für «Empirische Ästhetik» eingerichtet werden wird, bei den gegenwärtigen Sparmaßnahmen schon gar nicht. Allerdings ist bemerkenswert, dass die Neuropsychologie dieses Gebiet gerade entdeckt.
Das Fach ist kein Wirtschaftsfaktor…
Da bin ich ganz anderer Meinung: Wirtschaftlicher Erfolg ist nur mit ästhetischen Produkten zu erzielen. Und weil wir gerade bei diesem Thema sind: Kultur und Ästhetik sind selbst Basis für unmittelbare wirtschaftliche Erfolge, Stichworte: Kulturtourismus oder Design. Und nun muss man sich einmal klar machen, was das bedeutet: Eine Psychologie, die Aussagen über Erleben, Verhalten und Bewusstsein treffen will, kennt das Gebiet der Ästhetik so gut wie gar nicht! Und das, obwohl Fechner’s ‚Vorschule der Ästhetik‘ bereits 1876 erschienen ist! Wenn man den Beginn der wissenschaftlichen Psychologie mit Fechners Psychophysik datiert (1850), dann heißt das auch, dass die Psychologie der Ästhetik das zweitälteste Gebiet der Psychologie ist! Das weiß aber kaum jemand.
Welche Standardwerke der Disziplin würden sie einem Anfänger als Einführungen oder Pflichtlektüre empfehlen?
Sicher ist eine Pflichtlektüre der Band «Aesthetics and psychobiology» von Berlyne aus dem Jahr 1971. Daneben gibt es viele Bücher und vor allem Zeitschriftenbeiträge, die aber nicht in die Thematik einführen. Es ist bedauerlich, dass es kein zusammenfassendes Werk gibt, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die empirische Ästhetik sehr breit gefächert und bereits in einzelne Gebiete zerteilt ist. Als Beispiel nenne ich nur die Musikpsychologie, die eine ganze Reihe von Monographien und Zeitschriften aufweist, aber wenig Berührung mit den übrigen Gebieten der empirischen Ästhetik hat.
Die Musikpsychologie erlebt einen spürbaren Aufschwung, vor allem dank der Fortschritte in den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung.
Dennoch muss ein allgemeines Forschungsdefizit beklagt werden. So gibt es zum Beispiel nur sehr wenig Forschungen auf dem Gebiet von Tanz und Ballett. Und noch schlimmer: Es werden ganze Sinnesgebiete von der Forschung ausgespart. Es gibt kaum etwas über olfaktorische Ästhetik, Geschmack oder über ästhetisches Erleben im Feld des Haptischen. Es gibt also reichlich Möglichkeiten zur Betätigung.
Kann man empirische Ästhetik im Hauptfach studieren?
Nein, das gibt es als Hauptfach leider noch nicht – wenn man an den deutschsprachigen Raum denkt. In Rom gibt es bereits einen Masterstudiengang zur Psychologie der Ästhetik, und man darf gespannt sein, ob es einen vergleichbaren Bachelor oder Masterstudiengang in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich oder der Schweiz geben wird. Immerhin haben wir in Oldenburg einen Master-Studiengang «Museum und Ausstellung», das ist doch schon mal ein Anfang. (wb)