13.10.2004
Ab Januar nächsten Jahres offerieren die Hochschulen für Musik und Theater Zürich und für Heilpädagogik gemeinsam ein Nachdiplomstudium in Musiktherapie mit einer Dauer von drei Jahren. Ein einjähriger Nachdiplom-Basiskurs ist bereits seit Anfang des laufenden Jahres unterwegs. Die engere Zusammenarbeit der beiden Hochschulen ist an einem eintägigen Symposium zum Thema «Improvisation als Lebensprinzip – Freie Musik in Kunst und Therapie» in den Räumen der Musikhochschule dokumentiert worden.
Eigentlich hätte Daniel Fueter, der Rektor der Musikhochschule, den Anlass mit einer Ansprache eröffnen sollen. So hätte die vor noch nicht allzu langer Zeit noch kaum denkbare engere Zusammenarbeit zwischen den Therapeuten und der traditionsreichen Ausbildungsstätte an der Florhofgasse bekräftigt werden sollen. Ausgerechnet in diesen Tagen machten Fueter nicht selber verschuldete Terminschwierigkeiten einen Strich durch die Rechnung, wie in seinem Auftrag Heinrich Baumgartner, Departementsleiter für Pädagogik an der Hochschule, dem Publikum zerknirscht erklären musste. Aber auch so war zu spüren, dass man sich nach rund zwanzig Jahren skeptischer Distanz nun zusammengerauft hat.
Den Blick über die Landesgrenze öffnete zum Auftakt ein Gast aus Hamburg: Der Musiktherapie-Professor Eckhard Weymann skizzierte unter dem Titel «Zwischentöne – Improvisieren als Lebensmethode und Lösungsversuch» Aspekte des Themas. Schmunzeln provozierte er mit seinem Hinweis darauf, dass Improvisation als Alltagswort meistens verwendet werde, wenn etwas schiefgegangen sei. Es drücke sich darin aber auch eine durchaus positive Fähigkeit zur Wendigkeit aus, die im modernen Leben zunehmend gefragt sei.
In den späten sechziger Jahren habe in der Musik selber eine Renaissance der Improvisation als Gegenbewegung zu zunehmenden Verfestigungen eingesetzt. Mehr und mehr sei nämlich die Tonkunst mit der totalen Kontrolle aller Parameter speziell in der seriellen Musik in eine Sackgasse geraten. Im Jazz sei im Bebop ähnliches passiert. Es war die Zeit der aleatorischen Verfahren und des Freejazz. «Man suchte Unmittelbarkeit, man suchte Befreiung des Einzelnen», erläuterte Weymann, «eine neue Ordnung im Verhältnis von Komponist und Musiker».
Die Weblinks
www.musiktherapie-schweiz.ch
Hochschule Musik und Theater Zürich:
http://www.hmt.edu
Hochschule für Heilpädagogik Zürich:
www.hfh.ch
Von Eckhard Weymann erscheint in Kürze das Buch:
Zwischentöne, Psychosozial-Verlag, ISBN 3898063704
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In dieser Zeit sei Improvisation als Befreiung aus Zwängen verstanden worden, die dementsprechend in explosiven Energieausbrüchen Ausdruck gesucht habe. Heute stünde der Musiker eher in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Beliebigkeit herrsche und alles erlaubt sei. Darauf reagierten diese wiederum mit Reduktion. Die improvisierte Musik bleibe im Musiker drin und finde den Weg aus diesem fast nicht mehr heraus. Was früher «der Schrei und das Röhren war» bleibe heute sehr zurückgehalten.
Weymann nahm unter anderem auch den Begriff der Dezentrierung auf und wies auf die Bedeutung des Phänomens hin, dass Improvisation als Umkehrung von Erzeugendem und Erzeugtem gesehen werden kann, nämlich dann, wenn der Improvisator oder die Improvisatorin subjektiv den Eindruck habe, «von der Improvisation gefunden zu werden», und nicht dieser aktiv zur Geburt zu verhelfen.
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Der Hamburger Musiktherapie-Professor Eckhard Weymann skizzierte unter anderem historische Entwicklungen der musikalischen Improvisation. |
Weymann hat im Rahmen eines aktuellen Projektes Musiker zum Thema Improvisation befragt und festgestellt, dass die Musiziertechnik für diese ein wichtiges Instrument der Identitätsbildung darstellt. «Wenn ich über die Geschichte der Improvisation bei mir erzähle, dann ist das auch ein Geschichte von meinem Leben», zitierte er etwa einen Interviewpartner. Dies sei in Zusammenhang damit zu sehen, dass die klassischen monolithischen Konzeptionen zur personalen Identität heute zugunsten von vernetzten Teilidentitäten und der sogenannten «narrativen Identität» zurückgedrängt würden.
Improvisation als spontane Situationsbewältigung
Fünf Impulsreferate verliehen dem Thema weiter Kontur. So erklärte die Psychotherapeutin Sandra Lutz Hochreutener vom Leitungsteam des neuen Aufbaustudiums, dass sie während einer drei Jahre dauernden und in der Folge quantitativ ausgewerteten Therapie mit einem Kind die unerwartete Feststellung gemacht habe, dass die Improvisation gegenüber anderen Formen des Musizierens überraschend oft gewählt wird und unter anderem als Einstieg, als Verabschiedung oder für die Annäherung vielfältige Funktionen übernehme.
Anhand von drei Musikbeispielen illustrierte sie die Fortschritte in der Arbeit mit dem Zehnjährigen, der sich in einem schwierigen sozialen Umfeld in sich selber zurückgezogen hatte. In allen drei Ausschnitten aus der Therapie spielte der Junge verschiedene Instrumente – Geige, Flügelhorn und Mundharmonika. Den ersten charakterisierte Lutz Hochreutener als «Suchen ohne Fluss», im zweiten war nach ihrer Überzeugung bereits «ein erster Dialog spürbar». Im dritten schliesslich fand sie den «Fluss» und das «Gefühl», das sie im ersten noch vermisst hatte.
Die Beispiele und ihre Interpretation gaben in den Pausen Anlass zu teils heftigen Kontroversen. So zweifelten einige daran, dass die Forschritte wirklich belegbar seien, da jedes Mal ein anderes Instrument und damit nicht vergleichbare Settings zum Zuge gekommen seien. Andere waren nicht in der Lage, die behaupteten Entwicklungen tatsächlich herauszuhören.
Ob und wie ein Fortschritt mit den Exempeln tatsächlich dokumentiert wurden, bleibe dahin gestellt. Die Einwände zeigten aber, dass die musiktherapeutische Arbeit und vor allem die Interpretation der von Patienten gespielten Musik nicht einfach voraussetzungslos möglich ist, sondern Experimenten in andern wissenschaftlichen Disziplinen vergleichbar ist, zu deren Interpretation es viel Übung, Erfahrung und Kontextwissen braucht.
Konzentration aufs Hier und Jetzt
Der Flötist und Improvisator Matthias Ziegler zeigte Aspekte der Improvisation als Kunstform auf. Er wies auf die Eingentümlichkeit hin, dass dabei der Prozess des Erschaffens und das Kunstwerk selber in sich zusammenfallen und so eine eigene Stellung im Konzert der Kunstformen eingenommen wird. Er wehrte sich dagegen, dass das «Spezifische der Improvisation als positive Quelle von Kreativität» bloss als «archaische Vorstufe komponierter Musik» gesehen wird.
Im Zeitalter der Datenträger wird laut Ziegler mit Blick auf eine Tonaufnahme die Grenze zwischen Improvisation und Komposition zwar unklar – angesichts des festgehaltenen Endresultates kann es unerheblich sein, wie man dorthin gelangt ist. Dennoch sei Improvisation – in den Worten des Engländers Eddie Prévost eine «praktische und säkulare Methode, um mit dem Fluss der Existenz in Berührung zu kommen» –, primär eine «Kunstform des Lebens und nicht des Produktes».
Ein Problem stelle sich dabei der traditionellen musikalischen Analyse, die typischerweise auf innere Strukturen, auf Details und festgehaltene Momente anwendbar sei. Die Analyse der Improvisation bediene sich eher soziologischer, psychologischer oder sprachwissenschaftlicher Begriffe. Bei der auf das Jetzt konzentrierten Improvisation geht es laut Ziegler um «ein sich Ausleben», das nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als ein Mittel der Selbstverwirklichung verstanden werden müsse. In diesem Zusammenhang zitierte er das treffende Bonmot Helmut Lachenmanns, Improvisation bedeute nicht ein Sich-gehen-Lassen, sondern ein Sich-kommen-Lassen.
| Nach langem Stillsitzen hiess es im Saal zwischendurch auch mal, kollektiv in Bewegung zu geraten. | ![]() |
Fast bis zur Beliebigkeit strapziert wurde der Begriff Improvisation im Vortrag des Heilpädagogen Meinrad Benz von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, der darunter Ad-hoc-Methoden der Annährung an schwer- und schwerstbehinderte Kinder subsummierte, in überaus bewegenden Bildern aber auch einen solchen Prozess illustrierte.
Es handelte sich um die Kontaktnahme mit einem neunjährigen, massiv autodestruktiven Jungen, der pausenlos vor sich selbst geschützt werden musste. Nachdem Hilflosigkeit und regressives Verhalten die Handlungsspielräume für das Pflegepersonal ständig mehr eingeengt hatten, entschied sich das Team, täglich eingespielte Abläufe, namentlich das Baderitual, zu durchbrechen und durch grössere Nähe zum Kind diesem mehr Sicherheit zu vermitteln und damit den Teufelskreis der immer grösseren Regression zu durchbrechen, was auch erfolgreich gelang.
Pädagogik, so der Schluss des Referenten, wird dann zur Heil-Pädagogik, wenn sie von Unausschöpflichkeit, Offenheit und Sicherheit lebt und «Wagnis und Gewissheit zu einem koevolutiven Prozess verbindet».
Die Psychotherapeutin Maja Rüdisüli Voerkel, ebenfalls Mitglied des Leitungsteams des Nachdiplomstudiums, bezeichnete das Improvisieren in ihrem Referat zu Improvisation und Psychiatrie als «menschliche Grundhaltung, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt und im Alltag immer wieder gebraucht wird.»
Die eher beliebig anmutenden Fallvignetten, die sie in der Folge darlegte, waren aber kaum als zwingende Einblicke ins Verhältnis von psychiatischer Arbeit und Improvisation zu werten. Rüdisüli Voerkel schilderte in einem ersten Beispiel die Arbeit mit einem 60-jährigen depressiven Patienten, der dem «kindischen Getue» in der Musiktherapie zunächst ablehnend gegenübergestanden hatte, dann aber in den Bassxylophon-Tönen die Stimmung seiner Krankheit wiederfand. Die Therapeutin forderte ihn auf, genau abzugrenzen, in welchen Höhenlagen die dunklen, depressiven Töne auf dem Instrument aufhörten. Schrittweise wurde der Patient so von der anfänglichen Befangenheit zur freien und befreienden Improvisation hingeführt.
Ein mit der klassischen Klavierbildung der Therapeutin konfrontierter Rockschlagzeuger diente Rüdisüli Voerkel als zweites Beispiel. Der junge Mann benutzte die Lautstärke als «Schutzwall», der vor der Therapeutin «aufgebaggert wird». Über viele Therapiestunden hinweg entwickelte sich mit dem Rocker aus freien, unverbundenen Improvisationen und dem Vorschlag zuerst einfach mal draufloszuspielen, ohne auf den andern zu achten, ein gegenseitiges Geben und Nehmen.
Für eine dritte Patientin bedeutete die Musiktherapie ein Heranführen an verbotene Gefühle und Äusserungsformen wie Heulen, Klagen und Schimpfen. Weitere Fallschilderungen skizzierten ähnliche Therapieverläufe.
Soziale Modelle der Improvisation
Fritz Hegi, Pionier der Schweizer Musiktherapie referierte als dritter Ausbildungsleiter des neugeschaffenen Studienganges über die Improvisation als soziales Modell. Er griff aus «der grossen Vielfalt von Improvisationsmodellen von künstlerischen Konzepten bis zu therapeutischen Experimenten» drei Beispiele heraus, die von vier angehenden Musiktherapeutinnen auf der Bühne exemplarisch umgesetzt wurden. Es handelte sich im ersten Fall um eine «sogenannte» freie Improvisation, bei der nach dem Stichwort des «collective ear» nur der grosse Formbogen einer kollektiven Augenblicksschöpfung vorgegeben war.
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Vier angehende Musiktherapeutinnen setzten auf der Bühne Modelle der Improvisation exemplarisch um. |
Das zweite Beispiel bildeten Repetitionsmuster als Ausdruck der gegenseitigen Verflechtung und einer festen, zuverlässigen Struktur. Einen dritten Aspekt vermittelte das klassische Tutti-Solo-Modell, innerhalb dessen ein Ensemble einer individuellen Entfaltung gegenübersteht. Hegi interpretierte den Tutti-Part dabei als «mütterliches Prinzip und strukturierenden Halt» und die Soloentwicklungen als kindliche Entfaltung. «Alle Modelle der Improvisation loten sozialpsychologisch unsere Balance zwischen Freiheiten und Bindungen aus», resümierte der Referent die Varianten. Er rief schliesslich zu einem «neuen Aufbruch auf dem schöpferischen Königsweg auf», denn der «Ungeist von Stress und Überforderung, das moderne Management ist inzwischen die Krone der Er-Schöpfung».
Nach den Referaten gabs fürs Publikum Gelegenheit in Kleingruppen die vorgestellten Ideen und Aspekte des Themas zu diskutieren, ein Angebot das zum intensiven Austausch genutzt wurde. In mehreren Gruppen wurden nicht zuletzt die drei Musikbeispiele von Sandra Lutz Hochreutener kontrovers diskutiert.
In der abschliessenden Podiumsdiskussion, in welcher der Musiker Urban Mäder den verhinderten Matthias Ziegler vertrat, sah sie sich deshalb zu einer differenzierteren Erklärung ihrer Arbeitsweise veranlasst. Zwar werte sie die musikalischen Interpretationen des Kindes nicht, wenn sie mit ihm in der Therapie arbeite, meinte sie, die Erfahrung mit früheren Therapien anderer Kinder bilde aber ein Hintergrundwissen, das mithelfe, Muster, die sich wieder wiederholten, einzuordnen.
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Es gehe dabei auch nicht um eine Wertung der Musik, sondern um Interpretationen darüber, ob etwa die Kommunikation gesucht und Impulse der Therapeutin aufgenommen und beantwortet würden.
Auch die Frage des Verhältnisses zwischen Kunst und Therapie blieb ein kontroverses Thema. In der Therapie, wurde mehrfach betont, finde das individuelle Innenleben seinen unmittelbaren Ausdruck und die Improvisation sei damit – so etwa Urban Mäder – in erster Linie ein unmittelbares Äussern von tiefster menschlicher Regung. Auf der Bühne wiederum, meinte Mäder, sei das Menschsein zwar nicht ausgeschlossen, es bestehe da aber der Anspruch, diese menschlichen Regungen über lange Zeit hinweg in eine musikalische Sprache zu bringen, die letztlich «nicht mehr bloss privat daherkommt, sondern gewisse öffentliche Bedeutung hat». (wb)
Hochschule für Musik und Theater Zürich, Symposium «Improvisation als Lebensprinzip, Freie Musik in Kunst und Therapie», Samstag, 2. Oktober 2004.



