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Institut für Musik und Akustik Karlsruhe (I)

20.09.2004

Das Institut für Musik und Akustik ist Teil des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und eines der wenigen Studios für elektronische Musik in Deutschland, das externen Musikern projektbezogene Arbeitsplätze bietet. Seit 1990 hat es rund 90 Gastkünstlern die Realisierung von mehr als 180 Werken ermöglicht.

Codex flores: Das Institut für Musik und Akustik stellt Komponisten und Komponistinnen elektronischer Musik einen Raum zur Verwirklichung eigener Projekte zur Verfügung.
Ludger Brümmer: Der Raum besteht dabei nicht nur aus der technischen Infrastruktur. Hinzu kommt eine finanzielle und personelle Ausstattung, Leute, die wissen, wie man Probleme lösen kann und eine Art Laborsituation, welche die Künstler in der Regel selbständig nutzen sollen. Sie sollen in der Entwicklung ihrer Werke einen Dialog mit der Technologie entwickeln. Sie müssen ihre Ideen selber umsetzen, selber programmieren und die Möglichkeiten dieser Technik erforschen. Wenn ihnen die Techniker sagen müssen, was die Instrumente können, dann entsteht nur ein sehr indirekter Dialog.

Ludger Brümmer, seit 2003 Leiter des Institutes für Musik und Akustik am Zentrum für Kunst und Medientechnologien in Karlsruhe.


Ich war zwei Jahre in Stanford und habe diese Philosophie dort kennengelernt. Die amerikanische Szene ist anders als die europäische. Musik findet viel weniger staatliche Unterstützung und die Musiker müssen lernen, sich selber zu helfen.

Musiker aus aller Welt realisieren eigene Projekte

Nach welchen Kriterien werden die Künstler ausgewählt, die am Institut arbeiten können?
Es gibt ein paar pragmatische Kriterien – wie teuer ist das Projekt? Haben wir die Manpower, haben wir die Räume, um das Projekt durchzuführen? Wir können wie gesagt auch leichter Komponisten akzeptieren, die ihre Stücke selber machen. Würde jeder Komponist zwei, drei Mitarbeiter brauchen, die die Stücke technisch umsetzen, dann könnten wir hier nur gleichzeitig einen Komponisten haben. Wir haben aber bis zu sechs gleichzeitig hier.

Aus welchen Weltgegenden stammen denn die Musiker?
Etwa ein Drittel der Künstler, die hier arbeiten sind Deutsche, der Rest sind unter anderem Amerikaner, Engländer, Franzosen, Koreaner, Japaner. Ich freue mich natürlich darüber, dass viele Leute mit unterschiedlicher Ästhetik hier zusammenkommen. Ich denke, dass die elektronische Musik viel mehr als die Instrumentalmusik international ist. Die Szene ist deutlich kleiner, aber sie ist besser vernetzt.

Sind Angebot oder Nachfrage nach Arbeitsplätzen grösser?
Es kommen sehr viele Anfragen auf uns zu, teilweise auch sehr interessante und sehr heterogene. Ich muss aber sagen, dass nicht sehr viele musikalisch wirklich interessante Projekte darunter sind. Wir haben viele Anfragen für Installationen, weil das eine ZKM-Domäne ist. Wir fühlen uns als Musiker aber mehr dem musikalischen Werk verpflichtet. Die Installation ist eher die Umsetzung einer Idee als die einer musikalischen Sprache. Ein musikalisches Werk ist eher der Versuch, eine musikalische Sprache zu entwickeln.

Ein einzigartiges Angebot?
Es gibt das Studio der Akademie der Künste und das Experimentalstudio Heinrich Strobel in Freiburg und das ZKM. Das sind die drei einzigen Institutionen, die nicht in einen Universitätskontext eingebettet sind und professionellen Künstlern frei zur Verfügung stehen. Alle andern Studios dienen der Ausbildung oder der Forschung.

Schneller technischer Wandel

Die Elektronik ist ja mittlerweile so billig, dass sich beinahe jeder ein semiprofessionelles Studio leisten kann. Hat das Auswirkungen auf die am Institut realisierten Projekte?
Die Arbeit ist eigentlich immer gleich geblieben, obwohl die Computer immer billiger geworden sind. Wir merken aber, dass die Komponisten kompetenter werden. Sie können mit der Software umgehen.

Dann werden zu Hause Vorproduktion gemacht und die Infrastruktur hier wird genutzt, um Sachen zu realisieren, die in den eigenen vier Wänden nicht möglich sind?
Genau. Es gibt heute mehr Crossplattformen und die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass der Komponist auf der Software weiterarbeiten kann, auf der er sich schon auskennt. Das macht den Produktionsprozess sehr effizient. Wir haben immer die neuesten Computer, aber auch Mehrkanal-Audioenvironments und hochwertige Lautsprecher, Soundkarten und Mischer, welche den Komponisten zu Hause nicht unbedingt zur Verfügung stehen.

Und die kalibrierten Räume hat er in der Regel nicht.
Die akustisch optimierten Räume fehlen in privaten Umgebungen und die Möglichkeit, auch in der Nacht so lange Lärm zu machen, wie man will. In Sachen Raum sind wir ehrgeizig. Wir versuchen jetzt auch, in einem ganz neuen Projekt eine 40-Kanal-Umgebung, eine Art Klangdom zu entwickeln, mit hochwertigen Lautsprechern. Wir wollen vierzig Meyersound-Konzertlautsprecher mit den ultimativen Subwoofern zu einem spektakulären Klanginstrument kombinieren und dazu noch eine einzigartige Raumsteuerungs-Software programmieren, mit der sich die Werke hochaufgelöst im Klangdom, alternativ aber auch in kleineren Lautsprecher-Environments, aufführen lassen.

Was muss man sich unter einem «Klangdom» denn vorstellen?
Zum Einen wollen wir ein sogenanntes «Akusmonium» realisieren, in dem Klang im Raum mit unterschiedlichen Lautsprechertypen instrumentiert wird. Wie mit einem Orchester kann ich der Musik unterschiedliche Klangfarbe, Masse und Struktur geben. Eine Melodie lässt sich zum Beispiel solistisch mit der Flöte, aber auch mit vierzig Streichern setzen. Anstelle der einzelnen Instrumente des Orchesters wird der Klang bei einem Akusmonium mit einzelnen Lautsprechern oder Lautsprechergruppen während des Konzertes instrumentiert beziehungsweise interpretiert. Das Konzert ist hier das Resultat einer musikalischen Interpretation mit dem Instrument Akusmonium.
Zum Anderen soll der Klang mit dem bereits erwähnten Klangdom im Raum verteilt werden. Die einzelnen Klangpartikel können sich im Raum bewegen, aber auch solistisch aus einem, oder im Tutti aus vielen Lautsprechern erklingen. Diese Raummelodien werden möglich, weil eine grosse Anzahl an Lautsprechern in Form einer Halbkugel gleichmässig um den Hörer herum verteilt wird. Es ist bis heute die technisch überzeugenste Möglichkeit, Klang im Raum zu präsentieren. Das Konzert wird hierdurch zu einem einzigartigen Erlebnis, welches das Kino mit seinen aufwendigen Lautsprecheranlagen in den Schatten stellt.
Die Idee kommt ursprünglich aus Bourges, da wurde 1976 zum ersten Mal ein derartiger Klangraum geschaffen. Paris und Birmingham haben so ein Akusmonium, auch in Berlin ist eines eingerichtet worden.

Karlsruhe und Baden-Württemberg setzen auf neue Musik

Wie finanzieren sich denn die Projekte?
Das ZKM wird gemeinsam von der Stadt Karlsruhe und vom Land Baden-Württemberg finanziert.

«Wir wollen ein sogenanntes ‚Akusmonium‘ realisieren, in dem Klang im Raum mit unterschiedlichen Lautsprechertypen inszeniert wird.»

Das ist eher ungewöhnlich für eine Stadt wie Karlsruhe.
Man muss Stadt und Land für die Übernahme dieser kulturellen Verantwortung höchstes Lob aussprechen. Nicht überall verhalten sich die Politiker so vorbildlich. Meine Wurzeln sind im Ruhrgebiet; Köln hat vor zwei, drei Jahren das WDR-Studio geschlossen.

…was jedem weh tun muss, der die historische Entwicklung der elektronischen Musik mitverfolgt hat.
Das war das Studio und es ist völlig unverständlich, dass man das schliessen kann. Das Beispiel zeugt von der unterschiedlichen Gewichtung der Kultur. Köln ist eine der Hauptstädte der Neuen Musik und gibt für Musik viel Geld aus. Aber dieser Richtung der Neuen Musik wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Stadtväter von Karlsruhe wiederum hatten wirklich eine Vision. Hier haben sich Politiker und Professoren über mehrere Jahre zusammengesetzt, um dieses Projekt durchzuziehen. Das ist schon eine enorme Leistung für eine 300’000-Seelen-Stadt.

Sie sind nicht der erste Direktor?
Die Leitung des Institutes habe ich erst seit April letzten Jahres inne. Ich arbeite aber seit 1993 am ZKM, kenne das Institut also schon seit 11 Jahren. Ich habe Johannes Goebel, den früheren Leiter des Instituts, in Stanford kennengelernt. Er ist in die USA zurückgegangen und realisiert an der Rensselaer University in New York ein von Stiftungseldern finanziertes 120-Millionen-Dollar-Projekt – eine Wahnsinnsumme.

Wie ist denn die finanzielle Situation des ZKM und Ihres Institutes?
Wir hatten im letzten Jahr eine Evaluation durch den Wissenschaftsrat und die ist gerade für das Institut für Musik und Akustik hervorragend ausgefallen. Für fast das gesamte ZKM waren nur höchst positive Stimmen in dieser Evaluation wahrnehmbar. Das hat die Politik aber leider nicht davon abgebracht, unsere Mittel nach bereits erfolgten Kürzungen noch einmal um zehn Prozent zu reduzieren. Das ist schmerzlich und wir müssen die Arbeiten etwas reduzieren. Aber es sind noch eine Menge Möglichkeiten vorhanden und wir versuchen, das Beste daraus zu machen.

Die schnelle technische Entwicklung erfordert aber auch ständig Neuinvestitionen…
Wir kämpfen mit der schnellen Entwicklung im Bereich High-Definition-Audio. Wir haben ein wunderbares, sehr teures Pult mit einer grossen Einheit im Studio und einer Tochtereinheit im Konzertraum, das allerdings nur 48 KHz beherrscht. Man kann es nicht auf den neuesten Stand bringen und ein neues Pult können wir uns nicht leisten. Es ist natürlich schade, dass so etwas nach sieben, acht Jahren bereits wieder erneuert werden müsste. Wir haben versucht, das Problem so zu lösen, dass wir einfach ein kleineres Pult daneben stellen und Projekte mit Anforderungen im Bereich High Definition mit andern Mitteln durchführen.

Geforscht wird nur projektbezogen

Wie steht es mit der Forschung am Institut. Naheliegend wäre ja für ein ZKM gerade die Erforschung der synästhetischen Aspekte des Hörens und des Sehens.
Darüber haben wir sehr viel nachgedacht. Es ging auch um die Frage, wie wir hier eine Stelle im Bereich Forschung besetzen sollten.

Gibt es da eine erklärte Strategie?
Das ZKM stellt keine klassische Forschungsumgebung dar, und wir sind kein Fraunhofer Institut. Die Grösse des Institutes erlaubt es nicht, sowohl den künstlerischen als auch den wissenschaftlichen Weg zu beschreiten. Wir betreiben deshalb bloss Forschung, die ganz konkret im Kontext mit den Projekten steht, die hier realisiert werden. Zur Zeit gerade im Zusammenhang mit dem Akusmonium: Welche Art von Steuerungsmöglichkeiten bieten sich, welche können wir für dieses Instrument entwickeln?

Die Arbeit selber wird aber zumindest dokumentiert?
Es gibt beim Plattenlabel Wergo eine «Edition ZKM», in dieser haben wir gerade in diesem Jahr zwei DVD herausgebracht, eine im Videoformat und eine auf Basis von unkomprimiertem 5.1-Audio. Und wir veranstalten Konzerte.

Sicher ein Verlustgeschäft.
Konzerte mit Neuer Musik ohne Subvention gibt es mit Sicherheit nicht viele. Da haben wir einen Auftrag – sozusagen als Geschenk der Stadt und des Landes an die Menschen der Umgebung.

«Man hat in den achtziger Jahren eigentlich alles ausprobiert, was man mit einer Geige oder einem Flügel machen kann…»


Wie sieht denn die Zukunft der elektronischen Musik aus?
Elektronische Musik wird immer wichtiger, gerade weil die Neue Musik immer nach neuen Ideen sucht und neue Spielmöglichkeiten der Instrumente ausprobiert. Man hat in den achtziger Jahren eigentlich alles ausprobiert, was man mit einer Geige oder einem Flügel machen kann, man hat Kieselsteine reingeschüttet, man ist mit der Hand rein, solche Dinge sind nicht mehr spektakulär. Die Möglichkeit der Erweiterung des Instrumentes durch elektronische Mittel sind da sehr willkommen.

Und die Situation der Komponisten selber verbessert sich?
Fast alle Komponisten haben mittlerweile eine Ausbildung im elektronischen Bereich. Immer mehr Musikhochschulen haben für die Ausbildung von Komponisten eigene elektronische Studios, und deswegen gehört der Umgang mit dem Computer inzwischen auch zur selbstverständlichen Erfahrung der Komponisten von Instrumentalmusik.
Leider ist es immer noch selbstverständlich, Komponisten ohne Erfahrung mit elektronischer Musik Aufträge für elektroakustische Werke zu erteilen, weil man noch nicht begriffen hat, dass dazu mehr gehört als instrumentieren zu können. Ein Komponist elektronischer Musik bekommt selten einen Auftrag für Instrumentalmusik, weil ihm das nicht zugetraut wird. Hier liegt ein asymmetrisches Verhältnis zwischen instrumentaler und elektroakustischer Musik. Da braucht es vielleicht noch mehr Erfahrung der Kulturschaffenden im Bereich elektroakustischer Musik.

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