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Kreatives Chaos und Interdisziplinarität

02.09.2005

Das Center for Computer Research on Music and Acoustic (CCRMA) der Stanford University ist ein Ort der kreativen Begegnung von Musikern, Informatikern, Psychologen und vielen andern. In dem Zentrum mit Weltruf ist Fernando Lopez-Lezcano als Kompositionslehrer und Informatiker tätig. Codex flores hat sich mit dem rührigen Argentinier unterhalten.

Codex flores: Können Sie uns etwas über Ihre aktuellen Musikprojekte erzählen?

Fernando Lopez-Lezcano: Eines meiner letzten Werke ist eine Komposition für Mehrkanal-Systeme – eine tönende Landschaft mit verräumlichten Klängen. Sie wird in einem Konzertsetting dargeboten, in dem mehrere Lautsprecher rund um die Zuhörer aufgestellt sind.

Ein aktuelles Projekt geht auf das Erdbeben in der Bay Area von 1989 zurück. Das Gebäude unseres Zentrums wurde vollständig renoviert, weil der dritte Stock beschädigt worden war. Während der Bauarbeiten stellten wir hinter dem Haus eine Kamera auf, die in Intervallen von einer Minute Fotos schoss. Damit vefügten wir über eine Sequenz von Bildern der ganzen Renovationsarbeiten. Daraus habe ich ein Video erstellt und diesem eine Musikspur beigefügt.

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Die Weblinks
Fernando Lopez-Lezcano:
ccrma.stanford.edu/~nando
CCRMA:
ccrma.stanford.edu/
Planet CCRMA:
ccrma.stanford.edu/planetccrma/software/

vgl. auch das Interview mit Andrea Glorioso
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In welcher Beziehung stehen Bild und Ton?

Sowohl das Video als auch die Musik sind auf der Basis eines gemeinsamen Prozesses algorithmisch erzeugt worden. Für das Video habe ich eine Art virtuellen Tag erzeugt: Auf die Bilder der ersten zwanzig Minuten des ersten Tages folgen diejenigen der folgenden zwanzig Minuten des zweiten Tages und so weiter. Dabei entstehen kontinuierlich wirkende Passagen, aber auch überraschende Schnitte sind zu beobachten. Dinge verändern sich, verschwinden, erscheinen erneut… Wolken und Musik werden aus den gleichen Daten erzeugt und laufen synchron zu den Geschehnissen auf der Bildebene.

Welche kreativen oder musikalischen Aspekte prägen diese Art des Arbeitens?

Das erweckt den Eindruck, dass ich vor allem Programmierarbeit leisten würde. Dem ist aber nicht so. In Tat und Wahrheit mache ich Musik. Programmieren heisst Musik machen. Die Verwendung einer Software zur Textverarbeitung ist ja auch nicht mit dem Schreiben eines Romans gleichzusetzen. Man benutzt einfach ein Werkzeug. Genauso ist die Programmiersprache ein Werkzeug, um Musik zu schreiben.

Ich neige dazu, auf traditionelle Art zu komponieren. Ich setze Note für Note an die für sie bestimmten Plätze. Manchmal kreiere ich auf der Basis von hunderten kleiner Klangereignisse oder Noten allerdings auch Klangflächen. In diesem Fall lege ich nicht Note um Note einzeln fest. Die Software erlaubt es mir, Texturen zu definieren, die eine gewisse Dichte aufweisen oder sich im akustischen Raum auf bestimmte Art bewegen, ohne dass ich mich selber um alle Details auf der Ebene einzelner Klangzellen kümmern muss. Das kann ich dem Programm überlassen. Allerdings bin es ja ich, der das Programm geschrieben hat. Das heisst, in gewisser Weise bin auch ich es wiederum, der alle diese Details generiert hat.

An der Stanford University arbeiten Sie nicht bloss als Komponist.

Das CCRMA, das Center for Computer Research on Music and Acoustic, ist der Abteilung für Musik der Universität angegliedert. Dort wird auch Musik gemacht, in der Hauptsache ist es aber ein Forschungszentrum für alle Aspekte der Beziehung zwischen Klang und Computer.

«Programmieren heisst Musik machen. Die Verwendung einer Software zur Textverarbeitung ist ja auch nicht mit dem Schreiben eines Romans gleichzusetzen. Man benutzt einfach ein Werkzeug.»

Das Zentrum hat dank seiner Forschungsaktivitäten international einen hohen Bekanntheitsgrad. Die künstlerische Arbeit ist eher eine Art Nebeneffekt. Das Zentrum ist interdisziplinär, das heisst, es arbeiten dort Komponisten, Interpreten, «Gurus» in Sachen digitaler Signalverarbeitung (DSP, Digital Signal Processing), Psychologen und Musikwissenschaftler an den verschiedensten Projekten. Sie interagieren miteinander oder auch nicht. Es ist ein sehr interessanter und kurzweiliger Ort.

Am CCRMA wird auch auf der Ebene des DSP gearbeitet?

Es gibt Spezialisten, die sich mit Fragen rund um Synthese, Transformation und Kompression von Klängen beschäftigen. Letzteres ist heute sehr populär, man denke nur an das MP3-Format… Mehrere Mitarbeiter des Zentrums arbeiten an der zugrundeliegenden Mathematik, einige davon mit Blick auf Anwendungen in der Musikproduktion, andere einfach aus wissenschaftlicher Neugier.

Es hat auch Leute, die den Computer nutzen, um Musik zu machen. Die meisten kommen aus der Musikabteilung. Es gibt aber auch Angehörige anderer Abteilungen, die am CCRMA den Computer für diesen Zweck verwenden. Wiederum andere arbeiten an Themen der Wahrnehmung.

Welche Aufgabe erfüllen Sie im Zentrum?

Ich habe einen zweifachen Background. Zum Einen unterrichte ich deshalb einige Klassen in Komposition und Klangsynthese. Ich wirke aber auch als Systemadministrator für die technische Infrastruktur. Dazu zählen rund vierzig Computer, das Netzwerk und die Software.

Ich habe basierend auf Linux ein Softwaresystem entwickelt, das es den im Zentrum Beschäftigten erlaubt, Foschungen zu betreiben oder Musik zu machen. Nach und nach habe ich das System mit Programmen angereichert, die für die Beschäftigung mit Musik nützlich sind. Studierende und andere Interessierte können sich das vordefinierte System kopieren und es privat ebenfalls installieren. Sie verfügen dann bei sich zu Hause und im CCRMA über die gleiche Software-Umgebung. Das war die ursprüngliche Idee. Es ist etwas, das nach und nach organisch gewachsen ist.

«Wir selber greifen für Planet CCRMA auf ein Linux-System zurück, das frei verfügbar ist. Wir nehmen also nicht nur, sondern geben auch etwas zurück.»

Das heisst, jemand kann ein Projekt im CCRMA beginnen und bei sich zu Hause daran weiterarbeiten und umgekehrt.

Genau. Um die Leute zu Hause besser unterstützen zu können, habe ich eine kleine Webseite eingerichtet, auf der erklärt wird, wie das System installiert werden kann. Mit der Zeit gab es Anfragen von Leuten, die nicht am CCRMA arbeiten, sondern irgendwo anders auf der Welt, aber unser frei verfügbares System auch zu brauchen begonnen haben. Viele baten uns, das System, das den Namen «Planet CCRMA» (ausgesprochen: «Planet Karma») erhalten hat, um diese und jene Funktion zu ergänzen. Mittlerweile ist der «Planet» zu einem opulenten Projekt ohne Auslaufdatum geworden.

Wer nutzt Planet CCRMA?

Alle, die an Werkzeugen zur Produktion von Musik interessiert sind. Es finden sich darunter DJs und andere, die an beatbasierter Musik tüfteln, aber auch andere Forschungzentren, die ähnliche Aufgaben erfüllen wie wir im CCRMA von Stanford. Man kann es ebensogut benutzen, um einen Rap-Song zu schreiben als in Mehrkanal-Verfahren elektroakustische Musik zu realisieren. Ich führe nicht Buch darüber, wer die Software wie braucht.

Aber einen allgemeinen Eindruck von der Nutzergemeinschaft haben Sie sicher.

Die Mailing List zu Planet CCRMA hat etwa 700 Abonnenten. Sie nimmt auch entsprechend viel von meiner Zeit in Anspruch. Ich verstehe das als einen Dienst an der Gemeinschaft. Ich helfe Menschen sehr gerne und so ist es schön, wenn ich es auch tun kann. Wir selber greifen für Planet CCRMA auf ein Linux-System zurück, das frei und unentgeltlich verfügbar ist. Wir nehmen also nicht nur, sondern geben auch etwas zurück. Das ist schön zu wissen.

Wie würden Sie CCRMA als Forschungsplatz charakterisieren?

Man kann es als eine Art Spielwiese betrachten. Ein Forschungszentrum sollte eine Art Experimentierfeld sein, wo man mit den Werkzeugen herumspielen und dabei neue Ideen konkretisieren und etwas neues kreieren kann. Der Ort ist geistig sehr offen. Man kann dort mehr oder weniger tun und lassen, was man will.

Es kommt Ihnen nicht in den Sinn, ein Manifest zu schreiben, um zu erklären, in welche Richtung sich die Entwicklung der Musik zu bewegen habe?

Nein, ich sicher nicht. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand anderes im Center ein derartiges Bedürfnis verspürt.

Ich frage, weil die Gefahr bestünde, würde man in Europa ein vergleichbares Projekt aufgleisen. Hiesige Avantgarde-Komponisten liebten es immer wieder, Manifeste zu verfassen und zunächst einmal die ganze Welt und noch einiges mehr zu erklären, bevor Sie Musik zu machen begannen.

Für mich zählt, was ich in einem Stück hören kann und welche Wirkung es auf mich hat. Es ist interessant zu wissen, was dahinter steckt. Aber das ist für mich nicht so interessant wie die Musik selber.

In der Open-Source-Welt, zu der Planet CCRMA zu zählen ist, gibt es dennoch ähnliche Tendenzen – man muss nur an das Manifest von Eric Raymond zur freien Softwarewelt denken. Man könnte sich auch vorstellen, dass man eine Art «Open Source Musik» als ideologischen und ästhetischen Gegenentwurf zur kommerziellen Musikwelt proklamieren würde.

Nein, nein, in dieser Hinsicht ist CCRMA ein chaotischer Ort, und das macht einen Teil seines Charmes aus. Es existieren andere Studios, welche streng darauf zielen, eine bestimmte Art von Musik zu machen und alle ausstossen, die nicht denselben Weg gehen wollen. Es gibt Orte, an denen bestimmte Formen von Musik in einem sehr hierarchischen Rahmen produziert werden. Auf das CCRMA trifft dies aber keinesfalls zu.

«Es gibt Orte, an denen bestimmte Formen von Musik in einem sehr hierarchischen Rahmen produziert werden. Auf das CCRMA trifft dies aber keinesfalls zu.»

Welches sind also die Ziele des Centers?

Man ist nicht verpflichtet, mit seiner individuellen Arbeit eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Das heisst aber nicht, dass es keine Ästhetik oder keine Forschungsrichtlinien gibt. Die Studierenden werden von Komponisten unterwiesen, die natürlich je ihre eigenen Prinzipien haben. Diese können den Studierenden vermittelt werden; sie werden aber nicht gedrängt, ihnen in der eigenen Arbeit konsequent Folge zu leisten. Sie können sich in eine ganz andere Richtung entwickeln.

Zum Beispiel der Kurs, den ich durchführe, hat keine bestimmte Ästhetik als Grundlage. Das bedeutet, dass die Resultate sehr unterschiedlich, aber auch sehr interessant sein können.

Könnte man Interdisziplinarität als ein allgemeines Prinzip betrachten?

Es gibt Leute, die fächerübergreifende Projekte verfolgen. Sie studieren Mathematik oder die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Dabei verwenden sie Microcontroller, die physikalische Aktionen in digitale Signale umwandeln, mit denen via Computer wiederum Musik generiert werden kann. Ein Student, der zum Beispiel einen solchen Kurs und auch meinen besucht, wird versuchen, diese Art von Controller in einem musikalischen Kontext einzusetzen.

Welche beruflichen Perspektiven haben die Absolventen eines derartigen Studiums?

Einige der Studierenden haben eine technischen Background; das heisst, sie arbeiten irgendwo als Programmierer oder als Designer von Algorithmen und haben nicht mehr direkt mit Musik zu tun. Es ist jedem selber überlassen, Wege zu finden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, möglicherweise mit Unterricht, vielleicht auch als Musiker. Ich denke, die Berufsperspektiven sind für Absolventen derartiger Studiengänge überall auf der Welt ähnlich.

Wie sieht die Zukunft von Planet CCRMA aus?

Beiträge zu Planet CCRMA kommen mittlerweile von hunderten von überaus fähigen Entwicklern, die über die ganze Welt verstreut sind. Ich stelle die Programme zum Gesamtpaket zusammen. Eine Hauptaufgabe sehe ich darin, die Applikationen zugänglicher zu machen, das heisst auch mit besseren Handbüchern zu versehen.

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