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«Mozart & Science II» in Wien

01.12.2008

Im Wiener Palais Niederösterreich trafen sich Vertreter der Musiktherapie, Neurowissenschaftler und Chronobiologen aus aller Welt zum Dialog zwischen Praktikern und Forschern in Musikmedizin, Musiktherapie und Neuromusikologie.

In den letzten Jahren hat sich mehr und mehr gezeigt, dass die Musik so etwas wie einen Kristallisationskern darstellt, an dem sich zentrale Entwicklungen in den Neurowissenschaften, der Erkenntnistheorie, der theoretischen und praktischen Medizin sowie der Emotions- und Kognitionsforschung zu bündeln beginnen. Dazu sind denn auch einige bedeutende Konferenzreihen mit weltweitem Zuspruch entstanden: Bereits etwas älter, nämlich 1989 begründet worden, ist die International Conference of Music Perception and Cognition (ICMPC), die heuer in Japan ihre zehnte Auflage erlebt hat. 1991 folgte die erste Auflage der Treffen der European Society for the Cognitive Science of Music (Escom), die 2009 in Finnland zum siebten Mal realisiert wird. Etwas jüngeren Datums ist die Conference on Interdisciplinary Musicology (CIM) − sie wird 2009 in Paris zum fünften Mal durchgeführt. Jüngeren Datum ist auch The Neurosciences and Music, ein Kind der Mailänder Fondazione Mariani. Letztere fand dieses Jahr (in Montreal) zum dritten Mal statt.

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Die Weblinks
Webseite der Konferenz:
www.mozart-science.at

Fotoimpressionen I
Fotoimpressionen II
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Die Dynamik auf dem Gebiet illustrieren überdies verschiedene Bemühungen um Neugründungen akademischer Gesellschaften und Informationsplattformen, namentlich in Italien und in Hannover, wo der Musikphysiologe Eckart Altenmüller (zusammen mit dem amerikanischen Musiktherapeuten Michael Thaut) Arbeiten an einer frisch ins Leben gerufenen «Society for Clinical Neuromusicology» vorantreibt.

Zu diesen wichtigen Aktivitäten hat sich nicht zuletzt dank eines Engagements des österreichischen Bundeslandes Niederösterreich die interdisziplinäre Konferenz «Mozart & Science» gesellt, die vor allem Brücken zwischen Musikmedizin, Musikermedizin, Musiktherapie und Neuromusikologie schlägt. Sie hat nach 2006 dieses Jahr ihre zweite Auflage erlebt. Und wie bereits 2006 (siehe Konferenzbericht) ist es der veranstaltenden I.m.a.r.a.a. (International Music and Art Research Association Austria) gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der ein echter Dialog zwischen den unterschiedlichsten inter- und intradisziplinären Schulen zustandekommen konnte.

Elemente der Forschung: vom Experiment (Manfred Clynes legendärer «Sentograph»)…

«Mozart & Science II» war geprägt von drei zur Zeit besonders stürmisch verlaufenden und eng zusammenhängenden Entwicklungen, zum ersten der dank modernen Verfahren zur Hirnaktivitäts-Vermessung stetig steigenden Flut an Experimentaldaten der Neurowissenschaften und ihrer methodischen Einordnung, zum zweiten der Erweiterung des Menschenbildes in der modernen Medizin um funktionale Modelle der Chronobiologie und des Energiehaushaltes des menschlichen Körpers und zum dritten der solideren theoretischen Fundierung der Musiktherapie und ihrer Anwendungen.

Theoretische Fundierungen der Musiktherapieforschung

Grundsätzliche Gedanken zu einer methodischen Fundierung der Musiktherapie machten sich in Wien etwa Thomas Hillecke als Vertreter der als «Heidelberger Schule» charakterisierbaren Gruppe rund um das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg, die an der Temple Universität in Philadelphia tätige Amerikanerin Cheryl Dileo sowie ihr Landsmann Julian Thayer, der an der Ohio State University tätig ist.

Hillecke erläuterte den Heidelberger Ansatz, der sich vor allem durch anwendungsorientierte Pragmatik auszeichnet und Anwendungsgebiete für die Musiktherapie abzugrenzen versucht, in denen sich diese alternativen Therapieformen wie Medikationen oder Psychotherapien gegenüber als effizienter erweist. Dazu, so Hillecke, ist die Ausformulierung von sogenannten «Therapiemanualen» sinnvoll, in denen für spezifische Indikationen die entsprechenden therapeutischen Interventionen so weit wie nötig normiert werden.

Damit soll gewährleistet werden, dass sich die Wirkung, die in der empirischen Forschung nachgewiesen worden ist, auch wirklich replizieren lässt. Ob dies tatsächlich ein gangbarer Weg ist, wird sich nach Einschätzung von Praktikern allerdings noch zeigen müssen. Darüber hinaus, so Hillecke, sollten die Studierenden an ein Denken und Handeln herangeführt werden, das eine wissenschaftliche Anwendung des eigenen Wissens und Könnens zur Selbstverständlichkeit macht. Mit andern Worten: Musiktherapeuten müssen im klinischen Alltag den schulmedizinischen Partnern auf Augenhöhe begegnen.

Mit Blick auf die aktuell verfügbaren Forschungsdaten zur Musiktherapie diagnostizierte auch Julian Thayer noch einen erheblichen Nachholbedarf. Die typischen Veröffentlichungen zum Fach, so Thayer, seien gekennzeichnet durch eine kleine Zahl an Versuchspersonen, fehlende oder ungenügend zusammengestellte Kontrollgruppen, nicht standardisierte Messprotokolle und eine grosse Variabilität zwischen den einzelnen Experimentatoren und Therapeuten, die eine Vergleichbarkeit der Studien schwierig mache.

Wie weit die Erforschung und der Nachweis der Wirkung von Musiktherapie aber dennoch bereits vorangeschritten ist, zeigte Cheryl Dileo auf, die dazu eine beeindruckende Metastudie präsentierte. Die fortgeschrittene Akzeptanz der Musiktherapie belegte sie mit dem Hinweis, dass im Rahmen der sogenannten «Cochrane Collaboration», einem bei Medizinern respektierten weltweiten Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, das als integre Instanz für die Beglaubigung von Wirkungsnachweisen für Therapien gilt, mittlerweile zahlreiche Programme zur Musiktherapie aufgegleist sind. Sie umfassen Anwendungen mit Blick auf Depression, Schizophrenie, Autismus, Demenz, Schmerzbehandlung, Hirnverletzungen, Operationsangst, Befindlichkeit bei Krebsbehandlungen und Palliativmedizin.

…über die Beobachtung (der Däne Peter Vuust zeigt verschiedene Reaktionen von Kleinkindern auf die gleiche Musik)…

Dileo warnte mit Blick auf diese Palette an Anwendungen davor, den methodischen Rahmen für die Musiktherapie allzu eng zu stecken. Wirkungsnachweise, so die Amerikanerin, fänden sich in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Kulturen und müssten sowohl quantitative wie auch qualitative Methoden nutzen. Mit Hillecke einig zeigte sie sich mit Blick auf die Forderung, Indikationen und Therapien besser zu definieren. In ihrem umfangreichen Katalog an Forderungen an die künftige Forschung gab sie sie unter anderem aber auch überzeugt, dass auch die Langzeitwirkungen von musiktherapeutischen Interventionen ins Blickfeld des Interesses rücken müssten.

An den Grenzen der menschlichen Existenz

Den Bogen möglichst weit zu spannen, um das Potential der Musiktherapie tatsächlich zu erfassen, drängt sich mit Blick auf die in Wien präsentierten Anwendungsgebiete auf, tendenziell vor allem existentielle Grenzerfahrungen: Frühgeburten, Wachkoma, Sterbebegleitung, Trauma, Neurorehabilitation… Sicherlich ist dies kein Zufall. So erinnerte etwa der Australier Stephen Malloch daran, dass das Gehör das erste Sinnessystem ist, das beim Menschen ausgebildet wird. Es spielt beim Erwerb der fundamentalen Strukturen der Weltwahrnehmung eine entscheidende Rolle, und bildet deshalb in der Regel den ersten Kanal über den das Neugeborene, aber auch den letzten oder einzigen, über den Sterbende oder Komapatienten erreicht werden können. Selbst bei den sehr erfolgreichen Verfahren der Rehabilitation von Aphasiepatienten − präsentiert vom amerikanischen Neurowissenschaftler Gottfried Schlaug −, die dank rhythmischen Feedbacks und gestalthaften verbalen «Eselsbrücken» wieder zu normalem Sprechen finden, kann man sich fragen, ob aufgrund des Sensoriums der ersten Welterfahrung statt eines «Reparierens» der zerebralen Kontrolle nicht vielmehr ein vollständiger Neuaufbau der Wahrnehmung von Körper und Umwelt stattfindet.

Komptenzen statt Anwendungen legitimieren Musiktherapie

Zu den Stärken der Musiktherapeuten gehören im klinischen Umfeld demnach das Erkennen physiologischer Reaktionen auf akustische Interventionen und der Zugang zu ansonsten nicht ansprechbaren Patienten mit den Mitteln der nicht-verbalen akustischen Kommunikation. Vermutlich, dies könnte eine der Einsichten aus den Tagungsdiskussionen und Fallbeschreibungen sein, ist die Musiktherapie deshalb gut beraten, sich künftig weniger über einzelne, eng definierte Therapien zu legitimieren, auch wenn da − im deutschsprachigen Raum vor allem im Umfeld der Heidelberger Schule − mittlerweile durchaus achtbare Wirkungsnachweise erbracht werden. Vielmehr scheinen ihre Vertreter gut beraten, vor allem darauf hinzuarbeiten, als Spezialisten wahrgenommen zu werden, die dank ihrer speziellen Kompetenz eine wichtige Dimension mehr (nämlich die Vertrautheit mit Hörraum und akustischer Kommunikation) in Therapie und Diagnose einbringen und auf den individuellen Patienten abgestimmte Behandlungsstrategien zu definieren in der Lage sind.

…zur Modellbildung (Der Brite David Lee mit mathematischen Beschreibungen von Körperkoordinationen).

Da dürfte auch die traditionelle Fallstudie nicht ausgedient haben. Denn Akzeptanz im wissenschaftlichen und klinischen Umfeld kann im Grunde genommen selbst mit solide fundierten randomisierten Doppelblindstudien nicht erreicht werden, wenn der Therapieform gegenüber gewohnheitsmässige oder gefühlsbedingte Vorurteile bestehen. Zahlreiche verbreitete schulmedizinische Therapien sind ja auch nicht akzeptiert, weil sie sich immer wieder nach allen Regeln der Kunst beweisen (und unter Umständen durchaus Probleme hätten, dies tatsächlich zu tun), sondern weil sie der skeptischen Gilde der Mediziner gefühlsmässig plausibel scheinen. Diesen Grad an gewohnheitsmässiger Plausibilität erreicht die Musiktherapie vermutlich nur, indem sie Teil des klinischen Alltages und dank gut dokumentierter Fallbeschreibungen einsichtig wird. Solche sind in Wien tatsächlich überzeugend präsentiert worden, etwa von Gerhard Tucek im Fall von Wachkoma-Patienten, von Eckart Altenmüller und dem Finnen Jaakko Tapani Erkkillä mit Blick auf die Neurorehabilitation, vom Amerikaner Gottfried Schlaug mit Blick auf die Arbeit mit Aphasiepatienten, der Kanadierin Lucanne Magill zur Begleitung sterbender Patienten und der New Yorkerin Joanne Loewy über die Arbeit in der Neugeborenen-Intensivstation.

Physiologische Indikatoren der Wirkung

Schwierigkeiten im Wirkungsnachweis hat die Musiktherapie in ihren stärksten Domänen, den Grenzerfahrungen der menschlichen Existenz, weil sich die Betroffenen in der Regel eben nicht willentlich artikulieren und die Effekte der Therapie deshalb nicht direkt abgefragt werden können. Physiologische Reaktionen auf diese Interaktionen lassen sich aber sehr wohl nachweisen. Da bietet die Chronobiologie, die an dem Kongress ebenfalls prominent vertreten war, möglicherweise die zukunftsweisenden Instrumente. Aufschlussreich waren etwa die Methoden, die der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien tätige Hans Ullrich Balzer präsentierte. So bestehen, wie er überzeugend aufzeigte, begründete Hoffnungen, dass sich aus einer ganzen Reihe von physiologischen Indikatoren Synchronisationszustände zwischen Patienten und Therapeuten und eine qualitativ beurteilbare Veränderung der Stoffwechselvorgänge beim Patienten nachweisen lassen.

Die Chronobiologie hat möglicherweise aber auch einen Schlüssel zur Hand, um Phänomene ins wissenschaftliche Blickfeld zu rücken, die jedem praktizierenden Musiker bestens vertraut sind und dessen Tätigkeiten massgeblich beeinflussen, aber in Pädagogik und Arbeitsmedizin kaum systematisch erfasst werden. Weshalb gelingt heute etwa spielend, was gestern Mühe bereitete? Weshalb versteht man sich mit dem einen Musikpartner auf Anhieb, während man mit einem anden nie in eine gemeinsame «Schwingung» findet? Weshalb vergisst man bei einem Pädagogen während des Unterrichts die Zeit völlig, während sie bei einem andern zäh dahinzufliessen scheint? Weshalb schafft man es, eine technisch schwierige Passage dank hoher Motivation nach und nach zu bewältigen, während eine andere sich mehr und mehr zum Angsterlebnis auswächst? Die Liste lässt sich fast beliebig erweitern. Da zeigen die chronobiologischen Indikatoren möglicherweise auf, welche unterschwelligen Prozesse im menschlichen Körper in solchen Situationen ablaufen und wie sie sich beeinflussen lassen.

Kritische Sichtung empirischer Befunde

Da die Themen der Konferenz sich schwerpunktmässig in Randgebieten der menschlichen Existenz und Wahrnehmung bewegten, schien es nur natürlich, dass sich auch in Sachen Experimentaldaten das Interesse auch über Phänomene erstreckte, die man gemeinhin parawissenschaftlichen, spirituellen oder alternativmedizinischen Weltanschauungen zuordnet. Wie die Programmierung der Konferenz richtigerweise bekräftigt, darf sich eine Musikwirkungsforschung, die sich mit den eigenen methodischen und empirischen Grundlagen auseinandersetzt, solchen Ansätzen nicht verschliessen. Genausowenig darf sie, dies ist den Veranstaltern von «Mozart & Science» aber genauso bewusst, Konzessionen machen, wenn es darum geht, diese überaus populären, aber von Schulmedizinern gerne gemiedenen Weltsichten dem Tribunal der strengen wissenschaftlichen Untersuchungs- und Nachweismethoden zu überantworten. Dabei kann durchaus offengelassen werden, was am Schluss von den Ausgangskonzeptionen übrig bleibt. Das Beschreiten der neuen Wege dürfte sich aber sicherlich als Quelle neuer und ungewohnter Einsichten ins Verhältnis von Musik und Körper erweisen.

Beispiele dazu lieferten etwa die an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg tätige Vera Brandes, die eine breit angelegte Studie zur Wirkung von rezeptiver Musiktherapie auf Basis chronobiologischer Erkenntnisse präsentierte. Sie räumte zwar die Skepsis im Publikum gegenüber dem ungewöhnlichen Ansatz nicht ganz aus, vor allem weil die Beschaffenheit des «Wirkstoffes», eigens für die Anwendungen komponierte Musik, und der Wirkmechanismus dem Auditorium opak blieben. Die seriöse Machart der Studie wurde aber durchaus anerkannt. Sie dürfte als sinnvoller Ausgangspunkt für weitere Forschungen dienen.

Schlussdiskussion
Schlussdiskussion mit (v.l.n.r.): Roland Haas (I.m.a.r.a.a., Initiator der Tagung), David Aldridge, Siegfried Böhm-Öppinger (Österreichischer Berufsverband der Musiktherapeuten), Andreas Remmel (Psychosomatisches Zentrum Waldviertel Eggenburg), Wolfgang Sobotka (Niederösterreichische Landesregierung) und Gerhard Tucek (I.m.a.r.a.a.).

Vielversprechende, an der Medizinischen Universität Wien gewonnene Ergebnisse zur Beeinflussung der Herzratenvariabilität auf Basis chronobiologischer Konzeptionen legten Klaus-Felix Laczika und Alfred Lohninger vor. Skepsis weckten hingegen Versuchsreihen mit Ratten, die der an der Universität Heidelberg tätige Björn Lemmer vorstellte. Sie sollen zeigen, dass die Labortiere auf Musik von Mozart anders reagieren als auf solche György Ligetis. Der Wert der Ergebnisse wurde in der Diskussion vor allem mit dem Hinweis darauf relativiert, dass die Ratten höchstwahrscheinlich einen anderen Ausschnitt aus dem akustischen Frequenzspektrum wahrnehmen als der Mensch und deshalb auch die zugespielte Musik nicht in der gleichen Weise hören dürften. Was also die unterschiedlichen Reaktionen auslöst, bleibt auch hier durchaus unklar, wie selbst Lemmer einräumte.

Auch in der den Kongress begleitenden Poster-Konferenz fanden sich einige Projekte, die auf chronobiologische oder verwandte Phänomene rekurrierten, so etwa zu einer gesangstherapeutischen Methode des Psychotherapeuten und Mystikers Jaan Karl Klasmann, welche die Existenz eines elektromagnetischen Meridiansystems postuliert und dessen Zustand als Indikator des physiologischen Gleichgewichtes betrachtet. (wb)

Mozart& Science 2008, 2. Internationaler Kongress der interdisziplinären Musikwirkungsforschung, 16. bis 19. November 2008 in Wien, Palais Niederösterreich. Der Referent hat an dem Kongress auf Einladung und Kosten der Veranstalter teilgenommen.

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