03.10.2007
An der traditionellen jährlichen Musiktherapie-Fachtagung in der Schweizer Rehaklinik Bellikon standen heuer die Beziehungen zwischen Musiktherapie und Neurologie zur Debatte – ein Spannungsfeld, das zur Zeit auch im Zentrum einer Methodendiskussion der Disziplin steht.
Die Kontakte zwischen Musikforschung und Neurologie werden immer zahlreicher. Speziell vielschichtig sind sie im Fall der Musiktherapie. Ihr öffnen sich aufgrund der Erkenntnisse der Hirnforschung einerseits neue Perspektiven auf ihre traditionellen Arbeitsbereiche. Andererseits sind Schädigungen und Erkrankungen des Nervensystems aber auch selber ein Gebiet, auf dem die Therapieform spezifische Heilverfahren bieten kann. Es erstaunt deshalb nicht, dass das Themenfeld für einmal auch von der traditionellen Musiktherapie-Fachtagung in der Schweizer Rehaklinik Bellikon aufgenommen worden ist.
Beleuchtet wurden die vielfältigen Verbindungen zunächst vom Zürcher Neuropsychologen Lutz Jäncke, der die neuesten Forschungsergebnisse zum Musiklernern, den Hirnen von Musikern, möglichen Transfereffekten von musikalischen Fähigkeiten auf andere Gebiete und therapeutische Chancen des Musizierens mit Blick auf Altersdemenz vorstellte.
Der Mythos von der Begabung, die alleine über die musikalische Exzellenz entscheidet, vermochte Jäncke mit mittlerweile gut abgesicherten Erkenntnissen zu widerlegen, die zeigen, dass eine direkte Korrelation zwischen der Anzahl Stunden, die ein angehender Musiker übt, und seinem späteren beruflichen Erfolg besteht. Nicht minder interessant scheinen Studien, die zeigen, dass sich die höhere Hand- und Fingerfertigkeit von Instrumentalisten einerseits an der Vergrösserung der entsprechenden Hirnareale ablesen lässt, dass die Leistungssteigerungen mit Blick auf die musikspezifischen Fähigkeiten allerdings auch mit Minderleistungen auf andern Gebieten erkauft werden. So schneiden Musiker etwa in sogenannten «Pegboard-Tests», in denen es gilt, Klötzchen auf einem Brettchen umzusortieren, schlechter ab als Nichtmusiker.
Praktische Bedeutung haben Tests, die gezeigt haben, dass der Abbau kognitiver Fähigkeiten im Alter gerade ncht durch typische Beschäftigungen wie Kreuzworträtellösen verlangsamt oder verhindert werden kann. Das Erlernen oder Spielen eines Instrumentes im Alterm, das eine Vielzahl hoch vernetzter Bereiche anregt, ist hingegen wirkungsvoll. Dies gilt insbesondere für den Frontalbereich des Stirnhirns, der für das bewusste Lernen eine hohe Bedeutung hat, sich in der Entwicklung zuletzt ausformt und auch zuerst wieder abgebaut wird. Laut Jäncke kann davon ausgegangen werden, dass Demenzerkrankungen unter anderem wegen der gestiegenen Lebenserwartung und der höheren Anzahl älterer Menschen in den kommenden Jahren deutlich zunehmen werden. Da öffnet sich also auch für traditionelle Formen des Musizierens als Form der Therapie ein weites praktisches Feld.
Ob sich der Erwerb musikalischer Skills in Form von Transferleistungen auch auf andere Fähigkeiten übeträgt, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Laut Jäncke häufen sich die Hinweise, dass solche Transfers bestehen, und zwar vor allem in der Verbesserung von Kommunikationsfähigkeiten und Gedächtnisleistungen. Während erste, eher naive Nachweise solcher Übertragungen – etwa der berüchtigte «Mozart-Effekt» (siehe Dossiertext) – sich weitgehend als Artefakte erwiesen haben, zeigen neuere breit angelegte und solide designte Langzeitstudien, dass Schüler, die Musikunterricht erhalten, Defizite in Mathematik zu kompensieren vermögen oder über bessere verbale Geschicklichkeiten verfügen.
In der Schlussdiskussion zu seinem Referat äusserte sich Jäncke grundsätzlich zur Frage, wie Musiktherapie definiert werden sollte. Er wies dabei auf einen zur Zeit zu beobachtenden fliegenden Paradigmenwechsel hin: Nicht mehr ein eher unscharf umrissenes Hilfverfahren, das viele Schulen und Methoden umfasst, steht heute im Zentrum des medizinischen Interesses. Vielmehr geraten spezifische Indikationen und eng begrenzte Therapieverfahren für spezielle Anwendungen – zum Beispiel Migräne oder Tinnitus-Bekämpfung oder Unterstützung beim Neulernen von Bewegungsmustern nach Schlaganfällen – in den Fokus des Interesses. Dieses Umdenken sei die Voraussetzung dafür, dass musiktherapeutische Interventionen im klinischen Alltag und von den Kostenträgern ernst genommen werden könnten. Es entspreche den üblichen Gepflogenheiten im Heilmttelbereich, wo ja auch nicht einfach bestimmte Schulen als Ganzes zugelassen würden, sondern jeweils die einzelne Therapie für ein klar definiertes Krankheitsbild beurteilt werde. In Sachen Wirksamkeitsnachweisen habe die Musiktherapie aber noch deutliche Defizite.
| Silke Jochim unterstreicht die Bedeutung des Beziehungsaspektes in klinischen Formen der Musiktherapie. | ![]() |
Silke Jochims: Musiktherapie in der Neurorehabilitation
Die Perspektiven der Musiktherapie in der Neurorehabiliation umriss die Lübecker Musik- und Psychotherapeutin Silke Jochims, die zunächst auch einmal konstatierte, dass Musiktherapie ein weites und schwer abgrenzbares Feld darstellt, auf dem nach wie vor eine Fülle an sich teils gegenseitig bekämpfenden Schulen aktiv sind. Sie plädierte dafür, diese gegenseitigen Abgrenzungen zu überwinden und sich auf den wichtigen gemeinsamen Nenner zu konzentrieren: den Beziehungsaspekt.
Auch in dieser Hinsicht, so Jochims, habe in den letzten Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Sei Musiktherapie von den frühen Formen der passiven und distanzierten Beobachtung des Patienten durch die Therapeutin oder den Therapeuten geprägt gewesen, habe sich bis heute mehr und mehr die Beziehungsaufnahme vom Therapeuten zum Patienten als zentrales Anliegen der Therapieform durchgesetzt. Die Bedeutung des Bezehungsapektes werde in der Neurorehabilitation oft noch unterschätzt, fügte die Lübeckerin hinzu. Die Betroffenen litten nicht selten unter ständigem Wechsel von Bezugs- und Pflegepersonen.
In Sachen Wirksamkeitsnachweisen kehrte sie den Spiess um – mit dem Hinweis, dass die Akzeptanz von Therapieformen auch viel mit Gewöhnung und selektiver Wahrnehmung zu tun hat. So sei etwa die etabliertere Physiotherapie genauso in einem Erklärungsnotstand – angesichts neuerer Studien, die ihre Wirksamkeit ebenso in Frage stellten. Unterschiedliche Wahrnehmung spiele aber auch eine Rolle, wenn es um die spezifischen Indikationen gehe. Da präsentierte Jochims interessante Untersuchungen, die zeigen, dass Ärzte das Potential der Musiktherapie für kognitive und motorische Funktionsdefizite deutlich höher einschätzten als die Therapeuten, letztere hingegen das Vermögen der Musiktherapie zur Verbesserung der Lebensqualität als ungleich wichtiger betrachten als die Ärzte. Die evidenzbasierten Methoden der Musiktherapie sind zwar nötig, reichen laut Jochims aber nicht aus, weil sie auf die Störungen und nicht auf das Leiden der Patienten schauten. Es gelte, letzteres ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung zu stellen.
Die Indikationen für den Einsatz von Musiktherapie in der Neurorehabilitation, führte Jochims weiter aus, sind überaus zahlreich, sie reichen von der sensorischen Stimulation und Integration über die Stützung kognitiver Fähigkeiten und den Umgang mit Emotionen bis hin zur Schulung psychosozialer Fertigkeiten. Die Basis dazu liefert das ICF-Modell der WHO (International Classification of Functioning, Disability and Health), das im Gegensatz zum traditionelleren Diagnoseschlüssel der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) die psychosozialen Aspekte von Indikationen betont. Es führt, so hofft Jochims, zu Änderungen des Menschenbildes in der Neurorehabilitation – hin zu einem patienten- und empathiezentrierten Denken, in dem die Musiktherapie ihre spezifischen Stärken besser ausspielen kann. Für sie gilt es, «Pädagogisches Fördern und Fordern mit psychologischem Verstehen im affektiven Raum» zu kombinieren, um letztlich ihr eigentliches Ziel, nämlich die Erhöhung der Lebensqualität zu erreichen.
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Anne Kathrin Leins: Klinische Anwendungsstudien
Der Skepsis Jänckes mit Blick auf verfügbare Studien zum Wirksamkeitsnachweis von Musiktherapie versuchte die Heidelberger Musiktherapeutin Anne Kathrin Leins als Vertreterin der klinischen Forschung zu entgegnen – mit einer Übersicht über die hohe Anzahl tatsächlich vorliegender Arbeiten. Die meisten davon stammen aus dem Umfeld des in Amerika tätigen Michael Thaut, der als rühriger Verfechter evidenzbasierter Methodik in der Musiktherapie zu einer Art Galionsfigur des neuen Paradigmas geworden ist. Wie von Jäncke angesprochen, kann mit Blick auf Wirksamkeitsnachweise nicht mehr einfach global die Musiktherapie zur Diskussion stehen, sondern bloss die einzelne, klar definierte Indikation, der wiederum eine klar definierte therapeutische Intervention gegenüberstehen muss. Diese werden von den Verfechtern evidenzbasierter Methoden in Kompendien, respektive Manuals festgelegt.
Mit Blick auf die schwierige Frage, wie Musiktherapie zu definieren sei, fährt Leins einen pragmatischen Kurs, indem sie einfach alles unter den Begriff subsummiert, in dem Musik zu therapeutischen Zwecken zum Einsatz kommt. Dies ist sicherlich die neutralste Form der Umschreibung, zeigt aber auch, dass der Oberbegriff verschiedenster Methoden und Schulen im Grunde genommen keine Erklärungs- und Abgrenzungskraft hat.
In ihrem Referat diskutierte Leins namentlich Arbeiten, die mit Blick auf Techniken zum Einsatz von Musik im Gang- und Bewegungstraining, im Sprach- und Sprechtraining sowie in der Schulung der Kognition realisiert worden sind. Eine Studie zur musikmedizinischen Gangrehabilitation von hemiparetischen Patienten nach Schlaganfall hat sie gemeinsam mit Michael Thaut durchgeführt. Dabei zeigten sich durchaus auch typische Mentalitätsunterschiede im Denken der amerikanischen und deutschen Forschergemeinschaften. Letztere stellten in ihrer deutschen Teilstudie nämlich auch die Frage, ob die Interventionen auch einen Einfluss auf die Patientenzufriedenheit ausüben – ein Aspekt, den die amerikanischen Kollegen offenbar als irrelevant betrachten. (wb)

