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Philosophie oder Platitüde? Ein Cross-Over

12.11.2010

Am 24. November 2010 gastiert der Klassik- und Rock-Geiger David Garrett mit seinen überaus erfolgreichen «Rock Symphonies» im Basler St.Jakob-Stadion. Er ist nicht der einzige, der immer mal wieder Ausflüge in fremde Gefilde unternimmt.

von Meret Michel*


Ob als Geigenvirtuose oder Parfüm-Model, David Garrett erobert die Herzen der Teenager im Sturm. Sein neustes Album «Rock Symphonies» – Nirvana und Aerosmith gecovert mit Orchester – belegt momentan Platz eins der deutschen Charts. Die Mädchen lieben ihn, den jungen, schönen Geiger, der mit seiner Stradivari so viel Herzschmerz in Kurt Cobains Melodien zaubert, und hören nun statt Lady Gaga auch mal Beethoven.

Bei Musikkritikern wiederum hält sich die Euphorie in Grenzen – auch wenn sie nicht an Garretts Talent und technischen Können zweifeln, so ist der Tenor doch eher nüchtern bei der Beurteilung seiner musikalischen Grenzgänge.

Nicht ganz zu Unrecht, gerade das Zusammenführen von Orchester und Rockband gelingt ihm nur bedingt. Der Auftakt überzeugt noch: In «Smells Like Teen Spirit», der vom spannungsvollen Orchesterintro nahtlos in einen soliden Hardrock-Refrain übergeht und welchem Garrett mit seinem virtuosen Spiel den Glanz verleiht. Doch schon im darauffolgenden Guns’n’Roses-Hit «November Rain» verliert sich das durchdachte Arrangement in zu viel Kitsch und Süsse.

Schwankende Qualität und kein klares Profil sind die Folge der Diskrepanz zwischen den Erwartungen seiner Fans und seinen eigenen Ansprüchen. Für Künstler ist es ohnehin nicht einfach, mit ihren Fusionswerken sowohl den Erwartungen des Publikums wie auch der Kritiker gerecht zu werden und dabei auch noch einem hohen Qualitätsstandard zu genügen.

Weshalb diese Skepsis gegenüber Experimenten zwischen klassischer und nicht-klassischer Musik? Schliesslich gehören Mischungen zwischen Jazz, Funk, Rock und Pop schon lange zum guten und kreativen Ton. Dort gilt oft sogar: je mehr kombiniert, desto innovativer.

Doch Klassik grenzt sich ab und wird als Sonderfall ausgeklammert. Für die einen ist sie ein Antiquitätengeschäft, in welchem man nichts anfassen darf, und in welchem man als Nicht-Kenner auch nicht willkommen ist. Die anderen wiederum sehen in den immer gleich klingenden Drei-Akkorde-Boom-Boom-Hits einen trampelnden Vierbeiner, der mit seiner plumpen Art eine Gefahr für die fein arrangierten Kunstwerke darstellt.

Was für ein Wagnis also, sich auf eine solche Verschmelzung einzulassen! Die meisten von ihnen haben zum Ziel, nicht nur sich selbst, sondern auch das Publikum um eine Erfahrung zu bereichern, und vielleicht die Tür zu einer neuen musikalischen Welt zu öffnen. Und was man auch gegen Garrett sagen mag, dieses Ziel hat er erreicht: Er führt ein junges Publikum an die klassische Musik heran. Auch wenn nicht jeder Garrett-Fan deswegen zum Klassik-Liebhaber wird, so hilft er doch, das Image dieser für viele verstaubten Musikrichtung aufzuwerten.

Doppelbegabungen sind selten

Grundsätzlich kann man Kreuz-über-Produktionen in zwei Kategorien einteilen: In der ersten versucht der Künstler, zwei Musikrichtungen zu verflechten, und im Idealfall etwas Neuartiges zu erschaffen. Die zweite bezeichnet jene Interpreten, die nicht zwei Stile kombinieren, sondern sich in einem komplett anderen Fach versuchen.

Was entsteht beispielsweise, wenn ein anerkannter Liedersänger ein Jazz-Album produziert? Die Antwort darauf liefert Thomas Quasthoff, der mit seiner neusten CD «Tell It Like It Is» schon sein zweites nicht-klassisches Album in die Läden bringt.

In der Klassik ist er eine Autorität, seit über 20 Jahren in der internationalen Opern- und Konzertszene, ausserdem unterrichtet er Gesang an der Hanns Eisler Hochschule in Berlin. Nun erweitert er einmal mehr sein Spektrum.

Statt Jazz, wie in «Watch What Happens» präsentiert er uns in «Tell It Like It Is» eine Reihe ausgewählter Blues- und Soulperlen. Mit seiner vollen Bassstimme bringt er eine wohlige Wärme in die Klassiker und mit der bewusst schlank gewählten Begleitung, bestehend aus Schlagzeug, Bass, Gitarre und Klavier, lässt er die Stücke wie selbstverständlich leicht und elegant erscheinen. Offen bleibt, ob er als Jazzer das gleiche Potential hat wie als Klassiker.

Ein weiterer Grund, warum das Publikum skeptisch ist gegenüber Stilwechseln bekannter Musiker: die Angst, einen hervorragenden Klassiker zu verlieren, und dafür einen mittelmässigen Unterhaltungsmusiker zu erhalten. Doch meist bleibt diese Angst unbegründet, im Gegenteil: Ein einzelnes Cross-Over-Album stellt keine Absage an die Klassik dar (auch Quasthoff steht nach wie vor mehr mit Schubert und Beethoven als mit seiner «Funny Valentine» auf der Bühne).

Und auch wenn eine solche Eskapade oft nicht den Jazz oder Rock revolutioniert, so kann sie nur als Bereicherung in der musikalischen Entwicklung eines Künstlers gesehen werden – Schaden wird sie auf keinen Fall anrichten.

Heimkehr statt Fremdgehen

Ein anderer weltbekannter Sänger wagt sich weg von der Opernbühne: Rolando Villazón, der 2009 wegen einer Stimmbänderoperation mehrere Monate pausieren musste, hat im September 2010 seine erste CD nach seinem Wiedereinstieg präsentiert – nicht Verdi oder Mozart, sondern „México!“, eine Hommage an sein Heimatland anlässlich dessen 200. Jahrestags der Unabhängigkeit. Eine Sammlung von bekannten Boleros und weniger bekannten Volksliedern, denen Villazón mit seinem Temprament kräftig einheizt.

Auch wenn die ausgereifte Stimme des Tenors bei den schmachtenden Boleros fast überqualifiziert scheint, so gelingt es Villazón doch, mit seinem Gefühl für die Musik und der dezent als Kammerorchester gewählten Begleitung die richtige Stimmung hineinzuzaubern.

Statt Angst zu haben, einen wertvollen Opernsänger zu verlieren, mutmassen hier manche Kritiker, dass dies das endgültige Ende einer grossartigen Karriere sein könnte. Ob dem so sei, wird sich zeigen. Nichtsdestotrotz: „México!“ ist eine wundervolle Liebeserklärung an Villazóns Heimatland und zeugt von musikalischer Reife und Eigenständigkeit.

Zieht man nun hier das Fazit, so kommt man unweigerlich zum Schluss, dass Cross-Over-Produktionen zwar in der Laufbahn eines Künstlers durchaus eine wichtige Rolle spielen können, jedoch im Regelfall nicht viel Neues aufs Papier, beziehungsweise ins Musikarchiv bringen. Was ist aus dem fast schon philosophischen Vorsatz geworden, die Schubladen der Musik zu verlassen und etwas Neues zu kreieren?

Das letzte Beispiel liefert darauf zwar keine allumfassende Antwort, und doch kommt es dem Anspruch beeindruckend nahe:

Er ist das Gegenstück zum klassischen Geiger der Rock produziert: ein Techno-DJ und Produzent der Klassik remixed – oder besser: recomposed, Titel einer neuen CD-Serie der Deutschen Grammophon. Die dritte und neuste Veröffentlichung der Serie ist Matthew Herberts Version der 10. Symphonie von Gustav Mahler.

Im Mai 2010 erschien sie mit Blick auf Mahlers 100. Todestag nächstes Jahr – und somit hundert Jahre nach seiner Unvollendeten Zehnten. Der von der elektronischen Musik herkommende Produzent Matthew Herbert ist bekannt für seine intellektuelle Interpretation von Musik und spaltet mit politischen Statements in seinen Samples Kritiker und Verehrer.

Über seelische Abgründe zur Vollendung

In der Ausdeutung von Mahlers Zehnter (bei ihm mit einem römischem «X») ergründet er die seelischen Abgründe Gustav Mahlers. Mit subtilsten Mitteln versucht er die seelischen und musikalischen Themen fassbar zu machen – so hat er die Symphonie zum Beispiel in einem Krematorium abgespielt und das Aufnahmemikrofon hinter einem Vorhang plaziert.

Die Aufnahme wird dadurch so leise und dumpf, dass sie mehr und mehr wie ein entferntes Echo klingt; die musikalischen Aufschreie im Original verwandeln sich in ein Flüstern, und die Abgründe verschwinden im Nebel.

Nur ein einziges Mal bricht die Musik aus, wird lauter und vermischt sich mit elektronischen Klängen, als ob der Tod zum Greifen nahe wäre. So schnell und unerwartet wie er sich gezeigt hat, verschwindet er wieder und die Musik hellt auf. Immer leiser werdend verklingt sie, und sie endet schliesslich in einem kaum mehr hörbaren Dur-Akkord. Vollendet.

*Meret Michel ist angehende Volkswirtschafts- und Philosophie-Studentin und lebt in Bern.

Infos:
David Garrett «Rock Symphonies», Decca Records/Universal, 4782597.
Thomas Quasthoff «Tell Me Like It Is», Deutsche Grammophon/Universal, 477 8614.
Rolando Villazón «México! Featuring Bolivar Soloists»,
Deutsche Grammophon/Universal, 477 8769.
«Recomposed by Matthew Herbert Mahler Symphony X», Deutsche Grammophon/Universal, 06025 2734438 6.

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