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«Wagners Welten» in München

08.11.2003

Richard Wagner gewidmet ist eine umfangreiche Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, die bis zum 25. Januar 2004 dauert. «Wagners Welten» entrollt ein breit angelegtes Panorama, das auf Wagner bezogen Musik und Theater, Gesellschaft, Philosophie und Politik des 19. und 20. Jahrhunderts erörtert. Leitlinie der optisch und akustisch üppig inszenierten Schau ist die «enthusiastische Ambivalenz», die Thomas Mann zum Schaffen und zur Person des Musikdramatikers einnahm.

München, die «Richard-Wagner-Stadt», war auch die «Hauptstadt der Bewegung». Am 10. Februar 1933 hielt Thomas Mann an der Münchner Universität aus Anlass von Wagners 50. Todestag den Vortrag «Leiden und Grösse Richard Wagners». Mitte April publizierten die «Münchner Neuesten Nachrichten» den «Protest der Richard-Wagner-Stadt München», einen vom Bayerischen Staatsoperndirektor Hans Knappertsbusch initiierten Schmähartikel, den unter vielen anderen auch Richard Strauss, Hans Pfitzner und Olaf Gulbransson unterzeichneten. Der Schlusssatz: «Wer sich selbst als dermassen unzuverlässig und unsachverständig in seinen Werken offenbart, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger deutscher Geistesriesen.»

Allerdings war es letztlich nicht, wie Ausstellung und Katalog suggerieren, diese Hasstirade, die den in der Schweiz weilenden Dichter zum Verzicht auf die Rückkehr ins nationalsozialistische Deutschland bewog; vorangegangen waren der Reichstagsbrand, die Beschuldigung des «geistigen Landesverrats» und Manns Austritt aus der Sektion für Dichtung der Preussischen Akademie der Künste. Immerhin teilt Thomas Mann mit Richard Wagner das Schicksal, aus München, wo er seit 1894 gewohnt hatte, vertrieben worden zu sein.

Zwischen Bewunderung und Abneigung

«Leidend und gross, wie das Jahrhundert, dessen vollkommener Ausdruck sie ist, das neunzehnte, steht die geistige Gestalt Richard Wagners mir vor Augen» – so beginnt Thomas Mann den Essay «Leiden und Grösse Richard Wagners» (1933). Die Idee, den Wagner-Kenner Thomas Mann (1875–1955) durch die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum führen zu lassen (sie stammt vom ehemaligen Münchner Kulturreferenten Jürgen Kolbe), erweist sich als lohnend. Denn der 1929 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Dichter, in dessen Schaffen Person und Wirkung Wagners von den «Buddenbrooks» über «Tristan» und «Wälsungenblut» bis zum «Doktor Faustus» unverkennbare Spuren hinterlassen haben, reflektiert Wagner, «wahrscheinlich das grösste Talent aller Kunstgeschichte» (1927), im Spannungsfeld zwischen Enthusiasmus und Antipathie, Bewunderung und Abneigung («Gewiss, es ist viel ‚Hitler‘ in Wagner», 1950).

Keine Hagiographie ist dementsprechend die Ausstellung, die in Thomas Manns differenzierter Reflexion (zu komplex und ambivalent für an Schlagworten sich ausrichtende einfache Gemüter) einerseits zwar Annäherung, andrerseits Abstand zu Wagner dokumentiert, jedenfalls und durchgängig Zwiespältigkeit zu ihrem Thema macht, Disharmonien, die in der Persönlichkeitsstruktur wie im Werk offenbar werden. Dies in der Darstellung und Beschriftung der Exponate wie in der Gliederung der Schau aufzudecken, in Hunderten von Selbstzeugnissen und von Meinungen Dritter zur Sprache zu bringen, ist kein geringes Verdienst des Teams, das «Wagners Welten» gestaltet und den Materialienkatalog verfasst hat – in einer Rekordzeit von nur acht Monaten.

Die Fülle des Ausgebreiteten – über 600 Exponate – und die enge Verbindung von Objekten und Zitaten sperren sich gegen einen Eilgang durch die Räume, fordern von den Besuchenden die Bereitschaft, sich ohne Hast einzulassen auf Geniales, weit Ausstrahlendes, auch auf Fragwürdiges, Disparates, auf Zweifel, auf Verunsicherung.

Wagner und München

München, die «Richard-Wagner-Stadt». Dort und in deren Nähe hatte der Meister 1864/65 am Beginn der bis zu seinem Tod 1883 dauernden Königsfreundschaft mit Ludwig II. gewohnt. In München waren «Das Rheingold», «Die Walküre», «Tristan und Isolde» und «Die Meistersinger von Nürnberg» (postum zudem «Die Feen») uraufgeführt worden. 1901 wurde in Konkurrenz zu Bayreuth das Prinz-Regenten-Theater («amphitheatralischer Zuschauerraum, versenktes Orchester») als Richard-Wagner-Festspielhaus eingeweiht. München bildet einen Schwerpunkt in «Wagners Welten».

Wagner und München: Zur Darstellung kommen in diesem Raum die Wagner-Pflege, das antisemitische Pamphlet «Das Judenthum in der Musik», welches Wagner 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank publizierte und 1869 unter seinem Namen in erweiterter Form nochmals auflegte. Aus düsterer Epoche: die Reaktionen auf Thomas Manns Festrede «Leiden und Grösse Richard Wagners», Wagner und sein Werk im Dritten Reich.

Der königliche Mäzen

Die Beziehung Wagners zu Ludwig II. – er bestieg als 19-jähriger 1864 den Thron – wird im angrenzenden Saal thematisiert. Seine unbändige Wagner-Schwärmerei liess der Märchenkönig sich (bzw. seine Untertanen) ein Heidengeld kosten. Doch alles ist relativ: Für sein Schlafzimmer in Herrenchiemsee wandte er 652.000 Mark auf, immerhin 90.000 mehr als insgesamt für Wagner, dem er mit grosszügigen Geldmitteln die Vollendung des künstlerischen Werks, den Bau der Villa Wahnfried und das Festspielhaus in Bayreuth sichern half. Den opulent ornamentierten Prunkschrank gilt es zu bewundern, in dem Ludwig diverse Wagner-Partituren hütete, darunter «Das Rheingold» und «Die Walküre». Die Handschriften wurden 1939 durch die Deutsche Industrie erworben und Hitler geschenkt; im Führerbunker der Reichskanzlei sind sie 1945 verschollen. Gezeigt werden aber kann als kostbarstes Exponat die Originalpartitur der «Meistersinger».

Das Bauprojekt Ludwigs II. für Wagners «Ring des Nibelungen» gedieh nicht über das Modellstadium hinaus: 1864 gab der König bei Gottfried Semper «ein grosses steinernes Theater» in Auftrag, das nördlich des Maximilianeums zu stehen kommen sollte. Eine grossflächige Videosimulation führt das gescheiterte Theaterbauprojekt eindrücklich vor Augen.

Wagner-Devotionalien

Bereits zu Lebzeiten des Komponisten begann die industrielle Verwertung seines Mythos. «Wagner für alle» und für einmal zum Schmunzeln: Ansichtskarten, Sammelbildchen (Liebig’s Fleisch-Extrakt, Dr. Thompson’s Seifenpulver), Porzellanfiguren, Wagner-Köpfe zwecks Klavierkrönung, Briefbeschwerer, Lohengrin-Schale und Tannhäuser-Papiertheater-Figurenbogen, hölzerne Marionetten, Wagner-Melodien für die Spieldose, für das mechanische Piano und die Kirmes-Orgel, Wagner als Aschenbecher und als Kerze, dramatische Szenen aus Wagner-Opern auf Dachkantenteilen eines Karussells. Popularisierende Verniedlichungen für den bourgeoisen Geschmack. Und Wagner-Musik als emotionale Droge: Dass sich Filmregisseure immer wieder nutzbringend beim Bayreuther Meister bedienen, führen Beispiele aus Werken wie Chaplins «The Great Dictator» (1940), Coppolas «Apocalypse Now» (1979) und Luhrmanns «Romeo and Juliet» (1996) vor.

Richard Wagner, Musiktheatergenie, Egozentriker und pompöser Selbstdarsteller, politischer Revoluzzer und speichelleckend unterwürfiger «Unterthan» Ludwigs II.: In fünfzehn Stationen auf zwei Stockwerken mit einer Ausstellungsfläche von 2000 Quadratmetern werden die wesentlichen Facetten von Leben und Wirken beleuchtet, verständlich auch für Wagner-Novizen. Zitate aus Büchern, Reden und Briefen Thomas Manns sind nicht die einzigen schriftlichen Zeugnisse, die sich als verbindendes Element durch die Ausstellung ziehen; es kommentiert Wagner selber, und es äussern sich berühmte Zeitgenossen und Nachgeborene – eine spannungsvolle Meinungs-Collage von Wagner-Verehrern und -Verächtern.

«Anhänger der Umsturzparthei»

Werkbezogen in chronologischer Ordnung erschliessen sich Wagners Kosmen, beginnend mit dem frühen Schaffen («Die Feen», «Das Liebesverbot», «Rienzi»), mit Vorbildern und dem Hauptfeind Giacomo Meyerbeer, der den jungen Komponisten nachdrücklich unterstützte, dafür dessen Hass erntete, und mit dem entbehrungsvollen ersten Paris-Aufenthalt. Anschliessende Kabinette sind dem «Fliegenden Holländer» gewidmet – von ihm liegt der Klavierauszug mit eigenhändigen Regiebemerkungen Wagners auf (München 1864) –, dem «Tannhäuser» und «Lohengrin».

Kapellmeister Wagner, «Sozialist und Kulturoptimist» (Thomas Mann), hatte sich, obzwar später von ihm in Abrede gestellt, wohl in vorderer Linie an der Seite Michail Bakunins am Mai-Aufstand 1849 in Dresden beteiligt. Die «erhabene Göttin Revolution» (Wagner) scheiterte, die alte Oper brannte aus; in seine «Annalen» notierte Wagner: «Opernhaus nun abgebrannt: Sonderbares Behagen».

Liszt besorgte ihm falsche Papiere, und Wagner flüchtete mitsamt Hündchen und Papagei ins Exil in die Schweiz. Zeugen in der Ausstellung sind Steckbriefe gegen Richard Wagner: «einer der hervorragendsten Anhänger der Umsturzparthei», «trägt eine Brille». Erst 1862 ist Wagner amnestiert worden.

Auch im weiteren Gang durch Wagners Leben und Œuvre überraschen Vielfalt und Vielseitigkeit der Dokumente, darunter eine Menge Raritäten, zur Verfügung gestellt von über vierzig Leihgebern aus dem In- und dem Ausland: Figurinen, Bühnenbildentwürfe und -modelle, Szenenbilder, Theaterzettel, Fotografien, Porträts, Büsten, Karikaturen, Wagner-Instrumente (darunter die Beckmesser-Harfe, die Tristan-Trompete, das Tárogató als Englischhorn-Ersatz in «Tristan»), Prunkschalen und Bilder mit Szenenfolgen und all die modellierten Helden und Schwäne, die der König für seine Schlösser anfertigen liess.

Mit klingenden Exempeln gesättigt ist diese von Norbert Götz, Max Oppel und Manfred Wegner realisierte Schau: In Tonräumen hinter schweren Vorhängen taucht man ein in Szenen aus Wagners Musikdramen vom «Holländer» bis zum «Parsifal», hört Ausschnitte, betrachtet hier eine Videoaufnahme, dort Bühnenbildentwürfe oder Requisiten.

Die «Ring»-Tetralogie, von Wagner konzipiert für das Festspielhaus in Bayreuth, dessen Bau mit Plänen und Modellen dokumentiert wird, dient als Beispiel für den Wandel des Bühnenbild- und Inszenierungsstils von der Uraufführung 1876 bis heute, aufschlussreich zu verfolgen am «Walküre»-Felsen. Fazit: Das Bemühen um die Originalgestalt darf subjektive Sichtweisen nicht ausschliessen, denn jede von kreativen Kräften getragene Aufführung ist kritische Auseinandersetzung, ist aktualisierende Vermittlung zwischen den Epochen, hat das Werk für die jeweilige Gegenwart zu erschliessen.

Apropos «Ring»: Mit dreissig szenischen Darstellungen aus der «Ring»-Tetralogie liess Ludwig II. seine Münchner Residenz ausstaffieren. Michael Echter schuf zwischen 1864 und 1867 die grossen Fresken; Wagner nahm auf des Monarchen Wunsch im Entwurfsstadium Einfluss auf deren Inhalt und Gestaltung. Der Nibelungengang, etwa 31 Meter lang und 3,5 Meter breit, wurde 1944 zerstört – erhalten geblieben jedoch sind 29 Gouachen, Kopien, die Franz Heigel im Auftrag des Königs erstellte. Erstmals nun kann dieser interessante Korpus in seiner Gesamtheit präsentiert werden.

Freunde und Frauen

Berühmte Zeitgenossen säumen Wagners Lebensweg, die wichtigsten in Bild und Text auch den Gang durch die Ausstellung: der Exilant Heinrich Heine (Wagner vertonte 1839 dessen Gedicht «Les deux grenadiers» und wurde von Heine mit der Sage des über die Ozeane irrenden Holländers vertraut gemacht), Schopenhauer (Thomas Mann: «Die Bekanntschaft mit der Philosophie Arthur Schopenhauers ist das grosse Ereignis im Leben Wagners»), Franz Liszt, der stets hilfreiche Freund und Schwiegervater, Giuseppe Verdi, der italienische Antipode Wagners, und Friedrich Nietzsche («Wir waren Freunde und sind uns fremd geworden»), Charles Baudelaire, Avantgardist des Wagnerismus in Frankreich, der britische Grafiker Aubrey Beardsley mit «Venus and Tannhäuser», Wagner-Dirigenten und, quasi als Ensemble, Wagner-Interpretinnen und -interpreten.

Und natürlich: Wagners Frauen, Minna Planer und Cosima Liszt, aber auch eine Reihe von Gefährtinnen, mit denen der Meister liiert war, darunter Mathilde Wesendonck, deren Wagner geschenkte Goldene Feder samt Tintenfass ausgestellt ist. In einem diskreten Kabinett in zwei von Porträts dieser Frauen und Familienbildern umgebenen Vitrinen Kleider, Hüte, Stiefel und Accessoires von Richard und Cosima Wagner.

Und am Ende: Tod in Venedig. Wagners Totenmaske. Das Kondolenzschreiben aus der Hand des Königs. «Leichenbegängniss» und Beisetzung in Bayreuth.

Ein Tod, der nicht versöhnt, eine kontroverse Ausstellung: Geniales und Dilettantisches, Liebe und Hass, Zauber und Grauen.

Bilder (aus dem Ausstellungskatalog):
Richard Wagner (1813–1883). Porträt von Caesar Willich (1862; Öl auf Leinwand, 35 x 26 cm).
König Ludwig II. in Uniform (um 1867; Öl auf Leinwand, 73 x 61 cm).
Lohengrin mit dem Schwan. Bemalte Porzellanfigur, Entwurf von Caspar Clemens von Zumbusch (1865; Manufaktur Meissen, 40 x 50 x 22 cm).
«Rheingold», 1. Szene. Gouache von Franz Heigel nach Michael Echter (1865; 64,5 x 48 cm).

Der von Jürgen Kolbe herausgegebene reichhaltige Katalog mit Einführungstexten zu den Ausstellungsstationen, 344 farbigen und 94 schwarzweissen Abbildungen umfasst 372 Seiten. Edition Minerva, Wolfratshausen 2003. 28 Euro. (ws)

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