18.07.2007
Vergangene Woche fanden Zürichs Hochschulen, Konzertlokale und Gassen zu einer einzigartigen Gesamtschau auf die klingende Kunst zusammen. Der 18. Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft führte rund 1000 Wissenschaftler an die Limmat.
Der Ausklang der traditionellen Juni-Festwochen – sie waren dieses Jahr dem Werk Robert Schumanns gewidmet – bildete zugleich den Auftakt zum 18. Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft, der knapp tausend Gelehrte und Studierende aus allen Winkeln der Welt an die Limmat führte (das letzte Mal wurde der Kongress 1949 in der Schweiz, in Basel, durchgeführt). Die Gelegenheit am Schopf packte überdies der Schweizerische Tonkünstlerverein, der parallel zu dem Weltkongress das 107. Nationale Tonkünstlerfest realisierte – mit zwei Dutzend Konzerten und einem Dutzend über die ganze Stadt verstreuten Klanginstallationen.
Organisiert wurde der Kongress vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich, und dies in mustergültiger Weise. Keine einfache Sache, galt es doch, rund hundert in der Regel ganztätige Symposien, verschiedenste Exkursionen und Stadtführungen, zahlreiche Präsentationen von Verlagsprojekten sowie vier Plenumsvorträge auf die Schienen zu bringen. Als Keynote-Speaker amteten Ludwig Finscher, Kofi Agawu, Otto Oexle und der polnische Lyriker Adam Zagajewski.
Die Themen der Debatten reichten von der Musiktheorie in der Antike über Spezialinteressen wie Blasmusik, spanische Renaissance-Handschriften, Genderforschung, Ethnomusikologie und Methodologie bis zu lokalen und nationalen Themen – etwa zum Komponisten Ludwig Senfl oder zu Paul Sacher als Mäzen – und den Konzepten der experimentellen Musik im 20. Jahrhundert. Und obwohl es den Teilnehmern schlicht unmöglich war, in der Fülle der zwangsläufig parallel geführten und aus terminlichen Gründen wenig strukturierten Tagesplänen eine Gesamtschau zu erreichen, konnte immer wieder festgestellt werden, dass das vom Kongress vorgegebene, sehr allgemeine Thema «Passagen» vielererorts aufgenommen wurde.
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Die Musikwissenschaft bemüht sich vermehrt darum, gehört zu werden: Laurenz Lütteken (links), einer der Organisatoren des Kongresses, und Keynotesprecher Ludwig Finscher. |
Dies mag nicht nur damit zu tun haben, dass sich auch die globale Gemeinschaft der Wissenschaftler mit dem Aufkommen der modernen Kommunikationsmittel in einem bislang nie geahnten Umbruch befindet, sondern auch mit der Tatsache, dass das Fach unabhängig davon eine Phase der Neuorientierung und Rollensuche – eben eine Art Passage – durchlebt. Einen symbolischen Schlusspunkt hinter die grossen editorischen und kritischen Fragen der «klassischen» Musikwissenschaft haben dieses Jahr die feierlich abgeschlossenen Arbeiten an den Gesamtausgaben Bachs und Mozarts gesetzt. Auch weitere grosse Dokumentationsprojekte, welche die Musikwissenschaft über Jahrzehnte beschäftigt haben, sind weitgehend aufgegleist, seien dies nun die verschiedenen «Répértoires» – das Répertoire International de Littérature Musicale (Rilm), de Sources Musicales (Rism), de la Presse Musicale (Ripm) und der Ikonografie (Ridim), oder die zahllosen weiteren Gesamtausgaben und Kompendien, die den Gang der europäischen Musikgeschichte dokumentieren. Zudem hat das Fach parallel zum Verlust der Strahlkraft seiner einstigen Unité de doctrine in Form einer klassisch-romantischen und eurozentrischen Nabelschau die frühere Geschlossenheit verloren und sich mehr und mehr dem globalen Geschehen, der Ethnomusikologie, der populären Musik und der interdisziplinären Arbeit geöffnet.
Eine Wissenschaft vor tiefgreifenden Veränderungen
Dass der Wandel auch die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Faches berührt, zeigten zwei thematisch und personell eng verflochtene Symposien. Das eine stand unter dem Motto «Signs Beyond Signification» und widmete sich den semiotischen Konzepten im musikologischen Diskurs. Das andere warf unter dem etwas kryptischen Titel «Deep Listening in the Age of Eloquent Technologies» einen Blick auf die wachsende Bedeutung experimenteller Techniken und spielerischer Bottom-Up-Strategien in der Grauzone zwischen Geräusch und Musik, denen es darum geht, die physikalischen und kognitiven Grundlagen der Musik besser in den Griff zu bekommen.
Das erste hatten die Berliner Musikphilosophin Elena Ungeheuer und ihr Frankfurter Kollege Christian Thorau organisiert. Es wurde – gewollt oder ungewollt? – zum fruchtbaren Dialog deutscher und angelsächsischer Denktraditionen. Letztere war mit Nicholas Cook (University of London) und Eric Clarke (University of Sheffield) sowie Dana Gooley (Brown University) hochkarätig vertreten. Was man «deutsche Schule» nenne könnte, verfochten Roland Posner (TU Berlin) und Christian Kaden (Humboldt-Universität zu Berlin). Da wurde denn auch nicht mit markigen Positionsbestimmungen gespart: So stellte Kaden die kontinentaleuropäische Tradition der Semiotik mit generellen Zweifeln an der Behauptung in Frage, dass Musik in den üblichen Kategorien von Zeichensystemen gewinnbringend beschrieben werden könne. Als möglichen Ausweg nannte er eine praxisnahe Kasuistik – eine Vorankündigung dessen, was die kommenden Auseinandersetzungen charakterisieren sollte.
| Auch in Zürich als unvermeidlicher Bestandteil jedes Kongresses präsent: Verlagsausstellung mit Büchertisch. | ![]() |
Nelson Goodman, der mit seinem Buch «Sprachen der Kunst» bereits vor dreissig Jahren einen fundamentalen Beitrag zur Symbolfunktion von Musik verfasst hat, äusserte in seinem etwa zur gleichen Zeit entstandenen ontologischen Hauptwerk «The Structure Of Appearance» die Hoffnung, dass Philosophen dereinst mehr anhand der Themen, an denen sie arbeiteten, identifiziert würden, als an den Positionen, die sie einnähmen. Wie das Symposium zeigte, scheint sie sich noch kaum erfüllt zu haben. Da musste einmal mehr festgestellt werden, dass im Diskurs in der Regel mindestens soviele Theorieansätze entworfen wurden wie sich Referenten zu Wort meldeten, und dass anstatt der Diskussion solide fundierter Experimentaldaten nach wie vor das eher zufällig wirkende und nebenbei präsentierte Beispiel als doch eher wackelige Faktengrundlage herhalten muss.
Nicht ganz zufällig rekurrierte der vermutlich wegweisende Vorschlag für einen Ausweg aus der etwas verfahrenen theoretischen Situation auf den Amerikaner James Gibson, den Pionier der ökologischen Psychologie. Und nicht weniger zufällig dürfte er vom Briten Eric Clarke vorgebracht worden sein. Dieser machte sich für eine strukturell-ökologische Sichtweise der musikalischen Kommunikation stark, welche die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise in letzter Konsequenz näher an die empirischen Methoden der Naturwissenschaftler heranführen dürfte.
Herantasten an empirische Methoden der Systematik
Der Berliner Medientheoretiker Martin Carlé brachte, was hier in der Luft zu liegen schien, an dem zweiten Symposium auf den Punkt: Die Musikwissenschaft, so der mit Psychoakustik und Simulation beschäftigte Jungforscher, werde zur empirischen Angelegenheit.
Wie gross trotz der gegenseitigen Annährungen der Mentalitätsunterschied zwischen den mit Musik beschäftigten Natur- und Geisteswissenschaftlern aber nach wie vor ist, zeigte der Vortrag von Tom Fritz vom Leipziger Max-Planck-Institut, der seinen verhinderten Vorgesetzten Stefan Koelsch vertrat. Mit Blick auf die Frage nach der Universalität emotionaler Botschaften in der Musik erging er sich nicht in das unter Geisteswissenschaftlern übliche Räsonnieren über mögliche theoretische Perspektiven. Vielmehr präsentierte er in nüchtern-wacher Art unter anderem Resultate von Feldforschungen mit Einwohnern Kameruns, die mit westlicher Musik noch kaum je in Berührung gekommen, aber sehr wohl in der Lage sind, die von westlicher Musik zum Ausdruck gebrachten Emotionen Freude, Trauer und Erschrecken zu identifizieren.
Leider nimmt die Musikphilosophie diese immer vielfältiger werdenden Angebote der experimentellen Zunft (noch) nicht wirklich wahr. Auch in Zürich wurden keine Anstalten unternommen, wie in andern Disziplinen üblich, das immer reichlicher werdende empirische Material kritisch zu sichten, zu diskutieren und daraus wiederum emprisch überprüfbare Hypothesen oder gar Theorien abzuleiten.
Unterhaltende und durchaus geistreiche Unternehmungen wie der von Carlé vorgestellte Versuch, mit Hilfe von Helmholtz-Sirenen am Originalschauplatz der Odyssee – der Insel Capri – nachzuprüfen, wie der von Homer beschriebene Sirenengesang sich tatsächlich ausgebreitet haben dürfte, sind vorerst bloss spielerische Varianten der Idee des Experimentierens. Für eine systematische und tragfähige Theoriearbeit können sie nur sehr bedingt einen Ausgangspunkt bilden.
Selbst wenn sich da zufällige, aber dennoch interessante heuristische Hinweise auf die Beschaffenheit der akustischen Lebenswelt ergeben können, unterschätzen sie die Kunstfertigkeit und theoretische Fundierung, welche experimentelle Arbeit in der Wissenschaft heute auszeichnet. Die Geisteswissenschaftler wären gut beraten, das Experimentieren den Spezialisten zu überlassen und sich auf ihre Stärke, die skrupulöse Analyse von Strukturen und damit die Diskussion von Theorien, die sich aus dem Material ableiten liessen, zu konzentrieren. (wb)

